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Der Opernfreund


ohne Datumsangabe, von Thomas Tillmann
  Les Troyens (Die Trojaner)

Stefanie Schaefer war darstellerisch als Ascagne ziemlich gefordert 

 


Premiere im Badischen Staatstheater am 15. Oktober 2011
Gelungener Start in eine neue Ära in Karlsruhe

Karlsruhe ist nicht irgendein Ort für die Pflege des zu Unrecht gering geschätzten Hector Berlioz: Vor 121 Jahren, genauer gesagt am 5. und 6. Dezember 1890, fand im Hoftheater die Uraufführung von Les Troyens statt, an zwei Tagen also, und so ist die Entscheidung, das danach nicht wieder in der Badenmetropole gespielte Werk nun sowohl an einem als auch an zwei Abenden dem Publikum zu präsentieren, eine nachvollziehbare.

Größtes Verdienst von David Hermann ist, dass er weder einen antiken Kostümschinken mit Pappmachékulissen und Rampensteherei anbot noch eine symbolbeladene, psychologisch überfrachtete Sichtweise, keine Deutung, die die Entstehungszeit des Werkes zum Thema macht oder eine für den Zuschauer und die Zuschauerin des Jahres 2011 gleichermaßen weit entfernten Epoche, es gibt auch keine radikale, vordergründige Aktualisierung, sondern man freute sich über eine ganz eigene, dichte, eher zurückhaltende als laute, eher abstrakte als konkrete, dabei aber stets präzise und suggestive Erzählweise, die erkennen ließ, das hier jemand seine Hausaufgaben gemacht hat, und die das Werk in den Vordergrund rückte und nicht den Regisseur, den, so die Vorberichterstattung, besonders die "Ebene der Toten" interessiert hat: "Das hat eine Heiner Müller'sche (sic) Komponente, die Schatten der Toten sitzen den Lebenden im Nacken". Cassandre etwa sieht dauernd den Schatten Hectors, der noch einmal auf der Bühne stirbt, auch ihre Schwester Polyxène ist häufig da, die genauso gut ein alter ego sein könnte, das manches ausagiert, was die Seherin sieht, die in zwei Wirklichkeiten lebt. Im zweiten Teil ist es der Schatten des Sychäus, der an entscheidenden Stellen auftaucht und Didons Zerrissenheit visualisiert, aber auch ihre große Sehnsucht nach Liebe, etwa wenn der Verstorbene sie während eines leidenschaftlichen Kusses doch wieder verlässt.

Immer wieder registriert man intelligente Details, die auf Künftiges verweisen - etwa wenn Andromaque auf den ersten Blick zu sexy angezogen wirkt oder Didon anfangs per Videoprojektion allgegenwärtig erscheint, jeden ihren Untertanen mit Handschlag begrüßt und in einer auf wenig soliden Pfeilern stehenden, mit Tapeziertischen und mit Laken bedeckten Sitzmöbeln noch sehr improvisiert wirkenden Konstruktion lebt, die ihrer Bewohnerin wenig Schutz bietet -, nachvollziehbare Charakterisierungsdetails - Ascagne wird als schwer traumatisierter, verhaltensauffälliger, gewaltbereiter Jugendlicher portraitiert -, viele in ihrer szenischen Schlichtheit und Reduktion berührende Momente wie die Sterbeszenen.

Imposant fiel die Bühne von Christof Hetzer aus, der eine riesige Rampe hatte bauen lassen, in die zwei Drehscheiben eingelassen sind, so dass sich immer wieder neue Möglichkeiten für Spielorte ergaben. Die zu Beginn des ersten Aktes von Holzpfeilern durchbohrten, aufgestellten Holzplatten könnten ebenso Schilde wie Teile der trojanischen Burg sein, vieles wird wie in der Regie eher angedeutet als allzu realistisch bebildert, und auch das überall verschmierte Blut ist nicht vordergründig rot, sondern in düsteren Blau-, Grau- und Schwarzschattierungen gehalten. Eben diese Farbe schmieren sich die trojanischen Frauen am Ende des zweiten Aktes ins Gesicht, und auch die total isolierte Didon in ihrem gleißend weißen Sterberaum verreibt die an den Wänden herabgelaufene Farbe mit ihrem Körper. Wenig anfangen konnte ich indes mit Hetzers eher unauffälligen Kostümen, die wohl eher in unsere Zeit gehören sollten. Trojaner tragen grundsätzlich weiß, Karthager einen Einheitslook in Grüntönen, und auch die Königin bekommt diese Farbe zugeteilt, dazu ein kurzes Kleid aus seidigem Material, das die Rundungen der üppigen, nicht zu großen Interpretin unnötigerweise bloßstellte, da half der Mantel wenig, den sie phasenweise darüber tragen durfte. Starke Frauen muss man geschickt anziehen, in der Hinsicht muss der junge Ausstatter noch einiges lernen.

