theater pur 
Mai 2006
  Hoffmann mit Idealbesetzungen

Wuppertaler Bühnen
Schauspielhaus
"Les Contes d´Hoffmann", Oper von Jacques Offenbach in französischer Sprache
Musikal. Leitung: Evan Christ
Inszenierung: Johannes Weigand
Bühnenbild: Moritz Nitsche
Kostüme: Judith Fischer
Dramaturgie: Karin Bohnert
Chor: Jaume Miranda
Foto: Wuppertaler Bühnen


Nach der Rheinoper in Düsseldorf 2005 setzt nun auch Wuppertal "Hoffmanns Erzählungen" auf den Spielplan, und diese Produktion überrascht durchweg positiv. Offenbachs Werk hat Wagnerlänge und ist partienreich. Da kommt ein kleines Ensemble in Schwierigkeiten. In Wuppertal heißt die Lösung: Einige Sänger singen mehrere Partien. Das ist nicht neu, nur selten machbar, aber in Wuppertal gelingt es. 

Die Inszenierung von Johannes Weigand gehört zu seinen besten Arbeiten. Jacques Offenbachs Oper stellt den Dichter Hoffmann in den Mittelpunkt, der sich an drei Liebesgeschichten erinnert, die alle tragisch enden. Zum Schluss bleibt nur die Muse, die Hoffmann liebt, an seiner Seite. Das Bühnenbild von Moritz Nitsche schafft atmosphärisch den Rahmen für die traumatischen Bilder Hoffmanns, und die fantastischen Kostüme von Judith Fischer charakterisieren mit Ironie die Typenvielfalt. Mit dieser Inspiration gelingen Regisseur Weigand durchweg überzeugende Rollenportraits, die typisieren, aber nicht überzeichnen, und bis in die Nebenrollen sieht man eine homogene Ensembleleistung.

Die Titelrolle gestaltet als Gast der italienische Tenor Mercello Bedoni und erweist sich sängerisch und optisch als Idealbesetzung. Beeindruckend, wie er vor allem im Antonia-Akt die schwere Partie mit den extrem anspruchsvollen Arien und Duetten kultiviert und mühelos bewältigt. Der erfahrene Sänger hat seine künstlerische Heimat in Italien und Polen!, und hoffentlich demnächst auch in NRW! 
Stefanie SchaeferMelba Ramos war bis vor drei Jahren Publikumsliebling am Opernhaus Wuppertal-Barmen, bevor sie an die Volksoper Wien wechselte. Jetzt feiert sie als Gast ihr Comeback als Olympia, Antonia und Giuletta im Schauspielhaus Wuppertal. Die aparte Puertoricanerin bewältigt diese enorme Herausforderung zwischen Koloratur und Sopran glänzend. Berührend die Antonia-Arie "Elle a fui, la tourterelle" und das expressive Duett mit Hoffmann "C'est une chanson d'amour". 
Stefanie Schaefer, die seit Jahren gefeierte Mezzo-Sopranistin hat als Muse und Nicklaus angemessene darstellerische Möglichkeiten. Wenn sie Hoffmann als Persiflage seine Liebe zur Roboter-Puppe Olympia vorführt, und danach emphatisch von der Kunst und der Liebe singt, sind das große Opernmomente - brava! 
Kay Stiefermann spielt vier skurrile Rollen: Lindorf, Coppelius, Mirakel und erntet als Dapertutto mit der Spielgelarie "Scinfille, diamant" durch seine baritonale Phrasierungskunst nachdrücklich Szenenapplaus. 
Köstliche Chargen liefert als Andres, Cocherille, Pitichinaccio und vor allem als Diener Frantz der Tenor Stefan Boving. Cornel Frey, Tenor, ist Nathanael und Olympias technisch verrückter Vater Spalanzani und Bassist Christoph Stegemann ist Luther und Crespel, der besorgte Vater Antonias. Bariton Reinhold Schreyer-Morlock mimt den Rivalen Schlemihl in der Gunst um die Kurtisane Giuletta, den Hoffmann tötet. Der Chor und Extrachor zeigte Spielwitz und kraftvollen, sängerischen Einsatz. 
Der junge amerikanische Dirigent Evan Christ überraschte durch eine erstaunlich intensive Präsenz, die das Sinfonieorchester Wuppertal und die Sänger hörbar inspirierte. 
Ovationen für alle Mitwirkenden.

Peter Ackermann 



Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Milena Holler 
Niklas/Muse

Hörbeispiele:
a) Augenterzett 
b) Couplet des Niklas 
c) Oublie ton rêve 
d) Des cendres de ton coeur