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Der Opernfreund


ohne Datumsangabe, von Ludwig Steinbach
  Rigoletto

Stefanie Schaefer bietet prächtig Paroli 

 


RIGOLETTO
Zwang zum Rollenspiel

Die Neuproduktion von Verdis „Rigoletto“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe steht bezeichnend für das, was man an der Karlsruher Oper unter dem neuen Leitungsteam Peter Spuhler (Intendant) und Joscha Schaback (Operndirektor) zukünftig erwarten kann: Spannendes und anspruchsvolles Musiktheater von hohem intellektuellem Gehalt. Dabei ist die Inszenierung von Jim Lucassen nicht mehr neu, sondern eine alte Bekannte: In der vorletzten Saison war sie bereits am Theater der Stadt Heidelberg zu sehen gewesen und vom OPERNFREUND verdientermaßen mit vier Sternen ausgezeichnet worden! Damals schon erregte sie zu Recht Begeisterung. Und bei ihrer jetzigen Neueinstudierung in Karlsruhe hat sich das Niveau sogar noch gesteigert. Dem Regisseur ist es vortrefflich gelungen, seine Interpretation in nur vier Wochen Probenzeit verglichen mit den Heidelberger Aufführungen mit noch mehr Spannung und Leben zu erfüllen, wozu das schauspielerisch sehr begabte Karlsruher Sängerensemble einen erheblichen Teil mit beitrug. Das Wiedersehen mit dieser Erfolgsproduktion, die sich hoffentlich im Karlsruher Spielplan länger halten wird als es in Heidelberg der Fall war, bereitete ungetrübte Freude und sei jedem Liebhaber moderner Inszenierungen sehr empfohlen!

Jim Lucassen hat sich über das Stück treffliche Gedanken gemacht, die er stringent umzusetzen wusste. Er siedelt das Stück in einer zeitlosen Moderne an und streift ihm ein überzeugendes gesellschaftskritisches Gewand über. Wenn sich der Vorhang öffnet, fällt der Blick auf einen von im Hintergrund spitz zulaufenden Wänden dominierten Bühnenraum, für den der im Jahre 2008 leider viel zu früh verstorbene Jeroen van Eck sowie Anja Koch-Kenk und Matthias Wulst - von ihnen stammen auch die zeitgenössischen Kostüme - verantwortlich zeigen: Ein einziger großer Seelenraum, hinter dem weitere, mit Lamellen verhängte Zimmer zum Vorschein kommen und nach und nach ebenfalls bespielt werden. Aus ihm ist kein Entkommen möglich. Gnadenlos schließt er die Handlungsträger ein, die alle gezwungen sind, irgendeine Rolle zu spielen. Jeder bespitzelt jeden und versucht sich selbst so gut es geht zu schützen, indem er sich maskiert und seinem jeweiligen Gegenüber den Charakter vorgaukelt, den dieser in ihm zu sehen wünscht. Dieser Zwang zur Maske, dem hier alle Personen ausgesetzt sind, beschränkt sich indes nicht auf das Leben am Hofe des Duca, sondern wird auch in privaten Beziehungen nachhaltig gepflegt. So gibt sich Gilda in Rigolettos Anwesenheit als reiner, Kind gebliebener Unschuldsengel, der von Giovanna noch gefüttert werden muss und einen Teddybär mit ins Bett nimmt. In der Abwesenheit ihres Vaters mutiert sie aber rasch zur selbstbewussten, aktiven Frau, die Rigoletto über ihre Gefühle genauso im Dunklen lässt wie er sie über ihre Herkunft. Unter dem ständigen Sichverstellen leidet das Verhältnis zwischen Vater und Tochter, das zunehmend von Misstrauen geprägt wird. Für gegenseitige Achtung ist in dieser problematischen Beziehung nicht mehr viel Platz. Hier wird eine Charakterdeformation Rigolettos erkennbar, die an die Stelle seines Buckels tritt. Eine körperliche Behinderung hat der Hofnarr in Lucassens Deutung nicht. Diese ist vielmehr seelischer Natur. Auch sonst setzt der junge Regisseur stark auf psychologische Aspekte. Deutlich wird, dass Monterones Fluch nur deshalb Auswirkungen auf Rigoletto haben kann, weil dieser ihn annimmt. Zwischen den beiden Vaterfiguren lässt der niederländische Regisseur gekonnt eine geistige Verwandtschaft aufscheinen, die in ein beeindruckenden Schlussbild mündet: Wenn beide am Ende vom Schicksal geschlagen zusammensitzen, wird deutlich, dass sie dasselbe tragische Geschick verbindet. Freud’schem Gedankengut huldigt Lucassen, wenn er Gilda und Maddalena als zwei gegensätzliche Pole desselben Prinzips Frau interpretiert. Spätestens dann, als sich die ebenso wie ihr Bruder Sparafucile einer Putzkolonne angehörende Prostituierte im dritten Akt exakt genauso kleidet wie das Mädchen, wird offenkundig, dass beide eigentlich Alter Egos sind - ein hervorragender Einfall!

