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Das Opernglas 2/2004
Orpheus-Raritäten 
Von Dr. Wolfgang Borchers

Stefanie Schaefer als Aristeo in OrfeoKurz vor der vierjährigen Renovierungspause des Wuppertaler Opernhauses, ... gönnten sich die Wuppertaler Bühnen noch einmal ein ambitioniertes Projekt: Ein "Orpheus-Fest", das drei veritable Raritäten im Programm hatte: .... die Tragicomedia per musica >>Orfeo<< von Luigi Rossi (1647) ....

Die Ausgrabung des Rossi-»Orfeo« geriet musikalisch zu einem uneingeschränkten Plädoyer für das Werk. Christoph Spering und "Das Neue Orchester" wurden ihrem Ruf als führende Spezialisten für historische Musizierpraxis einmal mehr gerecht, wenn man sich einige Sequenzen auch kontrastreicher, schroffer, weniger gefällig denken könnte. Herausragende Leistungen im durchweg überzeugenden Ensemble erbrachten die beiden Mezzosoprane Tina Hoerhold und Stefanie Schefer.

Ein wenig verschenkt wurde diese Ausgrabung leider in Bezug auf die "Wuppertaler Fassung" als auch deren szenische Realisation. Das Werk ist bezeichnet als "Tragicomedia" und lebt, wie der Titel schon sagt, ganz wesentlich von dem Kontrast zwischen komischen und ernsten Episoden. Die Einrichtung durch Christian Baier eliminiert weitgehend die buffonesken Passagen und bringt durch diese Verstümmelung das Werk um seinen ambivalenten Charakterzug. So muss diese Fassung unschlüssiges Stückwerk bleiben. Und Sparsamkeit hin oder her: Die spartanische "Inszenierung" durch Michael Simon war kaum mehr als konzertantes Stehtheater, in den wenigen Momenten versuchter Personenführung wirkte sie hilflos und amateurhaft, zuweilen gar wie eine schlechte Kopie der artifiziellen Bewegungschoreografie eines Robert Wilson. Da half es wenig, derlei Nichtigkeit mit Fotomontagen im Wuppertaler Lokalkolorit aufzumöbeln, wodurch die Aussage des Stücks außerdem unnötig verkleinert wurde.

 

 

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Wetsdeutsche Allgemeine Zeitung
Dienstag, 21.10.2003
Euridice kommt beim Autounfall ums Leben

Von Hans-Jörg Loskill

WAZ Wuppertal. Luigi Rossi (1598 - 1653) ist weiter zu entdecken. Wuppertals Oper widmet dem Italiener in der Reihe "Das alte Werk" ein Revival: "Orfeo", ein Mythos durch alle Epochen, diente dem Institut als weiterer Beweis für die Lebensfähigkeit. Denn bald wird das Haus für vier Jahre geschlossen. Renovierung ist angesagt.

Da niemand weiß, wie in vier Jahren die NRW-Theaterlandschaft und deren finanzielle Basis aussehen wird, liegt Skepsis über der aktuellen Saison. Bleiben alle drei Sparten mit Schauspiel, Musiktheater und Tanz erhalten? Wie eng ist eine bereits diskutierte Fusion/Kooperation mit Remscheid/Solingen gedacht?

Mit Rossis "Orfeo"-Deutung (1647) knüpft Wuppertal jedenfalls an beste Produktionen der vergangenen zwei Jahre an. Christoph Spering dirigiert das "Neue Orchester Köln", ein Spezialistenensemble für barocke Musik, mit leidenschaftlicher Inspiration. Die Musik des in Rom, Florenz, später auch in Paris tätigen Renaissance-Komponisten fließt blühend und pulsierend, energisch und lyrisch dahin.

Michel Simon inszenierte diese weitgehend unbekannte "Orpheus und Eurydike"-Version mit Sinn für die Gegenwart. Der Sänger verliert seine geliebte Frau durch einen Autounfall, der gerade passierte - vor dem Opernhaus. Die Künstlerin wird in ein Wuppertaler Hospiz gefahren. Die Götter erbarmen sich des trauernden Mannes: Die Liebenden dürfen noch einmal zusammen kommen. Wenn da nicht der verbotene Blick zurück wäre!

