Drucken

  

  
Die Rheinpfalz Logo

Die Rheinpfalz 


Dienstag, 20. Dezember 2011
  Der Geist des großen Spötters

Aron Stiehl inszeniert "Ritter Blaubart" in Carsten Golbecks neuer Textfassung am Badischen Staatstheater Karlsruhe
 
VON GABOR HALASZ

 

Foto: Markus KaeslerDas Badische Staatstheater will der Operette einen festen Platz mit einer Produktion pro Spielzeit in seinem Angebot einräumen. Den Anfang machte eines der ersten Werke der Gattung: "Ritter Blaubart" von Jacques Offenbach, der als Erfinder der Operette gelten kann. In Aron Stiehls bravouröser Inszenierung erfuhr der Klassiker eine ausgesprochen attraktive, vom Premierenpublikum mit Ovationen aufgenommene Aufführung.

Jubel und eitel Freude lassen sich unschwer nachvollziehen. Zunächst war die Entscheidung der künstlerisch Verantwortlichen für eine neue modernisierte deutsche Textfassung von Henri Meilhacs und Ludovic Halévys französischem Original absolut einleuchtend. Offenbachs Operetten, seine parodistischen Darstellungen von Märchen und antiken Mythen, enthalten bei aller spielerischen Heiterkeit scharfsinnige, schonungslos harte Kritik der Verhältnisse und des Sittenverfalls während Napoleons III. Regime in Frankreich mit beißend parodistischen Apercus.

Für eine heutige Aufführung stellt sich allerdings auf jeden Fall die Aufgabe, diese Gesellschaftssatire auf gegenwärtige gesellschaftliche Vorgänge und Muster zu übertragen und eventuell auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. In Karlsruhe fand sie eine überzeugende Lösung. Der Text des in Berlin lebenden Autors, Regisseurs und Dramaturgen Carsten Golbeck ist pointiert, witzig, flott, mitunter frech und bezieht sich unmittelbar auf den Alltag: eine günstige Grundlage.

Aron Stiehl nutzte sie beherzt. Das Spiel begann in der einschüchternd düster prunkvollen Kapelle eines Friedhofs mit dunkel glitzernden Marmorwänden. Dort befand sich, vor laut schluchzender Gemeinde, die Trauerfeier für Ritter Blaubarts fünfte Gemahlin in vollem Gange. Hoch oben prangte die Inschrift (in lateinischer Sprache), "Der Zweck heiligt die Mittel". Vom Orchestergraben tönte, von einem Streicherkammerensemble intoniert, Chopins Trauermarsch.

Foto: Falk von TraubenbergEin Priester spendete Trost und segnete den Sarg. Um gleich danach sportlich in den Orchestergraben zu klettern und den Einsatz zu geben zur Ouvertüre: Er war Markus Bieringer, Dirigent der Aufführung. Es folgten weitere amüsant-ironische Einfälle des Regisseurs und der Ausstatter, Jürgen Kirner (Bühnenbild) und Franziska Jacobsen (Kostüme). Zu denen gehörte das gewollt rührend putzige und kitschige Arrangement des ersten Bildes für die ländliche Idylle von Fleurette-Hermia und Daphnis-Saphir mit zwei Häuschen in sonnendurchfluteter Natur, Berglandschaft im Hintergrund und Spielzeug-Schafen. Nicht zu vergessen freilich die beiden Karussell-Pferde, die Boulotte und Blaubart zum Schluss des Bildes feierlich auf das Schloss des Ritters trugen, das Gruselkabinett des Alchimisten Popolani mit Hightech-Einrichtungen und die Souffleuse in Nonnengewand auf der rechten Bühnenseite. Um Einfälle war das Inszenierungsteam in keinem Augenblick verlegen; das Spiel entfaltete sich gelöst, beschwingt, temporeich, ohne jeglichen Leerlauf. Es gab eine stattliche Zahl augenzwinkernd ironischer Gags, und das Wichtigste: Auf der Bühne agierten in Franziska Jacobsens Stile und Epochen miteinander bunt vermischenden Fantasiekostümen lauter gewandte singende Schauspieler. Zu Kabinettfiguren gerieten der von Hans-Jörg Weinschenk mit köstlichem komödiantischem Witz und gnadenloser Parodie charakterisierte machtlose, polternde Despot Bobèche und seine ständig betrunkene Königin Clémentine (szenisch präsent: Sarah Alexandra Hudarew). Wendig und humorvoll verkörperten Gabriel Urrutia Benet und Armin Kolarczyk die beiden Drahtzieher des Spiels, den Popolani und den Grafen Oskar.

Am Dirigierpult sorgte Markus Bieringer für weitgehend reibungslose Abläufe, auch bei den charakteristischen plötzlichen Stimmungs- und Tempowechsel. Offenbachs zündende Tanzrhythmen und mitunter beseelte Melodien entfalteten ihren vollen Reiz. Eindringlich teilte sich zudem der Geist des großen Spötters bei den vielen Opernparodien - Kadenzen, Spitzentönen und gefühligen Kantilenen - mit.

Die stärksten Eindrücke des Abends kamen von Stefanie Schaefers durch feine Mezzoqualität und sonore Präsenz geprägte Boulotte. Ohne Fehl und Tadel auch Ina Schlingensiepen als Fleurette mit ansprechenden Soprantönen. Die Titelrolle sang dagegen Carsten Süss mit klangvollem, aber oft kehlig eingepresstem Tenor. Einwandfrei schließlich Sebastian Kohlhepps Prinz Saphir. 




Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Klaus Schneider 
Boulotte