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Der OpernfreundDer Opernfreund


Mittwoch, 20. Februar 2013

  Divergierende Moralvorstellungen 

in kontrastierender Inszenierung gespiegelt


von Manfred Langer

 

36. Händelfestspiele des Badischen Staatstheaters 2013

Der Sieg von Zeit und Wahrheit
The Triumph of Time and Truth (Georg Friedrich Händel 1757)

Der Sieg von Schönheit und Täuschung
The Triumph of Beauty and Deceit (Gerald Barry 1992)

Besuchte Vorstellung am 19.02.2013; (Premiere am 16.02.2013)

1707 schrieb der Protestant Händel in Rom sein oratorisches Allegorienspiel „Il trionfo del Tempo e del Disganno“ , das sein Auftraggeber Kardinal Pamphili im Jesuitengymnasium aufführen ließ. Weder Händel noch der Kardinal scherten sich um Konfessionszugehörig-keiten; es galt der Sache, für die Pamphili selbst den Text geschrieben hatte. Rezente Inszenierungen von Jürgen Flimm (Zürich 2006), der diese Inszenierung auch an die Berliner Staatsoper übernommen hat, und Calixto Bieto (Stuttgart 2011) haben dieses frühe musikalische Meisterwerk des „caro Sassone“ auch als Oper in unserer Erinnerung gehalten. Händel hat das Werk 1737 überarbeitet und – wieder italienisch-sprachig – neu herausgebracht. Dann wurde es 1757 von dem inzwischen erblindeten Komponisten noch einmal angepasst und in der englischen Fassung von Thomas Morell gespielt. Händel hatte die „Ohrwürmer“ der ersten Version, die er schon in seinen Londoner Opern rezykliert hatte, herausgenommen und durch neue Nummern ersetzt. Diese Fassung brachte jetzt bei den diesjährigen Händelfestspielen in Karlsruhe das Badische Staatstheater heraus. Durch Streichung der Chöre ist das Oratorium um etwa eine Stunde auf gut eineinhalb Stunden gekürzt.

Der streikwütige Bsirske ließ mit seiner „ Verdi“- Gewerkschaft durch einen Gefolgsmann in der Bühnentechnik in Karlsruhe die für den 16.02. angesetzte Premiere bewarnstreiken. Eine Kinderoper wurde erfolgreich verhindert. Bravissimo Ver.di! Sicher erhalten die Bühnenarbeiter des Theaters durch diese merkwürdige Aktion einen Extra-Lob der Führung für den ganztägigen Streik, den sie noch während der Friedenspflicht veranstaltet haben. Unsere Jurisdiktion duldet das aber. So gab es zwei Premieren des Opernabends, eine in Kostümen und Maske am 16. und eine szenische am 19. Februar. Ver.di war auf jeden Fall blamiert. Sechseinhalb Prozent mehr holen die trotz des großmäuligen Getöses ihres Chefs sowie nicht, sie werden so viel bekommen, wie auch andere Branchen das ohne Streik und ständiges Zerschlagen von Porzellan erreichen. Trotz Streiks wurden das Theater, wie die Presse berichtete, und seine teilweise improvisierte Premiere umjubelt. Nun kommt also der Bericht von der voll-szenischen Premiere.