Digitalisierte Bilder mischt Simon mit präziser, wenn auch ironisch eingefärbter Charakterisierung. Bei Rossi schiebt sich neben dem scheinbar unsterblichen Paar eine weitere Figur in den Mittelpunkt: Aristeo, Nebenbuhler von Orfeo, der sich in Eurydike verliebt. Frau Venus bemüht sich, die Standhaftigkeit der Frau zu beschädigen - vergebens. Es singen mit barockem Verständnis und edel glänzenden Stimmen: Tina Hörhold (Orfeo), Sungmi Kim (Eurydike), Stefanie Schaefer (Aristeo) - ein Fest der weiblichen Stimmen.

 



 

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Orfeo 


Tragicomedia per musica
Text von Francesco Buti
Musik von Luigi Rossi (1598 - 1653)

Fassung für die Wuppertaler Bühnen von Christian Baier 
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Premiere im Operhaus Wuppertal am 4. Oktober 2003

Sterben in vollendeter Schönheit 

Von Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / Fotos von Milena Holler 


Vielleicht soll es Symbolcharakter haben: Mit einem „Orpheus-Fest“ verabschiedet sich die Stadt Wuppertal fürs Erste von ihrem Opernhaus, das wegen einer anstehenden Komplettsanierung für einige Jahre geschlossen werden muss - als wolle man mit der Figur des antiken Sängers, der die Wächter der Unterwelt mit seinem Gesang erweichen konnte, die Geister der Lokalpolitik gnädig stimmen. Mancher Wuppertaler Ratsherr nämlich liebäugelt mehr oder weniger offen mit einer Konzentration des Wuppertaler 3-Sparten-Theaters auf eine Spielstätte (ein Gutachten, das die Effizienz dieses Plans belegen sollte, hat sich aber pikanterweise für eine Beibehaltung von Opern- und Schauspielhaus ausgesprochen); unvorhergesehene Kostensteigerungen, wie es sie eigentlich immer und überall gibt, könnten da eine unliebsame Dynamik hervorrufen. In dieser Phase der Ungewissheit und angesichts eines ohnehin schon spärlichen Opernpublikums, dass dem Opernensemble in ein paar Wochen einige Kilometer wupperabwärts in das Schauspielhaus folgen soll, gehört schon einiger Mut dazu, als letzte Premiere im Opernhaus eine völlig unbekannte Barockoper auf das Programm zu setzen: Orfeo von Luigi Rossi, komponiert 1647. Operndirektor Klaus-Peter Kehr bleibt mit feinem Gespür für die Möglichkeiten des hauseigenen Ensembles seiner Linie treu und setzt auf „Ausgrabungen“ – mit Erfolg. In dieser Nische weit jenseits von Wagner und Verdi gelingt den Wuppertaler Bühnen einmal mehr eine bemerkenswerte Produktion.
Hochzeitsparty vor Videowand: Im Hintergrund erahnt man hier die Wuppertaler Schwebebahn ... 

 

Rossis Oper stellt den Konflikt zwischen Orpheus, dem Gatten Eurydikes, und seinem Nebenbuhler Aristeus in das Zentrum seiner Oper. In Wuppertal sind diese beiden Partien exzellent besetzt: Tina Hörhold singt mit warmer, tragfähiger Stimme einen ungemein intensiven Orpheus von bestechendem Wohlklang. Kaum minder überzeugend Stefanie Schaefer als Aristeus, auch sie mit glasklarer, dem Charakter der Musik ideal entsprechender Stimme. Sungmi Kim als Eurydike verharrt da mehr im Soubrettenton, nicht ganz auf der Höhe der beiden anderen Sängerinnen, aber immerhin gut passend zur Anlage der Rolle. Das restliche Ensemble, dramaturgisch in der drastisch gekürzten Fassung, die hier gespielt wird, nicht mehr als Beiwerk, rundet mit ordentlichen Leistungen den blendenden musikalischen Eindruck ab: Passend zum Orpheus-Thema darf der Gesang ganz im Mittelpunkt stehen.

