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Aus den Fugen geraten

 

Von Silvia Adler / Fotos von Milena Holler
 

"Don´t mind – forget". In weißen Lettern leuchten die lapidaren Worte aus dem Bühnendunkel. Wie eine hilflos banale Beschwörungsformel. Mach Dir nichts draus - vergiss es einfach! Doch so einfach ist es mit dem Vergessen nicht. Für den Amerikaner Pinkerton ist die Ehe mit der japanischen Geisha Butterfly nur eine Episode. Ein schönes, zeitlich begrenztes Spiel. Sie dagegen meint es ernst und ist bereit, sich bis zur Selbstverleugnung aufzuopfern.

Tajana Zaharchuk, Stefanie Schaefer, ChorIn einem Frontalzusammenstoß prallen in Puccinis Operndrama Madame Butterfly emotionale Weg-Werf-Mentalität und unverbrüchliche Treue aufeinander. Auch wenn die zarten Lichteffekte des hinter durchsichtiger Gaze liegenden Bühnenbildes (Nanette Zimmermann) fernöstliche Exotik suggerieren, geht es in der Inszenierung von Anouk Nicklisch nur am Rand um die Begegnung fremder Kulturen. Gezeigt wird vor allem ein Beziehungsdrama. Arthur Friesen, Pieter Roux, Chor

Wie ein Pfeil weist die spitz zusammenlaufende Bühne ins Leere. Die Darsteller agieren auf einen schiefen Ebene. Nur mühsam halten sie das Gleichgewicht. Marineleutnant Pinkerton ist nach Amerika zurückgekehrt. Im Haus seiner japanischen Frau ist die Welt aus den Fugen geraten. Starrsinnig ragt ein einzelnes Brett aus der Schräge des Bühnenbodens. Auf dieser schmalen wagerechten Fläche sucht Butterfly Zuflucht. Hartnäckig verschließt sie die Augen vor der Realität. Bis zum Schluss klammert sie sich an die Illusion, ihre Ehe mit Pinkerton – der sie längst verlassen hat - stünde auf festem Grund.

Eindrucksvoll bringt die symbolkräftige Sprache des Bühnenbilds den emotionalen Gehalt des Stückes auf den Punkt. Lediglich die Bedeutung eines meterlangen Seils, das im Liebesduett hervorgezogen wird, dann aber fast zwei Stunden - ohne weitere Beachtung zu finden - auf der Bühne liegen bleibt, will sich nicht erschließen. Obgleich das ästhetisch-disziplinierte Bühnenbild sich konsequent jeder kitschigen Opern-Exotik verweigert, bleibt die Personenregie häufig im Klischee verhaftet. Dem Beziehungskonflikt fehlt es an emotionaler Tiefenschärfe. Der Supergau der Gefühle bleibt aus.

Im roten Kimono sTatjana Zaharchuk, Matin Maßmann, Arthur Friesenteht zu Beginn des Stückes eine kleine japanische Puppe auf der Bühne. Von ihrer wehrlos-zarten Zerbrechlichkeit ist die Butterfly der russischen Sopranistin Tatjana Zaharchuk meilenweit entfernt. Mit metallenem Timbre gestaltete sie die Titelpartie eher divenhaft-dominant als fernöstlich-bescheiden. Trotz einzelner Unsicherheiten in der Höhe sorgt sie in den mit äußerster Strahlkraft interpretierten Arien für die berühmte Puccini-Gänsehaut. Glänzende stimmliche Akzente setzt auch Mezzosopranistin Stefanie Schaefer in der Rolle der Suzuki.

Tatjana Zaharchuk, ChorWeniger Belcanto-Schmelz, dafür aber zupackende Dramatik serviert der südafrikanische Tenor Pieter Roux. Mit sicherer Höhe überstrahlt er die Klangbögen des Orchesters. Mit Kay Stiefermann als Sharpless, Arthur Friesen als Goro, Katharina Greiß-Müskens als Kate Pinkerton sind auch die mittleren Partien durchweg überzeugend besetzt.
 