Foto: Falk von TraubenbergDer Regisseur Sam Brown setzt das Geschehen in das Schreibbüro eines mittelständischen Unternehmens hinein. „Die Zeit“, das ist der Chef der Firma, „Die Wahrheit“ sein Assistent, „Die Schönheit“ und „Die Täuschung“ sind zwei Datentypistinnen, und das „Vergnügen“ der Geschichte manifestiert sich in einem der fünf Gruppenleiter der gut zwanzig-köpfigen Damen“mann“schaft. Diese Umsetzung ist durchaus heiter und amüsant, vielfach schlüssig, aber nirgends zwingend. Ausbeutung der Damen durch den Kapitalisten wird nicht thematisiert; wohl aber findet eine Art Betriebsausflug der Belegschaft in ihren eigenen Bürokomplex hinein statt. Da wird geschmaust, getrunken und auch gebumst – wie auf einem Betriebsausflug eben. Die beiden weiblichen Namensrollen lassen es sich gern gefallen. Ein wunderbares Bühnenbild hat Annemarie Woods hierfür geschaffen. Es besteht aus fünf Horizonten, di e nacheinander aufgezogen werden: Zuerst befindet man sich in dem sehr gediegen ausgestatteten (alles Marmor!) Waschraum der Damen, in welchem sich die Schönheit im Spiegel betrachtet. Als Frau verkleidet tritt das Vergnügen hinzu. Der ganze schöne Waschraum ist aber nur eine Attrappe; sie wird hochgezogen; man befindet sich im Büro des Chefs. Dahinter können nun drei durch Jalousien abgetrennte, nach hinten gestaffelte i Bürosäle aufgezogen werden, alle gleich ausgestattet. Oben links sind jeweils Bürouhren angebracht, auf denen die Zeit sukzessive deutlich fortgeschritten ist. Annemarie Woods hat auch die hübschen Kostüme entworfen. Die eitlen gepflegten Büromäuse sind in dezent pastellfarbige Blusen und Röcke gekleidet, laufen in hochhackigen Schuhen und Strümpfen mit Naht herum; alle ein bisschen anders, aber dennoch uniformiert wirkend. Zum Schluss finden sie sich im Waschraum wieder und hübschen sich wieder auf. Somit ist das szenische Geschehen mit seinem langen Bogen auf und ab sehr ordentlich organisiert und symmetrisch gegliedert.

Unter der musikalischen Leitung von Richard Baker musizierte ein etwas zwanzigköpfiges Ensemble aus der Badischen Staatskapelle einen wunderbar federnden leichten Händel. Neben dem Continuo kamen zur Färbung des Streicherklangs nur ein weiteres Fagott sowie eine Oboe zum Einsatz, die mit schön gespielten Soli hervorstachen. Hier erklang ein etwas abgehobener wunderbarer Fluss der Musik: Händel vom Feinsten; fein aber auch insofern, dass eine dramatische Schärfung über eine stärker akzuentierte Dynamik nicht stattfand. Dazu kam ein sehr gutes, handverlesenes Solistenensemble. Lediglich bei Anna Patalongs manchmal leicht tremolierenden Höhen der Sopranpartie der „Schönheit“ hätte man sich etwas mehr Fokus gewünscht; aber ihre Linienführung und die Färbungen in der mittleren Lage gefielen ausgezeichnet. Ihren Widerpart, die „Täuschung“ , gestaltete Stefanie Schaefer mit betörendem Schöngesang. Der grundierende Schmelz ihres Mezzos und die samtige Klarheit der Stimme konnten begeistern. Die „Zeit“ (im italienischen maskulin) verkörperte Joshua Bloom mit mächtigem sonoren, hier und da aber auch schwankendem Bass; seine Basskoloraturen waren ein Leckerbissen für sich. Als „Wahrheit“ war William Purefoy besetzt, der mit hellem Counter einen leichten, natürlichen Fluss der Stimme erreichte. Das Quintett wurde stimmlich durch den Tenor Sebastian Kohlhepp als „Vergnügen“ komplettiert, dessen schlanker heller Tenor mit sauberer Führung zu Händels Musik bestens passte.

Triumphaler Beifall aus dem ausverkauften Hause erfreute alle Beteiligten nach dem ersten Teil. In der Pause sah man den Auszug etlicher Zuschauer, die sich den zweiten Teil mit zeitgenössischer Musik nicht antun wollten. Einerseits ist das verständlich, weil es für die Rezeption vieler Zuschauer keine Steigerung mehr geben konnte. Andrerseits war die Neugierde auf die Umkehrung des Händel-Pamphili-Morellschen Moralstücks groß.

