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Der Opernfreund


ohne Datumsangabe, von Ludwig Steinbach
  KATJA KABANOVA

Einen prächtigen lyrischen Mezzo brachte Stefanie Schaefer für die Barbara mit 

 

Psychogramm im schönen Rahmen - Gemischte Gefühle hinterließ die Neuproduktion von Janaceks Oper „Katja Kabanowa“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Regisseur Georg Köhl hat die Handlung zusammen mit Christian Floeren (Bühnenbild) und Ursina Zürcher (Kostüme) in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt. Der Raum wird von einem riesigen eisernen Podest eingenommen, dessen verschiedene Ebenen durch Leitern miteinander verbunden sind. Auf der höchsten Plattform sieht man zu Beginn Katja, die sich vor einem blauen Sternenhimmel, der indes bald einem Gewitterhimmel weicht, ihren Sehnsüchten und Träumen hingibt. Sie ist offensichtlich schwanger. Auf einmal wird ihr übel, rasch eilt sie zu einem Toilettenthron und übergibt sich. Sie kommt mit ihrer Situation nicht zurecht. Ihren Ehemann und Vater ihres ungeborenen Kindes Tichon liebt sie nicht. Richtig zu lieben ist ihr größter Wunsch. Der bleibt ihr aber in einer bigotten und scheinheiligen Welt, deren herausragendste Vertreterin Kabanicha ist, versagt. Allein der Wunsch zu lieben stellt einen schweren Verstoß gegen die bestehende Gesellschaftsordnung dar. Darüber ist sich Katja im Klaren. Desto rasanter und ungestümer stürzt sie sich in ihre Affäre mit Boris. Mit dem Mut der Verzweiflung begehrt sie gegen ihr Schicksal auf und erweist sich als große Kämpferin, die sich am Ende wirklich in die Wolga stürzt. Dieses Schlussbild hat man noch nie so naturalistisch gesehen, denn der im dritten Akt einsetzende Gewitterregen hat die ganze Bühne unter Wasser gesetzt. Mit großer Stringenz zeichnet der Regisseur ein ausgeprägtes Psychogramm der gegen ihre Umwelt rebellierenden Katja auf. Nicht nur bei ihr wird seine Meisterschaft in Sachen Personenregie offenkundig. Auch die anderen Figuren werden mit großer Akribie geführt. Das Aufzeigen der zwischenmenschlichen Beziehungen gelingt ihm ausgezeichnet. Trefflich auch seine Charakterisierungen der einzelnen Figuren. Neben der Titelgestalt gilt Köhls Interesse verstärkt der Kabanicha, einer sadistischen Lady, die keinerlei Widerspruch duldet, deren angebliche große Moralität aber durch das Sado-Maso-Spiel, das sie im zweiten Akt mit Dikoj betreibt, Lügen gestraft wird. Ihr Sohn Tichon steht gänzlich unter ihrer Herrschaft. Als seine Mutter sich Katja gegenüber einmal besonders grausam zeigt, denkt er nicht im Traum daran, seiner schwangeren Frau zu Hilfe zu eilen. Total betrunken zieht er es vor, lieber seinen Rausch auszuschlafen - wahrlich ein feiger Schwächling ohne Rückgrat, der sich von seiner Mutter bereitwillig terrorisieren lässt. So weit so gut. Indes vernachlässigt der Regisseur einen für den Gesamtzusammenhang ganz essentiellen Punkt: Die dem Stück immanente Gesellschaftskritik wird fast gar nicht problematisiert. Die Fragwürdigkeit der einer ausgeprägten Doppelmoral frönenden Gesellschaft, des Spagats zwischen Sexgier und Wahrung des gesellschaftlichen Ansehens bleibt im Grund unbehandelt. In der oben erwähnten Szene zwischen Kabanicha und Dikoj wird dieser Aspekt zwar einmal kurz angedeutet, erfährt aber insgesamt keine ausführliche und tiefgehende Beleuchtung. Der Mikrokosmus des Ganzen wird hervorragend aufgezeigt, der diesen bedingende Makrokosmus aber außen vor gelassen. Damit bleibt Köhls Deutung dem Verständnis einiges schuldig. Auch mutet seine Inszenierung insgesamt zu schön an. Die Schilderung des krassen Milieus wird auf diese Weise etwas verfälscht.

Eine hervorragende Leistung erbrachte Christoph Gedschold am Pult. Er ließ die gut disponierte Badische Staatskapelle mit großer Intensität und ausgeprägter Leidenschaft aufspielen, wobei er den großen Bogen nie aus den Augen verlor, aber auch Details liebevoll auslotete. Das tschechische Melos kam unter seiner versierten Leitung wunderbar zum Ausdruck. Die auf der Bühne vorherrschenden großen Gefühle fanden im Orchestergraben eine treffliche Entsprechung. Insgesamt ein spannendes und farbenreiches Dirigat von hoher Eleganz.

Von den Gesangssolisten ist an erster Stelle Christina Niessen zu nennen, die sich an diesem Nachmittag als grandiose Sängerschauspielerin erwies. Darstellerisch stürzte sie sich mit einem Höchstmaß an Energie in ihre Rolle und beeindruckte auch stimmlich mit ihrem gut gestützten, kernigen dramatischen Sopran, der sowohl in der Tiefe als auch in der Höhe gleichermaßen gut ansprang. Insgesamt wartete sie mit einem ungemein unter die Haut gehenden, eindringlichen Rollenportrait auf, das seinegleichen sucht. Diese ausgeprägte Intensität in der Darstellung erreichte Sonja Borowski-Tudor in der wichtigen Rolle der Kabanicha leider nicht, erwies sich indes stimmlich als keine schlechte Wahl: Ihr Mezzosopran ist gut gestützt und wurde ausdrucksstark eingesetzt. Einen prächtigen lyrischen Mezzo brachte Stefanie Schaefer für die Barbara mit, der sie mit frischem, leichtem Spiel auch darstellerisch sehr gerecht wurde. Mit voller, runder Tongebung wertete Sarah Alexandra Hudarew die kleine Partie der Glascha auf. Ansprechend waren auch die Bassstimmen: Sowohl Ulrich Schneider (Dikoj) als auch Luiz Molz (Kuligin) füllten ihre Rollen mit sonoren, sauber dahinfließenden Stimmen aus. Nicht gerade gut war es dagegen um die drei Tenöre bestellt: Bernhard Berchtold ( Boris), Andreas Heideker (Kudrjasch) und Matthias Wohlbrecht (Tichon) konnten zwar schauspielerisch überzeugen, nicht aber gesanglich. Die Stimmen von allen dreien waren wenig gut focussiert und klangen ziemlich dünn. Sigrun Maria Bornträger und Marian Szkwarkowski in den Rollen der Fekluscha und des Mannes rundeten das Ensemble ab. Wie üblich vorbildlich entledigte sich der von Ulrich Wagner einstudierte Chor seiner Aufgabe.




 



Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Jacqueline Krause-Burberg 
Barbara