Bestens disponiert zeigt sich das Orchester unter der Leitung von George Hanson. Auch wenn die auftrumpfende Dynamik manchmal über´s Ziel hinaus schießt, bietet der sinfonisch –dichte, farbenreiche Orchesterklang den Sängern ein hervorragendes Fundament. So kam aus dem Orchestergraben die Tatjana ZaharchukIntensität, die man auf der Bühne streckenweise vermisste. Für die Wuppertaler Bühnen ist die Aufführung Pieter Roux, Arthur Friesenvor allem ein musikalischer Triumph, den das Publikum mit euphorischem Beifall honorierte.
 

 
FAZIT
Garantiert kitschfreie Butterfly-Inszenierung. Musikalische Höhenflüge trösten über die im Klischee verhaftete Personenregie hinweg.
 

 





 

Westdeutsche Zeitung
Montag, 30. Juni 2003

  Tragödie auf Distanz zum Kitsch

 


Anouk Niklisch inszenierte Giocomo Puccinis Welterfolg "Madame Butterfly". Tatjana Zaharchuk glänzte als Gast in der Titelpartie.

Wuppertal. "Don` mind - forget" steht in Leuchtschrift auf den Würfeln, über die Kinder springen, während die Vorbereitungen zu Marineleutnant Pinnkertons Eheschließung auf Zeit mit der Geisha Cio Cio San getroffen werden. Als er sie nach heftiger Liebesbeziehung wieder verlässt, verspricht er ihr, nach Nagasaki zurückzukehren, wenn die Rotkehlichen wieder brüten. Er wird das Versprechen nicht halten und damit die tödliche Tragödie der jungen Frau auslösen, die für ihn mit ihrer Kultur brach und von ihren Eltern verstoßen würde. Im Wuppertaler Opernhaus hat Anouk Niklisch Giacomo Puccinis Lieblingsoper "Madame Butterfly" inszeniert, sichtbar darum bemüht, den Eindruck von Fernost-Tragik-Operette zu vermeiden.

 Sie setzt auf den menschlichen Konflikt der Protagonisten und zeichnet Pinkerton als schwächlichen Mann, der in Amerika als "richtige" Ehefrau in Kate (Katharina Greiß-Müskens) mit ihrem etwas fernöstlichen Gepräge wohl ein Cover seiner Geisha suchte. Cio-Cio-San blondierte sich derweil währennd seiner langen Abwesenheit blondierte und gibt sich westlich, schon wegen ihres Sohnes, den sie von Pinkerton hat...

Doch ganz auf Fernnostkolorit will sie doch nicht verzichten. Da wogen die Chordamen im Kimono vor einer schrägen Spielfläche mit schiefen Wänden die sich nach hinten öffnen. Die Gesten assoziieren mannchmal Kabuki-Theater, angesichts des Bühnennraums (Nanette Zimmermann) aber auch expressionnistischen deutschen Stummfilm, zumal der Kuppler Goro (Arthur Friesen) wie ein dämonischer Doktor Caligari über die Bühne geistert. Über ein leuchtendes Dreieck im Hintergrund darf der Zuschauer rätseln, ebenso über ein Tau, mit dem sich die Akteure die Schräge entlanghangeln können.

Immerhin entfernt sich Anouk Niklisch mit solchen "Symbolismen" gehörig vom sentimentalen Kitsch eines erfolgreichen Opern-Schmachtfetzens. George Hanson am Pult des Sinfonieorchesters scheint "Madame Buttrfly" mehr zu liegen als seinerzeit "Tosca" und das nicht, weil der Komponist die amerikanische Nationalhymne in die Partitur einbrachte. Sein Dirigat ist solide, bei der für unsere Ohren asiatisch klingenden, aber doch durchaus europäischen Partitur, die in ihrer Pentatonik etwas in die Nähe Mahlers rückt.

In Tatjana Zaharchuk hat er auch eine glänzende Cio-Cio-San, die das Dramatische der Partie betont, wie es etwa auch die Callas und die Scotto taten, und auf exponierte Demonstrationen von Pianokultur verzichtet. Nach einem Patzer im berühmten Duett mit Pinkerteon sang sie die beiden Arien bravourös, für die sie mit Ovationen gefeiert wurde. Sie könnte eine ideale Tosca sein und eine ideale Turandot werden.