Meredith Oaks hat das Libretto für die 1992 uraufgeführte Kurzoper des irischen Komponisten Gerald Berry geschrieben, in der Schönheit und Täuschung den Sieg davon tragen. Die Mitspieler sind die gleichen wie zuvor ; die beiden Frauenrollen sind nun aber auch durch Männer besetzt. Ordentlich und symmetrisch geht es nun nicht mehr zu. Gleich zu Anfang wird ein Spiegel des schönen Waschraums zerschlagen; die schönen dahinter liegenden Büros sind demoliert. Es stehen nur noch einige Schreibtische auf einem großen Schutthaufen, in dem schönen Bürokomplex steht alles schief. Es muss ein Erdbeben stattgefunden haben. Nur ein kleinerer Teil der Damenbelegschaft ist noch vorhanden und veranstaltet erst einmal eine unverständliche Massenorgie auf dem Schutt. Als sich dann auch noch die „Täuschung“ und die „Zeit“ (in dieser Inszenierung mit einem wabbeligen Schmerbauch ausgestattet) mit Wasserpistolen zu bespritzen begannen, wurde ein Höhepunkt der Regiekunst erklommen, die wieder viele (Vor)Urteile gegen auswüchsiges Regietheater nähren kann. Daher sei auch auf den möglichen Sinn des Klamauks gar nicht weiter eingegangen. Die Zuschauer beratschlagten unter sich über den Sinn des Vorgeführten, wodurch es im Saal recht laut wurde; als dann viele der Ratlosen (nicht ohne Geräuschentwicklung) abgezogen waren. ging es wieder zivilisierter im Sal zu.

Man konnte, wenn man sich nicht gerade zu sehr über den Sinn der Inszenierung Gedanken machte, sich auch der Musik zu wenden. Die ist alles andere als chaotisch und auch nicht schrecklich dissonant. Vielmehr lief sie überwiegend in schönem leicht melodischen Fluss ohne Reibungen rastlos wie ein perpetuum mobile. Es saßen wieder etwa zwanzig Musiker im Graben, diesmal aber überwogen die Bläser mit Betonung des tiefen Holzes die Streicher. Ein überaus dichter Klang wurde mit dieser Instrumentierung erreicht. Ganz präzise hielt wieder Richard Baker am Pult das Geschehen zusammen. Soli aus dem Blech brillierten. Der stets sich fortführende Duktus der Musik wirkte auch hier wie bei Händel einem größeren musikalischen Spannungsaufbau entgegen.

Die Sänger von“ Zeit“ und „Wahrheit“ waren aus der Händel-Version übernommen. Auch wegen der längeren orchestralen Zwischenspiele waren die Gesangspartien recht kurz. Die Zeit agierte als fettes wurmartiges Gebilde, das auch selbst als Bass Falsettpartien gestalten musste. Die Wahrheit war im Arztkittel der hilflose Doktor dieser Irrenanstalt. Peter Tantsis, um den Zusammenhang zu wahren teilweise als Tippse aus der Vorzeit verkleidet, gefiel als „Schönheit“ mit beweglichem, klangschönen Tenor. Gabriel Urrutis Benet gab die „Täuschung“ souverän mit kultiviertem Bariton und meisterte unerschrocken den großen Tonumfang der Rolle. Iestyn Morris besetzte die zweite Counter-Partie der Oper als „Vergnügen“, die er mit etwas Druck stemmte.

Gibt man eine Bewertung des gesamten Abends ab, ist es natürlich schwierig, Geschmack-liches außen vor zu lassen. Aber wenn man den Händel ungekürzt mit den akzentzierenden und für Abwechslung sorgenden Chören gegeben hätte, (für das die Regie einen Teil der Menschenmengen ja ohnehin schon als Statisten eingesetzt hatte,) wäre der Abend traumhaft geblieben. Barry’s Werk hätte man separat und konzertant vielleicht musikalisch mindestens ebenso goutiert ; aber so viel Publikum hätte sich dann allerdings mit seiner Musik nicht anlocken lassen. Die verstörende szenische Dekonstruktion des zweiten Teils hinterließ so einen Wermutstropfen im insgesamt stark beklatschten Abend. Diesen Tropfen hatte Ver.di dem Premierenpublikum vorbehalten: Kunstzensur?