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Mittwoch, 21. Dezember 2011
  Nach der Superjungfrau der Therapeut

Die totale Operette: Aron Stiehl inszeniert, Manfred Bieringer dirigiert Offenbachs Opéra bouffe "Ritter Blaubart" in Karlsruhe. 

 

Foto: Markus Kaesler"Operette", ruft die ehrwürdige Mutter im Ton der Verzückung ins Publikum. Und zwar jeweils dann, wenn es in der Operette mal wieder genau so grotesk absurd zugeht, wie man es nun von einer Schöpfung des Meisters der musikalischen Komik und Parodie wie Jacques Offenbach erwartet. Also wenn sich zum Beispiel herausstellt, dass die Blumenverkäuferin Fleurette in Wahrheit eine Königstochter ist. Oder wenn am Ende sechs Paare, die im Grunde gar keine sind, heiraten müssen. Um des "totalen Happyends" willen. Welches seine Majestät, le Roi Bobèche, nun mal verfügt hat.

Da spürt man dann umso mehr, dass Regisseur Aron Stiehl die Drastik und den Zynismus Offenbachs in seiner Karlsruher "Ritter Blaubart"-Deutung mit geradezu diabolischer Lust an der perfiden Konsequenz weiterdenkt. Denn die ehrwürdige Mutter ist keine Betschwester, sondern höchstens eine Art Vorbeterin, vulgo Souffleuse. So wie auch "Hochwürden", der vor Beginn noch einer Aussegnungszeremonie auf offener Bühne beiwohnt, seinen Beistand alsbald ganz der Badischen Staatskapelle schenkt: Markus Bieringer agiert im Graben als Noten-, nicht als Seelenklempner. An solchen Momenten spürt man die Drastik dieses aufgedrehten Abends: Je nach Geschmack werden einen manche Scherze auch peinlich berühren. Aber das kann einem mit dem schwarzen Humor Offenbachs und seiner kongenialen Librettisten Meilhac und Halévy genauso gehen. Respektloser, revolutionärer wider Männlichkeitsmythos, Machtmissbrauch und Opportunismus, wohlgemerkt zu Zeiten des zweiten französischen Kaiserreichs, ist das Trio selten gewesen.

Und so geht es in der Opéra bouffe um den frauenmordenden Blaubart – Barbe-bleue – in Karlsruhe von Anbeginn an höchst subversiv zu. Aron Stiehl kommt zwar um so manche Anleihe aus der legendären szenischen Umsetzung Walter Felsensteins an der Komischen Oper Berlin nicht herum – dazu war diese einfach zu epochemachend. Aber wie der Götz-Friedrich-Schüler den satirischen Spaß von 1866 zu einer Sache unserer Zeit macht, hat Chuzpe. Jürgen Kinners Bühne und Franziska Jacobsens Kostüme lassen der Lust an Trash und Comedy freien Lauf – im Zweifelsfall geht’s immer noch eine Spur bunter und schriller. Und absurder. Ein winziges Atomkraftwerk auf grüner Aue, das im Loriot’schen Sinne schließlich puff macht, Anspielungen auf Bundes- und Landespolitik ebenso wie auf Foto: Falk von TraubenbergBerlusconistan sowie stete Interaktion mit dem Publikum, das schließlich dazu gezwungen wird, der frisch gebackenen Prinzessin stehend zu huldigen – sonst gibt’s keine Pause: Das ist Operette in absurd frecher Hochform. Großen Anteil daran hat Carsten Golbecks rasante Textneufassung, nah am Puls der Zeit, respektlos und mit großem Wortwitz: "Blaubart sucht Superjungfrau!", singt der Chor da event-kompatibel. Und nachdem der Ritter von seinen sechs ganz und gar nicht toten Frauen heimgesucht wird, gelobt er politische Korrektheit: "Ich geh’ auch zum Therapeuten...ich werd’ alles reflektieren." Das ist das Doppelbödige an der G’schicht’: Beginnt man den Abend zu reflektieren, bleibt Unbehagen nicht aus. Die Opportunisten, Speichellecker und Selbstdarsteller scheinen nicht auszusterben. Oder anders gesagt: Ihre Präsenz in der Gegenwart macht Offenbachs Operette reichlich modern.

Ihre Musik ebenso. Markus Bieringer und die Badische Staatskapelle treffen den Couplet-Tonfall, das Opern-Parodistische, den Schwung aber auch die Lyrismen recht gut – ein wenig mehr Präzision wäre am Premierenabend wünschenswert. Gespielt wird nach der kritischen Ausgabe, die Jean-Christoph Keck mustergültig besorgt hat, als Einlage gibt’s die etwas isoliert wirkende und mau musizierte Johann-Strauß-Polka "Vergnügungszug", na ja. Richtig Spaß haben allesamt die Akteure oberhalb des Grabens – an der Kombination von Gesang und Komik: Carsten Süss mimt und singt in der Titelpartie einen Macho aus dem Bilderbuch,Stefanie Schaefers gibt mit ihrem beweglichen Mezzosopran eine kesse Boulotte. Aus vielen guten Leistungen sei hervorgehoben – der herrlich überzeichnete König Bobèche Hans-Jörg Weinschenks. Wäre es nicht so furchtbar politisch unkorrekt, man postulierte gerne in Bobèches Sinne: Wir wollen die "totale Operette". Aber so was darf man bloß auf der Bühne.




Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Klaus Schneider 
Boulotte