... und hier viel Lokalprominenz, gefilmt im Foyer des Wuppertaler Opernhauses. 

Regisseur Michael Simon verzichtet auf fast jede Bühnenaktion; im schwarz ausgeschlagenen Raum reduziert er das Spiel auf wenige Gesten. Wortlandschaften wie das Wörtchen ICH in überdimensionalen Buchstaben sind fast so etwas wie sein Markenzeichen (etwa in Beat Furrers Narcissus in Bonn) – in dieser Inszenierung allerdings ziemlich überflüssig. Der eigentliche Clou, neben dem alles weitere Bühnengeschehen verblasst, ist eine riesige Videoprojektion auf die Bühnenrückwand, die eine Art bewegliches Bühnenbild liefert. In diesem Video (Christian Ziegler) sieht man als Parallelhandlung die Sänger in einer Wuppertaler Gegenwartsgeschichte: Die Hochzeitsfeier (mit Lokalprominenz im Foyer des Opernhauses verfilmt), einen Autounfall Eurydikes, unterirdische Gänge im Krankenhaus. Dabei laufen die Bilder in unendlicher Langsamkeit und irrealen Überblendungen ab, was ihnen jeden dokumentarischen Charakter nimmt. Verknüpft sind Film- und Bühnenhandlung auch dadurch, dass das Opernhaus in den Videosequenzen immer wieder zu sehen ist und auch Ort des tragischen Finales wird. Nur in ganz wenigen Momenten entsteht der Eindruck von Banalität; ganz überwiegend erzielen Simon und Ziegler trotz des vermeintlichen Realitätsbezugs eine schwebende, mythische Atmosphäre.
Verdoppelte Präsenz: Euridice. 

 

Durch die Kürzungen wird die Handlung auf die Dreiecksbeziehung Orpheus – Eurydike –Aristeus reduziert: Eine universal gültige Geschichte von erwiderter und unerwiderter Liebe, Schmerz und Verlust (der zweite Handlungsstrang, der Streit der Götter, die zwischen Erde und Unterwelt einen Stellvertreterkrieg führen, ist weitgehend eliminiert). Gerade hierdurch wird der Musik die zentrale Rolle eingeräumt, denn zu den Bildern, die ihre ganz eigene Zeit zu haben scheinen (ein reales Zeitmaß ist nicht mehr vorhanden), wird der Gesang zum zeitlosen Träger des Gefühls, das Bild des verunglückenden Mädchens zur universellen Chiffre für Tod als visueller Kontrapunkt zu den betörenden Klageliedern der Sänger. Konsequent ist unter diesem Aspekt der weitgehende Verzicht auf Rezitative – an einer musikwissenschaftlich „korrekten“ Aufführung ist dem Produktionsteam nichts gelegen. Vielmehr wird die Oper, die durch ihre typenhaften, wenig individualisierten Charaktere eben diese Vergrößerung auf typisierte, archetypische Gefühlswelten zulässt, mit Blick auf ihre „schönen Stellen“ geplündert. Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen durch das beeindruckende künstlerische Ergebnis.

Klagegesänge in vollendeter Schönheit: Orfeo und Euridice 

Aufführungspraktische Sorgfalt waltet immerhin im instrumentalen Part, der nicht dem Wuppertaler Sinfonieorchester, sondern dem als Gastdirigenten verpflichteten Barock-Spezialisten Christoph Spering und seinem Ensemble „Das Neue Orchester“ anvertraut ist. Mit großem Farbreichtum, vor allem in den abgedunkelten, fein schattierten Trauermusiken, warten die Musiker auf, können aber auch furios zur Attacke blasen. Lebendigkeit und Ausdrucksfähigkeit sind Spering letztendlich wichtiger als museale Dogmatik. Musikalisch wie szenisch ist dieser Orfeo die bislang stärkste Produktion des Wuppertaler „Orpheus“-Festes, in dessen Rahmen Offenbachs Orpheus in der Unterwelt und Haydns L'anima del filosofo, beide nur halb geglückt, wiederaufgenomen werden (eine weitere Orpheus-Oper von … wird noch folgen). Das größte Manko ist hausgemacht: Gerade neben dieser Aufführung sähe man gerne Pina Bauschs geniale Tanz-Fassung von Glucks Orpheus – doch ihr Tanztheater in das Orpheus-Fest einzubinden ist den Wuppertaler Bühnen nicht gelungen.

