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Badische Neueste Nachrichten, Montag, 1. Juli 2013

Mit schnellem Puls

Mozarts "Figaro" als Gala am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Jedes Herz pocht anders. Das der Susanna nur für Figaro, und umgekehrt. Das des Cherubino für alle. Das des Grafen dummerweise mehr für Figaros Braut Susanna als für sei¬ne Rosina, die Gräfin - womit der Stein in der ersten Mozart-Da-Ponte-Oper ins Rollen kommt. Die Folge sind drei Stunden Blut¬hochdruck für alle. Zur Opern-Gala am Badischen Staatstheater sind Meister des stimmlichen Herzbluts nach Karlsruhe gekommen. Drei Gäste, fünf Ensemblemitglieder und drei aus dem Opernstudio der Musikhochschule (Larissa Wäspy, Florian Kontschak und Max Friedrich Schäfer) wirbelten durch die Opera buffa „Le nozze di Figaro", die Pavel Fieber vor zwölf Jahren in einer gelungenen Inszenierung herausgebracht hat, und die seit einer Woche wieder den Spielplan des Hauses ziert. Mit einstimmigen Klatschsalven feiert das Gala-Publikum) diese Sänger-Elf, die in dieser leider einmaligen Besetzung wohl noch den abgestumpftesten Hörer elektrisiert hat.

Foto: Markus KaeslerÜBERRASCHUNG: Graf Almaviva (Armin Kolarczyk, links), findet Cherubino (Stefanie Schaefer) „Die Hochzeit des Figaro" ist ein ziemliches Verwirrspiel. Foto: Kaesler

Figaro ist cleveres Kerlchen und frech genug, seine Liebe listig zu verteidigen. Mehr Sorgen muss man sich um die betrogene Gräfin machen. Für die Arie „Dove sono i bei momenti di dolcezza e di piacer?“ (Wo sind die süßen Augenblicke der Zärtlichkeit und Freude?) schüttet Veronica Cangemi mit betörend vielen emotionalen Farben der Gräfin gebrochenes und betrogenes Herz aus. Der Sängerin an den Lippen hängen zu können, gehört zu den vielen musikalischen Pfunden dieser Gala, die Mozarts Meisterstücke musikalischer Dramaturgie mit schnellem Puls und viel Situationskomik wundervoll entfaltet. Dass das Orchester im ersten Akt noch zu laut und oft auch nicht synchron mit den Sängern ist, verzeiht man dem Ersten Kapellmeister Johannes Willig spätestens in den rasanten Finalensembles des zweiten und vierten Aktes, die einem schier die Luft nehmen. Wunderbar.

An Figaro hat man an diesem Abend seine helle Freude. Alex Esposito ist ein Adriano Celentano der Opernwelt, der in dieser Rolle hervorragend zur Geltung kommt. Er hat nicht nur äußerlich manches mit dem legendären italienischen „Brummbären" gemein. Er ist das gleiche Temperamentsbündel – und lässt außerdem seine Kantilenen frei und sonor strömen, legt auch in den Rezitativen herrlich viele Ausdrucksnuancen an den Tag, gewürzt mit viel Spielwitz. Aus einer reichen Palette an Farben schöpft nicht zuletzt Anett Fritsch als Susanna. Heller ist ihr Timbre, warm und satt, aber weniger dramatisch als das von Cangemi. Insofern ist sie genau die Richtige für die herzerfrischende Braut, um die sieh an diesem Abend alles dreht.

Aus dem Ensemble des Staatstheaters mit Armin Kolarczyk (Graf), Sarah Alxandra Hudarew (Marcellina), Avantandil Kaspeli (Bartolo) und Sebastian Kohlhepp (Basilio) sticht immer wieder Stefanie Schaefer als munterer Cherubino heraus. Die Rolle des lustvollen Pagen, der seine Finger nicht bei sich lassen kann, ist der Frau mit dem beweglichen und lyrischen Timbre wie auf den Leib geschnitten.

Isabel Steppeler