Wie leistungsfähig das Haus am Ettlinger Tor ist (respektive wie geschickt die neue Leitung das Ensemble ergänzt hat), zeigt der Umstand, dass einzig Karine Ohanyan als Gast die Anna sang (und auch hier gibt es mit Rebecca Raffell eine Hausbesetzung), alle anderen Partien können mit Mitgliedern des Badischen Staatstheaters besetzt werden. "Il pleut des sopranos", schrieb der junge Komponist Albéric Magnard über die Uraufführung im "Figaro" (zitiert im Programmheft, in dem man sich einen etwas ausführlicheren Bericht über die Rezeptionsgeschichte des Werkes gewünscht hätte; Wissenschaftlicheres enthielt indes der Presseumschlag), "In Karlsruhe regnet es Soprane", und auch 2011 hatte man für die beiden zentralen Frauenpartien zwei bemerkenswerte Sopranistinnen zur Verfügung, die im Laufe der Spielzeit beispielsweise noch als Elsa im Lohengrin und Marschallin im Rosenkavalier alternieren werden. Christina Niessen gab die trojanische Prinzessin mit kraftvoller, durchaus herbe und metallische Färbung zeigender, eigenwillig-charaktervoller Stimme, die auch in den Ensembleszenen deutlich hervortrat und auch einiges Volumen in der Tiefe besitzt, wenngleich die Deutsche gegen Ende, wenn es knifflig wird für Soprane, doch allzusehr auf die Bruststimme setzte und man insgesamt den einen oder anderen zarteren Ton im Piano auch nicht verschmäht hätte.

Eine Offenbarung ist der Sopran von Heidi Melton, die sich an der Deutschen Oper Berlin als Erste Dame in Die Zauberflöte, Helmwige und Dritte Norn im Ring hervortat und an der San Francisco Opera bereits die Sieglinde und die Aida interpretierte. Ihre saftig runde, wunderbar gesunde, leuchtende, reiche Stimme füllte schon bei ihrem vom Rang aus gesungenen Entrée mühelos den Zuschauerraum, sie scheint keinerlei Schwierigkeiten und Grenzen zu kennen, auch nicht gegen Ende, wenn ja doch einige vokale Stamina gefordert ist. Und auch szenisch hat sie am Ende ihre Momente, etwa wenn sie an der richtigen Stelle noch einmal ihrem imaginierten Volk zuwinkt, wenn sie erleichtert lächelt über den eigenen Tod, der die einzige Lösung für sie darstellt und Erleichterung verschafft. An interpretatorischer Tiefe wird die junge Amerikanerin sicher noch gewinnen, da gibt es zweifellos Spielraum nach oben, aber umso mehr bewundert man die Intelligenz der Sängerin, die an ein mittleres Haus geht, um sich in Ruhe Repertoire erarbeiten zu können, und sich nicht direkt im internationalen Betrieb verheizen lässt.

Schwachpunkt nicht weniger Troyens-Aufführungen ist der Interpret des Enée, das war in Karlsruhe nicht anders, wo man John Treleaven ins Ensemble geholt hat, der nach einigen Jahrzehnten vor allem im Wagnerfach nun sein Rollendebüt als trojanischer Held gab und auf ganzer Linie enttäuschte. Sicher, da waren ein paar imposante, häufig aber auch unangenehm angeschliffene Spitzentöne, aber die längste Zeit sah man sich mit unstet flackernden Tönen gequält, mit einem ausufernden Vibrato, das die Toleranzgrenze überstieg und es streckenweise unmöglich machte, den angepeilten Ton neben den vielen mitklingenden auszumachen, mit vielen so gerade noch irgendwie bewältigten Passagen und Einsatzproblemen im Duett des vierten Aktes, mit reichlich ungeschlachtem, den Notentext nur als Vorlage nehmendem Singen in der Arie, so dass nicht wenige Premierenbesucherinnen und -besucher danach und auch am Ende der Vorstellung mit Buhs auf die vereinzelten Bravos reagierten - der Sänger sollte gut nachdenken, ob er noch einen Lohengrin wagt, und darauf hoffen, dass ihm die Intendanz mit Partien wie Herodes und Aegisth ein interessantes neues Repertoire eröffnet.