Es war insgesamt ein wunderbares Sängerensemble, das das Badische Staatstheater aufgeboten hatte: An erster Stelle ist Ina Schlingensiepen zu nennen, die eine in jeder Beziehung phantastische Gilda war. Die mit ihrer Defloration eingeleitete Wandlung des kindlichen Mädchens zu einer erwachsenen Frau hat sie glaubhaft verkörpert. Mit ihrem ansprechenden, eine wunderbare italienische Technik aufweisenden, flexiblen und höhensicheren - problemlos erklomm sie bei dem den Höhepunkt des Abends bildenden „Caro nome“ das hohe ‚dis’! - Sopran konnte sie auch gesanglich voll überzeugen. Neben ihr war Jaco Venter, der frisch vom Nationaltheater Mannheim nach Karlsruhe gewechselt ist, ein sowohl darstellerisch als auch stimmlich sehr robuster, sich in jeder Beziehung mächtig ins Zeug legender Rigoletto. Sein im April letzten Jahres überaus erfolgreiches Gastspiel als Duca in Heidelberg mag die neuen Karlsruher Opernchefs Spuhler und Schaback, die bis zu dieser Saison ja in der Neckarstadt wirkten, bewogen haben, den jungen Andrea Shin fest nach Karlsruhe zu verpflichten. Und sie haben damit einen guten Fang gemacht. Er verfügt über eine glänzende, kräftige und substanzreiche Tenorstimme, der dramatischer Ausdruck und lyrische Innigkeit gleichermaßen gut zu Gebote stehen. Mit großem Elan stützte sich Shin in seine Partie, die er nicht nur gesanglich bravourös bewältigte. Auch schauspielerisch war er recht versiert. Der Part des Offiziers wurde hier vom Duca wirksam mit übernommen. Ungemein wohltönendes, sonores Bassmaterial brachte der schon oft bewährte Konstantin Gorny für den als Straßenkehrer getarnten Mörder Sparafucile mit. Als Maddalena bot die neu nach Karlsruhe engagierte Stefanie Schaefer mit ebenfalls vorbildlich sitzendem, tiefgründigem und sinnlich angehauchtem Mezzosopran ihrem Bühnenbruder stimmlich prächtig Paroli. Und von Lucas Harbour, dessen Heidelberger Auftritte man noch in bester Erinnerung hat, war mit sehr kräftigem und prägnantem Bass eine Idealbesetzung für den Monterone. Auf seine weitere Entwicklung kann man schon gespannt sein. Bei pfleglichem Umgang mit seinem kostbarem Material steht ihm eine große Karriere bevor. Mit sauber im Körper sitzendem Tenor wertete Eleazar Rodriguez den Borsa auf, während es dem Marullo des ziemlich flach singenden Andrew Finden noch erheblich an der nötigen Körperstütze mangelte. Letzteres gilt auch für Tiny Peters, die schon die Gräfin Ceprano sehr dünnstimmig gab und später als Page kaum noch zu hören war. Unauffällig blieb Florian Kontschaks Graf Ceprano. Solide schnitt Evelyn Hauck in der Rolle der Giovanna ab. Einen guten Tag hatte der von Ulrich Wagner einstudierte Badische Staatsopernchor.

Am Pult setzte Johannes Willig zusammen mit der Badischen Staatskapelle auf einen leicht dahin fließenden, mehr lyrisch als dramatisch anmutenden Gesamtklang, der etwas mehr Spannung hätte vertragen können. An das hohe Niveau seiner Heidelberger Dirigierkollegen Cornelius Meister und Joana Mallwitz konnte Willig leider nicht ganz anknüpfen.