Donnerstag,17.05.2001
    Im erotischen Rausch wird
       die Nonne zur Ketzerin


       Das Wiesbadener Staatstheater zeigte in seiner "Opernwerkstatt" zwei Einakter:
       "Sancta Susanna" von Hindemith und "Der Diktator" von Krenek.
 

        So kurz die beiden Opern aus den zwanziger Jahren auch sind; an Beklommenheit und
       Spannung sind sie - zumindest in den Wiesbadener Inszenierungen - kaum zu überbieten.
       Beide Regisseure - Georg Köhl ("Sancta Susanna") und Iris Gerath-Prein ("Der Diktator") -
       setzen auf die Wirkung von Lichteffekten und grellen Farben. Das leuchtende Rot steht in der
       Hindemith-Oper für die keifenden Kardinäle, die in der erotisch berauschten Nonne Susanna
       eine Ketzerin sehen. Bei Krenek steht der rote Hintergrund für den blutrünstigen
       Gewaltherrscher und seine sexuellen Fantasien, die auch vor der Frau eines in seinem
       Angriffskrieg zu Grunde gerichteten Offiziers nicht Halt machen. Krenek komponierte diese
       Oper fünf Jahre vor der Machtergreifung Hitlers, folglich kann sie nur eine Anspielung auf
       Mussolini sein, der bereits seit 1923 an der Macht und - im Gegensatz zu Hitler - den Frauen
       sehr zugetan war. Für die Sänger ist eine Wiedergabe dieses verdichteten musikalischen
       Materials eine große technische Herausforderung. In den Rollen der beiden Nonnen Susanna
       und Klementia brachten Kirstin Schierbaum und Stefanie Schaefer die angespannte
       musikalische Atmosphäre in beklemmender Weise zum Ausdruck. André Schönfeld oblag die
       musikalische Leitung, die sich freilich nur auf die Sänger und den Klavierbegleiter Martin
       Schmatz beschränkte, deshalb aber nicht weniger anspruchsvoll war. Im "Diktator" stand die
       Rolle des fettleibigen Gewaltherrschers (David Meyer) im Mittelpunkt. Besonders eindrucksvoll
       aber wurde die Rolle des Dieners herausgestellt, der auf einem Wägelchen vor dem Diktator
       herumkroch. Die beiden weiblichen Rollen hatten mit Ursula Rupp (Charlotte) und Kerstin
       Rasche (Marie) zuverlässige Darstellerinnen. Jürgen Schmidt sorgte für eine adäquate
       musikalische Leitung und Klavierbegleitung, die der Vorgabe Kreneks nach "größten
       Kontrasten auf kleinstem Raum" überzeugend nachkam. Zwei spannende Opernerfahrungen.
       (Ge)
 

     © Frankfurter Neue Presse, 2000


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