Der legatostarke Armin Kolarczyk war ein verlässlicher Chorèbe mit durchschnittlichem Timbre und nicht geringem Vibrato, Lucas Harbour ein bemühter Panthée, Konstantin Gorny ein sehr präsenter, viel Autorität ausstrahlender Narbal, der neben gewaltigen Basstönen auch viel Piano zu bieten hatte und sich sehr viel Mühe bei der Textausdeutung gab. Eleazar Rodriguez war ein tadelloser Iopas, der für tiefere Töne nicht unerheblich arbeiten musste, Fachkollege Sebastian Kohlhepp sorgte mit seinem hellen, vibrierenden Timbre als Hylas (zuvor war er bereits als Helenus dabei) für noch mehr Begeisterung. Stefanie Schaefer war darstellerisch als Ascagne ziemlich gefordert und stimmlich nicht unrecht, Karine Ohanyan eine vokal ziemlich leichtgewichtige Anna mit wenig Präsenz in der eigentlichen Altlage, aber mit stetem Bemühen um Ausdruck. Keinerlei Ausfälle, sondern durchweg solide Leistungen gab es auch bei den Interpreten der kleineren Partien, Avtandil Kaspeli sei stellvertretend genannt, der als Schatten Hectors und Gott Merkur in dieser Produktion sehr häufig auf der Bühne beschäftigt war.

Als ich von der Idee hörte, dass die Chöre häufig im ganzen Zuschauerraum eingesetzt und für eine Art Dolby Surround-Sound würden sorgen müssen, war ich skeptisch, das hat man oft erlebt, und meistens brachte es szenisch wenig und musikalisch vieles durcheinander. Nichts davon bei dieser Premiere: Trotz der erhöhten Schwierigkeit und großer Distanz zum musikalischen Leiter sangen die Damen und Herren ausgesprochen sauber, synchron und tonschön, das muss wirklich sehr genau geprobt worden sein (ein Sonderkompliment an den Chorleiter Ulrich Wagner). Dagegen schien die Badische Staatskapelle noch ein paar Proben und einige Aufführungsroutine mehr zu brauchen, um an vielen Stellen über eine Al-Fresco-Interpretation hinauszukommen, das hat man schon prägnanter, auch eigenwilliger, kantiger, persönlicher, subtiler und raffinierter aufgeführt gehört, auch nachdem sich die anfängliche Nervosität gelegt hatte und Unkonzentriertheiten weniger wurden. Immerhin, GMD Justin Brown setzte auch in dramatischeren Momenten nicht auf überrumpelnde Lautstärke, sondern bemühte sich um größtmögliche Transparenz, das ist nicht wenig Erleichterung für das Bühnenpersonal.

FAZIT: Die neue Intendanz kann sich über eine erste Musiktheaterpremiere freuen, die Lust macht auf mehr, vielleicht auch auf solche Stücke, die nicht im Zentrum des allgemeinen Publikumsinteresses stehen (und natürlich auf die Fortführung der "Programmlinie Französische Oper"). Der Schwung, den das Team mitbringt, spürt man auch als Erstbesucher (die rührige Kommunikations- und Marketingsabteilung, die per Postkarte nicht nur ihre auch im Haus tonnenweise ausliegenden Materialien anbietet, sondern auch, "Einblick in die Theaterarbeit zu erhalten & eventuell mitzuarbeiten" oder "als Statist auf der Bühne zu stehen"; Publikumsnähe und Gesprächsbereitschaft signalisieren auch die Namensschilder, die alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Generalintendanten abwärts tragen, der sich nicht zu schade ist, jedem und jeder auf der Bühne Beschäftigten nach der Vorstellung zusammen mit seinem Leitungsteam Rosen zu überreichen), die Leistungsfähigkeit des Ensembles steht außer Frage, nicht nur weil man einen zukünftigen Star wie Heidi Melton zur Verfügung hat. Was aber das Wichtigste ist: An diesem Premierenabend war Berlioz' Meisterwerk nicht nur ein Schmankerl für Connaisseurs, sondern auch ein unmittelbar berührender, stark und lang akklamierter Erfolg beim Publikum, anders als vom Komponisten selber erwartet (vgl. seinen Brief vom Weihnachtstag des Jahres 1856). 




Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Jochen Klenk 
Ascagne