Zum Bergischen General Anzieger

"My Fair Lady" im Teo Otto Theater war eine Freude 

14. Juni 2005

Von Michael Windgassen 
 

Das englische Beiwort "fair" kann vieles bedeuten, unter anderem: schön, anständig, angemessen, gerecht, aber auch heiter, blond, mittelmäßig oder gar billig. Eine deutsche Entsprechung zu dem viel sagenden Titel "My Fair Lady" finden zu wollen wäre müßig und wird auch gar nicht erst versucht. An der Übertragung des Londoner Cockney-Slangs kommt eine deutsche Fassung dieses Erfolgsmusicals allerdings nicht vorbei. 

In den meisten Aufführungen behilft man sich mit dem berlinerischen Idiom. Johannes Weigand, der das Stück für die Wuppertaler Bühnen inszenierte, das nach großem Erfolg in der Nachbarstadt jetzt auch am Teo Otto Theater zu sehen war, hat sich - die Sachsen mögen es ihm verzeihen - für jene Mundart entschieden, die angeblich auf der Beliebtheitsskala deutscher Dialekte weit unten rangiert. Von einer "Maschendrahtzaun-Lady" kann aber bei Eliza Doolittle keine Rede sein, insbesondere nicht in der schauspielerischen und gesanglichen Interpretation von Stefanie Schaefer, die durchaus "fair" - doch alles andere als mittelmäßig oder billig - die äußerliche Wandlung nach Wunsch vollzieht. Sie verkörpert gleichsam die satirische Norm für Angemessenheit und Menschlichkeit, vor der sich ihr verschrobener Lehrmeister Professor Henry Higgins, für den Gewöhnung das Höchste der Gefühle ist, der Lächerlichkeit preisgibt. Thomas Braus macht aus dem bärbeißig rüden, spleenig eingefleischten Hagestolz und Sprachforscher eine furiose Karikatur. 

Glänzend in ihren Rollen, die die karikierte Extravaganz des Professors maßvoll zurücknehmen, sind Ingeborg Wolff als souveräne, mondäne Mutter Higgins und Bernd Kuschmann als kauzig charmanter Oberst Pickering. Ebenso Andreas Möckel, der als Elizas Vater und schlagfertiger Apologet unverfrorener Eigennützigkeit das groteske Pendant zu Higgins bildet und mit "'Nem kleenen Stück Glück" oder "Bring mich zum Altar" die von Rosita Steinhauser großartig choreografierten Ensembleszenen dominiert. Drollig und rührend gibt Tenor Cornell Frey den verliebten Freddy Eynsford-Hill, der seine Hymne auf Eliza - "In der Straße, mein Schatz, wo du wohnst" - derart hinreißend singt, dass es eine irritierte Fahrradfahrerin unversehens vom Sattel holt. Moritz Nitsche hat die Bühne mit schlichten Versatzstücken ohne großen Aufwand eingerichtet und der bildlichen Wirkung durch aufwändige Kostüme aus der Entstehungszeit der Vorlage "Pygmalion" von George Bernhard Shaw, entworfen von Judith Fischer, den Vorzug überlassen. 

Thomas Dorsch, der auch den vorzüglich klingenden und spielenden Chor/Extrachor der Wuppertaler Bühnen einstudiert, leitete die Bergischen Symphoniker mit viel Schwung. Dass die Darsteller aus dem Schauspielfach diesem gesanglich nicht immer folgen konnten, tat dem Gesamteindruck der durchweg gelungenen Vorstellung keinen Abbruch. Entsprechend viel Szenen- und Schlussapplaus gab es aus den gut gefüllten Zuschauerrängen. 


Fotos zu dieser Aufführung: 
Foto: Milena Holler
Eliza