Neue Osnabrücker Zeitung
Montag, 12.12.2001
   Märchen als Weltentheater
   Von Ralf Döring

In sattem Rot leuchtet die Bühne im Großen Haus der Städtischen Bühnen Osnabrück. Die Figuren darauf: ein grelles  Panoptikum der Absonderlichkeiten. Fauchende Vampire und Rockmusiker-Typen, blinde Tattergreise, und eine graue und schmutzige, aber immerhin blondgelockte Maus, die am Ende als blumenbekränzte Prinzessin strahlen wird. Ja, und dann ist da noch dieser Bühnenarbeiter, der mal in Jeans und T-Shirt mit dem Emblem der Städtischen Bühnen zu sehen ist, mal als zerlumpter Bettler, mal mit finsterer Zauberermönchskutte: das Bühnenpersonal von Giacchino Rossinis Oper „Aschenputtel".

Foto: Uwe LewandowskiElisabeth Binder-Neururer hat Bühne und Personal so grell ausstaffiert und Beverly Blankenship nicht minder grell inszeniert. Das Team hat dem Osnabrücker Haus schon einen fulminanten Don Giovanni be-schert und mit ihrem Rossini-Märchen zünden es erneut ein funkelndes Licht an.

Beschwingt schnippen der von Christof Hilmer einstudierte Chor und die Solisten zum elektrisierend rumorenden Drive, den Till Drömann und das Osnabrücker Symphonieorchester entfesseln. Zwar eilen die Sänger im Presto-Parlando dem Orchester gelegentlich voraus, doch lässt sich Drömann davon nicht irritieren und bringt routiniert zusammen, was zusammen gehört.

In bester Slap-Stick-Manier prügeln und fallen die Darsteller auf der Bühne, und selbst aus dem Manko, dass deutsch gesungen wird, schlägt Blankenship mit Reminiszenzen an Brechts episches Theater Kapital. „Von Liebe überwältigt singt der Prinz italienisch" heißt es auf einer Tafel, die eine Bühnenarbeiterin hochhält, als Joan Ribaltas Ramiro mit lyrischem Tenor in die Originalsprache verfällt.

Unerschöpflich sprudelt Blankenships Quelle an Regieeinfällen. Die Grundidee ihrer Inszenierung formuliert Alidoro, den Jens Malmkvist mit profundem, wenn auch in der Höhe etwas brüchigem Bass auf die Bühne bringt. „Die Welt ist ein großes Theater", singt er Aschenputtel zu, bevor er sie zum Fest des Prinzen bringt. Blankenship lässt ihm drei Funktionen angedeihen: die des Bettlers, des Zauberers und vor allem - die eines Bühnenmeisters. Er ruft „Maestro" Drömann ans Pult, führt die Figuren wie Marionetten über die Bühne und küsst Aschenputtel ins Leben zurück, wenn die Vampir-Stiefschwestern Clorinda und Tisbe zu heftig zugeschlagen haben.

Cenerentolas Schuh, Bild: Sonja GrillenmeierMärchensymbolik, die Rossini und sein Textdichter Jacopo Ferretti aus ihrer „Cenerentola" gebannt haben, gibt Blankenship der Geschichte mit ironischer Zuspitzung zurück: eine überdimensionale Königskrone etwa, die sich unmöglich durch die Tür von Aschenputtels Zuhause bugsieren lässt, graue Stadttauben, die sich im Verlauf des Abends in herrliche weiße Ziervögel verwandeln, und auch die berühmten Schuhe gibt Blankenship ihrem Aschenputtel zurück - im Gegensatz zu Rossini, der daraus einen Armreif gemacht hatte.

Das spielfreudigen Ensemble zieht all seine komödiantischen Register und lässt sich mit hörbarer Wonne auf Rossinis Belcanto ein. Tom Sol plappert mit klarer Diktion als Don Magnifico drauf los und spielt einen gruselig-komischen Vampir-Papa. Ulrich Wands Dandini ist optisch zwischen David Bowie und Rod Stewart angesiedelt - nur dass er ihm keine whiskey- und zigarettenschwangere Reibeisenstimme, sondern baritonalen Wohlklang angedeihen lässt. Ein skurriles Schwesternpaar Clorinda und Tisbe: Als schwarze Grufti-Vampire entsteigen Kate Radmilovic und Elisabeth Umierski rauchenden Särgen, die im runden Podest auf der Bühne eingelassen sind, und wandeln sich später zu weißen Punk-Hexen à la Nina Hagen.

Über allen aber steht die um die Liebe von Stiefvater und -schwestern buhlende Aschenputtel Sophie Marilleys. Sie singt sich mit jugendlich frischer Stimme durch die rasanten Koloraturen, erklimmt mühelos die Spitzentöne und verleiht dem Gesangspart wie auch der Person Aschenputtel trotz aller komödiantischen Aspekte auch einen Hauch von Tragik.
 
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