 

FAZIT

Grandiose Bilder zu einer musikalisch hervorragenden Produktion.

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Die Welt

Dienstag, 21.10.2003

Ohne modische Götterszenen


Oper

von Stefan Keim

Wuppertal -  Eurydike verreckt auf der Straße, der Hades ist ein Krankenhaus und Pluto der Chefarzt. Was wie eine der zur Masche gewordenen ironischen Inszenierungen einer Barockoper klingt, hat tragisches Format. Mit Videobildern aus Wuppertal gibt der Filmemacher Christian Ziegler dem "Orfeo"-Stoff eine alltägliche, direkte Dimension. Die Geschichte des Mannes, der nach ihrem Tod seine geliebte Frau nicht aufgeben will, hat nichts Abgehobenes, obwohl mit ihr das Genre Oper durch Claudio Monteverdi vor 400 Jahren begründet wurde.

Luigi Rossi - ein Star des 17. Jahrhunderts, heute vergessen - schrieb seinen "Orfeo" 1647. Die damals modischen Götterszenen haben die Wuppertaler gestrichen, sie konzentrieren sich auf die menschliche Tragödie. Zum Liebespaar (lyrisch und prägnant: Sungmi Kim und Tina Hörhold) gesellt sich noch ein Nebenbuhler (authentisch intensiv: Stefanie Schaefer), der von schaurigen Erscheinungen in den Wahnsinn getrieben wird. Hier durchbricht Regisseur Michael Simon die vorherrschende klare Kargheit und lässt Eurydikes Geisterstimme als Toneinspielung um das Publikum herum erklingen. Die subtil komponierte Arie macht großen Effekt. Die Bühne bleibt leer, bis auf Buchstabenskulpturen, die mit den Worten "Ich" oder "Mein" Assoziationsfelder schaffen, sich mit der Musik verzahnen. Oft verschwimmen die Einstellungen, als wäre der Film aus Wasser.

Der Morphing-Effekt verhindert, dass die Bilder zu real wirken. Gleichzeitig spiegelt er den Andeutungsreichtum von Rossis betörend melodischer Musik, die genau den Emotionen der Charaktere nachspürt. Christoph Spering bringt das mit dem Spezialistenensemble "Das Neue Orchester" auf alten Instrumenten großartig zum Klingen. Bevor das Opernhaus für vier Jahre wegen Sanierung geschlossen und das Musiktheater im Schauspiel zu Gast sein wird, bestärken die Wuppertaler noch einmal eindrucksvoll ihren Anspruch, über das Bergische Land hinaus zu wirken. Termine: 13., 15., 16. November; Karten: (0202) 569 44 44

Artikel erschienen am 21. Okt 2003

 



 


Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mittwoch, 15.10.2003
Unterweltton
Schlangenbiß auf Video: Luigi Rossis "Orpheus"-Ausgrabung

