Neue Osnabrücker Zeitung
Dienstag, 16.10.2001
    Fledermaus als Vampir ohne Biss
   Von Ralf Döring

In Strömen fließt er nicht gerade, der Champagner. Aber für einen aufgekratzten „Tanz der Vampire" reicht es. Zumal der neue Kapellmeister Alexander Steinitz mit der „Donner und Blitz"-Polka reichlich Dampf macht.

Und so wirbeln sie über die Bühne des Osnabrücker Stadttheaters, in der Choreografie Gregor Zölligs: ein Haufen mehr oder weniger abgerissener Typen, die für einen Abend bei Prinz Orlofsky die gelb-weiß gestreifte Knastuniform gegen Allonge-Perücke und Barock-Kostüm getauscht haben. Und über allem wacht Dr. Falke, genannt „die Fledermaus", die Titelfigur der gleichnamigen Meisteroperette von Johann Strauß. In Anette Leistenschneiders Inszenierung für die Städtischen Bühnen hat Falke eine weitere Mutation hinter sich: Wenn Ulrich Wand die schwarz geschminkten Lippen zum diabolischen Grinsen verzieht, entblößt er das Vampirgebiss.

Nicht alles an diesem Abend hat soviel Biss wie Falke, wenn er am Ende der Donner-und-Blitz-Einlage die Zähne in den Hals seines Freundes Eisenstein schlägt. Zwar setzt Regisseurin Leistenschneider jede Menge Pointen, die dank gut aufgelegter Sängerdarsteller auch zünden. Kate Radmilovic etwa lässt als Rosalinde nicht nur ihren Sopran funkeln, sondern brilliert auch mit herrlichem Mienenspiel, und es ist immer wieder schön, wie sie unter Alfreds - Ricardo Tamuras - strahlend-schneidigen tenoralen Kraftakten wachsweich dahinschmilzt. Tamura darf den Startenor mimen, bekommt sogar zwischen erstem und zweitem Akt Gelegenheit, ein „O sole mio" zu schmettern, und zwar in bester Pavarotti-Manier, weißes Taschentuch inklusive. Und das Haus tobt.

So perlen die Pointen reichlich, wenn auch nicht alle prickeln, und manche etwas sauer aufstoßen: etwa die Idee, Hans-Hermann Ehrichs saft- und kraftvollen Eisenstein den ganzen zweiten Akt lang Fuchsmaske und -schwanz tragen zu lassen. Auch ist das Glas, in dem Leistenschneider serviert, nicht gerade der letzte Schrei. Sie siedelt den ersten Akt im Schwimmbad der Eisensteins an, den zweiten in einem dunkelrot ausgeschlagenen Festsaal mit vielen, vielen Kerzen an der Wand, den dritten hinter den freundlich orangfarbenen Gittern von Gefängnisdirektor Franks (Tom Sol) Herberge (Bühnenbild: Karel Spanhak). So weit, so konventionell.

Foto: Margret HerdtLeistenschneiders „Fledermaus" spielt im Traumland der Operette; von der Doppelbödigkeit, vom champagner- und  walzerseligen Fatalismus der „Duidu"-Gesellschaft lässt Leistenschneider die Finger. Selbst die Blasiertheit eines Orlofsky (mit herrlicher Stimme: Stefanie Schaefer) ist hier nur vorgegaukelt, seinem „’s ist mal bei mir so Sitte" ist der bitter-scharfe Zahn gezogen. Nur Michael Ophelders als Gefängniswärter Frosch macht da eine Ausnahme. Er nutzt die Gunst der Stunde zu Anfang des dritten Aktes für einen Rundumschlag, kommt von Theater- zum Kulturetat und auf die Bomben in Afghanistan, auf chinesische Pflastersteine und Parkuhren, polemisiert gegen das Orchester, („spart am Piano"), und gegen die Witze des Intendanten. Freilich nicht, ohne den satirischen Charakter seiner Ausführungen zu unterstreichen.

Was das Orchester angeht, wäre ein Vorwurf auch wenig gerecht. Zwar gab es, gerade am Anfang, eine ganze Reihe kleiner Kickser und Patzer. Aber mit dem neuen Ersten Kapellmeister Alexander Steinitz entwickelte das Osnabrücker Symphonieorchester Schwung und Grazie. Gleiches gilt für den von Christof Hilmer gut vorbereiteten Chor und die Solisten: mit ihren „Klängen der Heimat" übertrifft Kate Radmilovic jeden optischen Eindruck; Marlene Mild zwitschert sich elegant und leicht sowohl durch ihre Anfangskoloraturen, als auch durch die der Couplets im dritten Akt.

Steinitz schlägt durchwegs hohe Tempi an und nimmt dafür in Kauf, dass die Koordination mit der Bühne am Premierenabend nicht immer hundertprozentig gelingt. Dafür bekommt man aber die Strauß’sche Musik mit Effet und mitreißendem Drive geliefert. Und das ist über weite Strecken spannender, als das, was auf der Bühne zu sehen ist - trotz aller gelungenen Gags.


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