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Ost Thüringer Zeitung 
Dienstag, 25. Januar 2011
  Mozarts Idomeneo im Erfurter Theater

Der emotionale Nährwert von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Idomeneo" ist gering. Eine Steigerung versuchte das Theater Erfurt durch Verpflanzung des antiken Sujets in die Gegenwart.


Von Dr. Ursula MIELKE


Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt 
Markus Petsch (Idomeneo), Stefanie Schaefer (Idamantes), 
Ilia Papandreou (Elektra), Marisca Mulder (Ilia)


Erfurt. Der Abstraktionsgrad des Stoffes wurde durch die mit starkem Beifall bedachte Premiere in der Erfurter Neuen Oper aber nicht wesentlich herabgestuft. Fern und fremd bleiben dem heutigen Betrachter Kretas König Idomeneo (Markus Petsch), dessen Sohn Idamantes (Stefanie Schaefer), Elektra (Ilia Papandreou), die trojanische Prinzessin Ilia (Marisca Mulder), des Königs Vertrauter Arbaces (Marwan Shamiyeh), die Oberpriesterin (Katharina Walz) und Gott Neptun (Gregor Nöllen).

"Idomeneo", dieser typische sowie mit virtuosen Hürden ausgestattete Mozart, ist keine Oper zum Gernhaben, eher ein intellektuelles Spiel. Denn ein hitverdächtiger Wiedererkennungswert der Musik, obwohl sie auf breiter stilistischer Palette gezeichnet, ist kaum existent. Sprödigkeit hatte demzufolge Regisseur Patrick Bialdyga, der Amor am Ende chancenlos lässt, zu überwinden. In Bialdygas Konzept agiert König Idomeneo nicht als aufgeklärter Herrscher, sondern als klassischer Macbeth, der nicht von Thron und Krone lassen kann. Darin liegt sozusagen Bialdygas Kritik am Wirken der reinen Vernunft sowie an der in der Kunst häufig idealisiert beschworenen Macht der Liebe.

Verbunden mit diesem plausiblen Aspekt von Realitätserfahrung erhöht sich jedoch der Kältegrad der Oper. Aber indem Bialdyga mit sicherem Gespür für lange Dialoge inszeniert, die Personen zielgerichtet wie alltagstauglich agieren lässt, setzt er auch einen humanen Kontrapunkt zum antiken Heldentum. Trotz projizierter, aufgewühlter See, trotz des großen Kofferpackens für Idamantes Abreise, trotz gewisser Handgreiflichkeiten gegenüber Elektra dominieren das darstellerische Spiel weitgehend bekannte theatralische Gesten. Ein Heer von viel beschäftigten Argonauten könnte man das Philharmonisches Orchester nennen. Geschickt vom dirigierenden Steuermann Samuel Bächli durchs Partitur-Meer manövriert, liefen doch bereits in der Ouvertüre schnelles Figurenwerk der Violinen und später im dritten Akt das robuste Posaunen-Trio intonatorisch etwas aus dem Ruder. Doch Bächli leitete das hochgesetzte Orchester sehr differenziert sowie mit größtmöglicher Verbindung zum Bühnengeschehen, was sich vor allem in der Wahl gemäßigter Tempi ausdrückte.

Auf harmonisch gesättigten wie sanften Klangwogen gestaltete der von Andreas Ketelhut einstudierte Erfurt Opernchor seinen Part und bescherte der Aufführung entspannende Wohlfühl-Momente. Die Solisten hingegen taten sich hörbar schwerer mit ihren mit reichlich Verzierungen gespickten Partien. Arbaces (Marwan Shamiyeh) verhungerte quasi in ängstlichem Soubrettonton bei den Koloraturen. Und der Gast Markus Petsch (Idomeneo) hielt nicht, was seine Verpflichtung versprach. Anfangs durch leicht nasal-süffisanten Stimmklang entspannt wirkend, wurde die tenorale Höhenluft schnell dünn.

Mehr versprach und hielt die weibliche Besetzung: Katharina Walz als Respekt gebietende Priesterin, Stefanie Schaefer als Königssohn Idamantes mit ihrem schlanken Mezzosopran. Marisca Mulder ließ der trojanischen Prinzessin Ilia beim Beweinen des Vaterverlustes sogar warmherziges Eurydike-Timbre angedeihen, meisterte virtuose Passagen, gab aber teilweise auch Angestrengtheit zu erkennen. Gewohnt sicher, stimmtechnisch versiert und doch nicht ganz in ihrem sängerischen Element war als Gegenspielerin Elektra Ilia Papandreou.

Beide Damen verliehen dem Erfurter "Idomeneo" versöhnenden Glanz. Gerade mit ihrer temperamentvollen Beschwörung der Furien unterstrich die Papandreou ihre Klasse sowie die Tatsache, dass doch in jedem Weib eine Rachegöttin schlummert.


Videos und Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt 
Idamantes