Von : ELLEN KOHLHAAS

Mit dem tödlichen Rückblick des thrakischen Sängers Orpheus, des mythischen Urbilds von Macht und Ohnmacht der Musik, beginnt die Geschichte der Oper. Die "Euridice"Opern von Giulio Caccini und Jacopo Peri (beide 1600) und Claudio Monteverdis "Orfeo" (1607) sind die ersten veröffentlichten Musiktheaterwerke überhaupt. Die Geschichte pflanzt sich seitdem hundertfältig fort bis zu den Balletten Strawinskys (1947) und Henzes (1979). Mit einem "Orpheus"Zyklus von Anfang Oktober bis zum 22. November setzt das Barmer Opernhaus in Wuppertal einen besonderen Akzent, ehe es wegen Renovierung schließt und die Opern produktion zeitweise ins Elberfelder Schauspielhaus übersiedelt. Neben Wiederaufnahmen von Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" und Achim Freyers grandioser Inszenierung von Haydns "L'Anima deI Filosofo ossia Orfeo e Euridice" als Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen (F.A.Z. vom 3. Mai 2001) sind Neuproduktionen im Programm: Luigi Rossis Oper "Orfeo" von 1647 und das ebenso rare Melodram "Orpheus und Eurydike" des originellen Petersburger Glinka Vorläufers Jewstignei Ipatowitsch Fomin. Ergänzend gibt es Vorträge und Konzerte.

Anders als die noch renaissancehaft an tikisierenden Opern Caccinis, Peris und Monteverdis ist Rossis "Orfeo" typisch barock: Um die Tragödie des jungen Paares ranken sich überquellend Nebenhandlungen und -figuren, zanken Götter um Einfluß, lästern Eurydikes Amme und der freche Satyr Momo über Liebe und Ehe. Die Wuppertaler Fassung schält die zentrale Dreiecksgeschichte um das Paar und Eurydikes ungeliebten Anbeter Aristeo, Sohn des Bacchus, aus dem Gewirr der Intrigen. Von den siebenundzwanzig Rollen bleiben für zehn Sänger elf übrig, von den dreieinhalb Stunden reiner Spielzeit zwei. Der martialische Prolog fällt ebenso weg wie der endlose Götterzank am Schluß der Oper. Sie endet jetzt mit der bewegen den Totenklage "Lasciate Averno" (Verlaßt den Avernus, o Klagen) des verzweifelt einsamen Sängers einer suggestiv verinnerlichten Glanznummer der jungen Sopranistin Tina Hörhold. Daß der heutige Opernbesucher so massive Eingriffe nicht als Substanzverlust empfindet, hat weniger mit der Qualität von Rossis Musik zu tun als mit der Rücksicht des Komponisten auf das hemmungslose Amüsierbedürfnis des Pariser Publikums zu seiner Zeit.

Freilich protestierten nach der erfolgreichen Uraufführung am 2. März 1647 Im Pariser Palais Royal Klerus und Politiker gegen derlei verschwenderische Lustbarkeiten. Der Wuppertaler Version ist eher eine Sparsamkeit nachzurühmen, die reichlich Phantasie freisetzt. Im schwarzen Bühnenkasten läßt der Regisseur und Raumgestalter Michael Simon die ohnehin streng stilisierten und konzentrierten Bewegungen immer wieder fast rituell erstarren wie in einem antiken Mysterienspiel. Farbe bringen die modernen Kostüme von Sabine Blickensdorfer hinein, vor allem aber Christian Zieglers Video-Projektionen als zeitgenössischer Bühnenbildersatz und Kommentar zum inneren Geschehen. Im MorphingVerfahren, der raffinierten Überblend- und Verwandlungstechnik, ist die Hochzeitsgesellschaft zu sehen, wie in Zeitlupe Eurydikes Zusammenbruch, die Unterwelt als Klinikflur mit den Doktoren Pluto und Charon als weißen Halbgöttern über Leben und Tod. Erstaunlich ist die Unaufdringlichkeit dieser Bebilderung: Verdichtete Gestik, optische Metamorphosen und fast fragile, viel gestaltige Musik ergänzen und bedingen einander.

Weniger glücklich sind Tonbänder eingeblendet, Zwar läßt sich so etwa der leibhaftige Chor einsparen, doch der elektronische Ersatz klingt allzu künstlich im Vergleich zum Orchester im halb hochgefahrenen Graben. Sinnvoll ist freilich die Rundumbeschallung mit Eurydikes nun wütender Stimme (sehr wandlungsfähig Sungmi Kim) bei Aristeos Wahnsinnsausbruch kurz vor seinem Selbstmord: Der verschmähte Liebhaber (inständig Stefanie Schaefer) kämpft mit dem eigenen Schatten, den er für Eurydikes Unterweltgestalt hält, und fühlt sich von den Vorwürfen der Verblichenen umzingelt.