Belcanto-Glanz verlieh Pieter Roux dem Pinkerton, was über sein etwas leidenschaftsloses Spiel hinwegtröstete. Glänzend bewährte sich Stefanie Schaefer als Suzuki, ddas Duett mit Chio-Chio-San war ein Höhepunkt. Kay Stiefermann überzeugte als jugendlicher Sharpless. Arthur Friesen als Goro. Hartmut Bauer verliegh der kleinen Partie des Lo zio Bonzo Konturen...

Gut einstudiert (Konrad Haenisch) wirkte der Chor, vor allem im gesummten Mondchor, Ihm waren auch die kleineren Partien anvertraut. Wehmut mischte sich beim Publikum in frenetischen Beifall und stehende Ovationen, handelt es sich doch um die letzte Inszenierung einer großen Repertoire-Oper im Barmer Haus vor der vierjährigen Schließung.

(2 3/4 Stunden, Pause, Aufführungen nur am 2., 6., 10., und 12. Juli. Karten über Telefon 569-4444).

Von Frank Scurla

(die Fehler im Text sind alle Original von der WZ übernommen)


 

 
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Sonntag, 29. Juni 2003

 

 Umjubelte "Madame Butterfly"

 

Wuppertal. Der Dolch blitzt im Futteral des Kimonos. Cio-Cio-San lässt schon im ersten Akt der Puccini-Oper "Madame Butterfly" keinen Zweifel daran, dass sie sich nie wieder als Geisha verdingen will.

Alles tut sie für ihre Liebe zu Pinkerton. Doch während er in Nagasaki stationiert ist, will der amerikanische Marine-Offizier sich vor allem amüsieren. Für ihn ist die kleine Frau mit Blüten in den Haaren ein Schmetterling. Selbst die Heirat mit "Butterfly" ist für den Lebemann nur Zeitvertreib, für die Japanerin indes eine endgültige Entscheidung. Vehement lässt Anouk Nicklisch in ihrer stilechten Inszenierung des Puccini-Klassikers West und Fernost aufeinanderprallen und beschert Wuppertal seit Jahren wieder einen großen Opernabend.

Das Unglaubliche: Nur sechs Mal steht diese "Butterfly", die das Zeug zum Kassenschlager hat, auf dem Programm und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen. Warum? Das Opernhaus Barmen wird wegen Renovierung fünf Jahre geschlossen. Und das Bühnenbild sprengt angeblich die Dimensionen des Elberfelder Schauspielhauses, in dem die Oper übergangsweise spielen wird.

Die junge Regisseurin, die nach der Premiere ebenso stürmisch gefeiert wurde wie die Sänger inklusive Titelheldin Tatjana Zaharchuk als Gast, hat sich für Teile der Urfassung von 1904 entschieden. Puccini selbst hat wegen lautstarker Ablehnung und Tumults nach der Uraufführung einige Arien und Szenen korrigiert und geglättet. Zurecht setzt Nicklisch auf die dramatische Spannung eben dieser Urfassung, in der Musikstile, Harmonien, Tonarten und Lebensrituale ungefiltert in ständigem Kampf stehen.

Wie unüberwindbar Kulturmauern waren und sind, führt Nicklischs strenge Personenführung und Ritual-Choreographie vor, in stilisierter, atmosphärisch dichter Ausstattung von Nannette Zimmermann. Ein schmuckloses Raum-Dreieck in Schräglage nimmt den Handelnden jede freie Entscheidung.

Tatjana Zaharchuk - eine hervorragende Puccini-Primadonna

Ganz schmal ist das Sprungbrett, das in den Raum hineinragt: Hier balanciert die vom Priester als Verräterin beschimpfte Butterfly ihr Leben zwischen Tradition und Liebe zum Amerikaner aus. Ihren leuchtend gelben Kimono tauscht sie gegen ein dunkles Gewand, färbt sich ihre pechschwarzen Haare rotblond, um sich nicht von ihrem Kind zu unterscheiden.

Gedrehte und verschraubte Armbewegungen von Cio-Cio-San sind japanischem Kabuki-Theater entlehnt, ebenso wie Trippelschritte und Scherenschnitt-Posen. Das alles fügt sich mit der Musik (GMD George Hanson sei Dank) zu einer Einheit, stilsicher und dramatisch bezwingend. Ein vielversprechendes NRW-Debüt war das nicht nur für Anouk Nicklisch, sondern auch für die russische Sängerin Tatjana Zaharchuk. Mit echtem Pathos und ausladendem Spinto-Sopran erfüllt sie alle Erwartungen an eine Puccini-Primadonna. Ebenfalls eine Entdeckung: Pieter Roux als Pinkerton. Der südafrikanische Sänger verfügt über strahlendes Tenor-Metall vom Feinsten, aber auch über lyrische Bögen und gehört zu den Hoffnungsträgern des Wuppertaler Hauses, das endlich wieder eine Reise lohnt.

