Drucken

 

  
Opernnetz Logo

Opernnetz


ohne Datumsangabe, von Eckhard Britsch
  Im ausweglosen Käfig

Stefanie Schaefer singt sich in die Herzen der Karlsruher 

 

Die transparente Treppe kommt aus dem Nichts, sie führt aber direkt in die seelische Hölle, wenn Katja Kabanowa sie herabsteigt. Vielleicht hat die junge Ehefrau den Himmel auf Erden erwartet, doch das Gegenteil ist der Fall. Gegen ihre herrische Schwiegermutter kommt sie nicht an. Es bleibt ihr nur die Flucht in ein kurzes Abenteuer; in Konventionen gefangen, sieht sie hinterher keinen anderen Ausweg mehr, als in den Fluten der Wolga zu versinken.

Ein Stoff voller Klischees, den Leoš Janácek nach dem Schauspiel „Das Gewitter“ von Alexander Ostrowskij vor rund 90 Jahren vertont hat? In der Inszenierung von Georg Köhl bekommt das Stück beklemmende Dringlichkeit, weil Köhl die Figuren geradezu unbarmherzig in ihrer Fehlbarkeit in den Fokus nimmt, um daraus die Zwangsläufigkeit der Katastrophe abzuleiten. Dazu dient die karg stilisierte Bühne von Christian Floeren mit ihren nur durch Treppen gegliederten Leerräumen, aus denen sich käfigartige Zwanghaftigkeit ergibt; kongruent dafür auch die „normalen“ Kostüme von Ursina Zürcher. Denn diese Menschen scheinen keine Kunstfiguren, sondern wie Typen von nebenan, denen man das innere Grauen nicht ansieht.

Was treibt die (Schwieger-)Mutter Kabanicha zu ihrem herrischen Wesen? Ganz einfach, die Witwe hält erstens die geschäftlichen Fäden in der Hand, denn an ihren Schreibtisch lässt sie keinen ran; zweitens „gehört“ ihr Sohnemann Tichon, den sie wahllos auf Geschäftsreisen schickt und ihm keinerlei Eheleben gönnt. Und Tichon ist zu schwach, um seine Liebe zu Katja Kabanowa über die hörige Mutterbindung zu stellen. Das Scheitern ist programmiert, während Kabanicha ihre geheimen Wünsche an Kaufmann Dikoj auslässt, der ihr demütig die Peitsche reicht. Sonja Borowski-Tudor ist darstellerisch und mit tadelloser Stimmführung die perfekte Böse, uneinsichtig und herrisch bis zum bitteren Ende.

Zwischen innig und seelisch zerquält kostet Christina Niessen mit ihrer schönen, farbenreichen Sopranstimme die Titelpartie aus; Matthias Wohlbrecht leiht dem Tichon eine ausdrucksvolle Tenorstimme und zeichnet ein unentschlossenes, ja wehrloses Muttersöhnchen, das nie erwachsen werden kann. Wie ein Alter Ego taucht Boris als Liebesretter in der Not auf, den Bernhard Berchtold als ebenfalls unreifen Liebhaber zeigt. Weiter sind in angemessener Besetzung Andreas Heideker (Lehrer) und Ulrich Schneider (Kaufmann Dikoj) zu hören. Gleich in die Herzen der Karlsruher Operngänger aber sang sich Stefanie Schaefer als „Barbara, Pflegetochter im Hause Kabanow“, denn ihr beweglicher Mezzo korrespondiert mit angenehmer Erscheinung und feiner Ausstrahlung; in dieser Partie gastierend gehört sie ab der neuen Saison zum Ensemble. Dass die Badische Staatskapelle unter Justin Brown ganz ausgezeichnet agiert, wird schon lange als selbstverständlich erwartet. Der GMD schöpft die inhaltlich komplexe und technisch anspruchsvolle Partitur facettenreich und emotional explosiv aus.

Georg Köhl hat das Erwartbare ohne künstlich hergeholte, moderne Assoziationen inszeniert, das aber ausgezeichnet, so dass eine eindringliche Opernproduktion geglückt ist. Das Premierenpublikum war ungeteilt begeistert.




Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Jacqueline Krause-Burberg 
Barbara