In Wuppertal bestätigte sich die Erfahrung, daß sich auch Allzweck Sänger in den letzten zehn Jahren immer überzeugender den Barock Gesang einverleibt haben. Dies gilt auch für Martina Ramins leuchtende, klar artikulierende Venus, die einzige handlungstragende und deshalb übriggebliebene Gottheit, und für ihr ironisch transvestitisches Alter ego Edgardo Zayas als alte Kupplerin zwischen Eurydike und Aristeo. Den Sängern haben die Barock Instrumentalisten die weit längere Erfahrung voraus. So verstand sich auch das Neue Orchester Köln mit Christoph Spering am Pult auf originalen oder nach gebauten Barock Instrumenten ganz selbstverständlich auf das figurativ und klanglich perspektivenreiche, improvisatorische Auszieren des lediglich bezifferten Continuos.

Dadurch entband das eher lyrische als dramatische Filigran von Rossis Musik ungeahnte innere Fülle und Geschmeidigkeit als Basis für die Vokalparts, die zwischen Rezitativ, Ariosi und Arien oszillieren. In dieser Feinarbeit wirkten Akzente, Dissonanzen, Wechsel von Taktart und Tempo um so signalhafter. Wieder einmal ist eine Barockoper entdeckt, die eine dauerhafte Wiederbelebung verdiente anders als das ewige Schattenwesen, Eurydike, dem nicht einmal der geliebte Sänger Orpheus endgültig ans Licht helfen kann.

 



 
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Freitag, 10. Oktober 2003
 Verstrickt
OPER In Wuppertal kommt Luigi Rossis Barockoper "Orfeo" ohne Götter aus

Von Elisabeth Elling

WUPPERTAL · Wie wohlig reibt sich Euridices Sopran an der Blockflötenstimme. Wie wonnig bebt die Dissonanz, intensiviert sie ihren Treueschwur für den Gatten: Nein, sie wird Orfeo nicht verlassen; sie will nichts wissen von Aristeo. Dieser Nebenbuhler - er wirbt so hartnäckig um Euridice wie ein verwöhntes Kleinkind, das sich ein Stück Schokolade ertrotzt - macht den "Orfeo" des Luigi Rossi (um 1598-1653) zu einer Dreiecksgeschichte. Ein Beziehungsdrama, das nicht Partei nimmt, sondern dreifaches Unglück auskostet. Rossi lud dazu seine Rezitative melodisch auf und schrieb schlichte, ergreifende Linien, mit denen sich das Trio der Unglücklichen und Liebenden ineinander verstrickt.

Euridice verschwindet

im Krankenhausflur

Das Drama - der antike Mythos ist ein Urstoff der Oper - verlangte 1646 noch nicht nach stimmlicher Artistik, sondern die Bloßstellung der Emotion: Liebe, Eifersucht, Trauer. Das gelingt im Wuppertaler Opernhaus, wo die Sopranistinnen Tina Hörhold (Orfeo), Stefanie Schaefer (Aristeo) und Sungmi Kim (Euridice) zwar keine Spezialistinnen für barocke Arienkunst sind, aber jede anachronistische Pose umgehen. Ganz unmittelbar berührt Orfeos Trauer, wenn Tina Hörhold mit weicher Intonation und schlanker Artikulation die Tränen anklagt. Auch Aristeo formuliert glühendes Gefühl: Stumm kostet er Eudirices Schwärmen aus, das ihm gar nicht gilt, und fordert dann auf Knien Zuwendung. Ihr Tod raubt ihm den Verstand.