Termine: 2., 4., 6.,12. Juli. Karten: Tel. 0202/569 4444

Von Michael-Georg Müller
 

 


 

 
bz Logo Bergische Zeit - online
Sonntag, 30. Juni 2003

 

 «Madame Butterfly» begeisterte im Original

(v.l.n.r.) Tatjana Zaharchuk, Martin Maßmann, Arthur Friesen Foto: Wuppertaler Bühnen

Wuppertal – Geschichten mit sozialkritischem Hintergrund gehören heute zum Alltagsgeschäft der Autoren. Auch binationale Ehen, die wegen unterschiedlicher Traditionen und Lebensanschauungen scheitern, oder Männer, die sich minderjährige Geliebte suchen, bieten Stoff für Filmemacher und Schriftsteller aller Kontinente. 1904 waren diese Themen allerdings skandalös. Und so blieb der Erfolg von Giacomo Puccinis Oper «Madame Butterfly» erst einmal aus. Heutzutage wird das Stück gerne gesehen – auch in Wuppertal, wo es am vergangenen Samstag Premiere hatte.

Die «tragedia giapponese» (japanische Tragödie) des italienischen Komponisten erzählt die Geschichte der 15-jährigen Geisha Cio-Cio San, genannt Butterfly, die den Amerikaner Pinkerton heiratet. Er macht sich aus der Ehe mit der jungen Japanerin aber nur einen Spaß, denn in Wirklichkeit ist er bereits in seiner Heimat verheiratet. Als er Cio-Cio San verlässt, bleibt sie in dem Bewusstsein zurück, seine Frau zu sein. Nach drei Jahren kommt der Amerikaner mit seiner inzwischen zweiten Ehefrau zurück, erfährt, dass er einen Sohn mit Butterfly hat, und will diesen mitnehmen. Die Japanerin stimmt vordergründig zu, bringt sich aber kurze Zeit später um.

Regisseurin Anouk Nicklisch hat die Originalversion von «Madame Butterfly» umgesetzt, die noch scharfe Kritik an Amerikas Fernost-Politik übt und den Konflikt zwischen Amerikanern und Japanern nachzeichnet. In der Wuppertaler Inszenierung wird Pinkertons (sehr überzeugend: Pieter Roux) bösartige Gedankenlosigkeit und Butterflys (Tatjana Zaharchuk) Liebe stark herausgearbeitet. Der eine sucht nur sein Vergnügen, die andere gibt ihre Familie und ihren Glauben auf, um ihm zu gefallen. Leider fehlt in dieser Umsetzung Butterflys Jugendlichkeit und Schönheit, die das Fehlverhalten des Amerikaners verständlich machen. Die mehrfach ausgezeichnete moldavische Gast-Sopranistin Tatjana Zaharchuk verfügt über eine wunderbare Stimme, doch in dieser Rolle könnte man sich sicher auch eine anmutigere Besetzung vorstellen.

Die Ausstattung (Nanette Zimmermann) lässt wieder Raum für Diskussionen. Ein kreisrunder Ausschnitt, der an die japanische Flagge erinnert, bietet den Blick auf die weiße Bühne. Der hintere Bühnenraum läuft in einem spitzen Dreieck steil nach oben zusammen. Hier müssen die Sänger schon mal ihre Sportlichkeit unter Beweis stellen. Musikalisch ist diese Aufführung allerdings ein wahrer Genuss, wozu der warme Spinto-Sopran der Hauptdarstellerin auch maßgeblich beiträgt. Von kleinen Unebenheiten im Chor abgesehen, begeisterten die Sänger und Musiker das Wuppertaler Premiere-Publikum. Jeanette Nicole Wölling

Weitere Aufführungen am 2., 4., 6. und 10. Juli. Karten unter: 0202/569 4444. Aufführungsdauer 2 Stunden und 45 Minuten mit Pause.