Das Neue Orchester unter Christoph Spering befeuert diese Verwerfungen mit historischem Instrumentarium. Da werden Flöten, Zinken und Dulzian geblasen, die Lirone gestrichen, das Psalterium geschlagen. Solch außerordentliche Klangräume lassen sich in einem Stadttheater nur selten erkunden. Die historische Aufführungspraxis ist für Spering jedoch kein Dogma. In Wuppertal wird der Orchesterpart kombiniert mit scheppernden Band-Einspielungen (zum Beispiel, wenn Euridice sich aus dem Totenreich meldet) - und die Partitur auf eine etwa zweistündige Fassung halbiert.

Rossis "Orfeo" wurde beim Kürzen auch gleich säkularisiert, so dass vom Intrigenspiel der Götter, das die Schicksale motiviert, nur eine menschliche Schwundstufe übrig bleibt. Venus (Martina Ramin) nimmt sich Aristeos Sache an. Sie will Euridice mit ihm verkuppeln, und als das nicht gelingt, sorgt sie als alte Frau verkleidet (Edgardo Zayas) für deren Tod.

Dafür bemüht Regisseur Michael Simon weder einen Schlangenbiss noch die Schattenwelt des Hades. Er beschränkt seine Personenführung darauf, die Figuren zu gruppieren und voneinander abzusondern, während die in den Alltag transponierte Handlung in den großartigen Videosequenzen Christian Zieglers abläuft. Wir beobachten vom Beifahrersitz aus, wie Venus die arglose Euridice überfährt, ihr Gesicht kommt ganz nah heran. Sanitäter schieben sie in den Krankenhauskeller, sie verschwindet im gefliesten Flur - im Hades, den Dr. Pluto (Andreas Heichlinger) als Herrgott in Weiß regiert. Ein trefflicher ironischer Moment.

Der zähe Fluss der im Morphingverfahren aneinander montierten Bilder bietet keinen Halt in einer Zentralperspektive. Die bodenlose Trauer Orfeos überblendet alles, lässt keine Distanz zu. Diese Überwältigung leisten Simon, Ziegler, das junge Ensemble und Christophs Sperings Neues Orchester gemeinsam.

 



 
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Neue Westfälische


Freitag, 10. Oktober 2003


Die Wuppertaler Oper feiert ein Orpheus-Festival


Den mythischen Sänger im Fokus

Von MICHAEL BEUGHOLD

Wuppertal. Kein Stoff wurde in der 400-jährigen Gattungsgeschichte so oft und vielfältig, von Caccini bis derzeit Wolfgang Rihm, veropert wie die Orpheus-Sage. Der Mythos vom Sänger, der durch seine Kunst sogar den Tod überwindet, aber dennoch an den Bedingungen scheitert, ist das A und O, die Grundlage, Essenz und Vision von Oper schlechthin.

Die Wuppertaler Bühnen machen sich daraus ein „Orpheus-Fest“, spielen bis Ende November exklusiv vier verschiedene Vertonungen. Das ist in schwieriger Zeit, wo das Haus an den Folgen einer wieder geschiedenen Theaterehe laboriert und dem Barmer Musentempel eine vierjährige Sanierung bevorsteht, wahrlich ein Coup auch der künstlerischen Selbstvergewisserung.

Jenseits der Repertoire-Hits von Monteverdi und Gluck stehen neben der Offenbachschen Operetten-Parodie und Haydns Version in der bildmagischen Schwetzinger Festspielproduktion Achim Freyers zwei Raritäten zur Ausgrabung an. Sowohl das 1792 entstandene Melodram des Russen J. I. Fomin (an 31. Oktober im Schauspielhaus) als auch der Auftakt mit Luigi Rossis „Orfeo“ von 1647 sind musikhistorisch hochinteressant.

Was kann uns dies vielstündige Frühbarock-Spektakel über Macht und Ohnmacht des Künstlers, Verlust und Versagen heute sagen? Erst mal gehörig auslichten, gibt die Dramaturgie vor und schneidet alle Zeitgeschmack-Ranken aus Götterhändeln, Komik und Tanzeinlagen weg. Heranzoomen, meint der namhafte Videokünstler Christian Ziegler und liefert morphing-verfließende Standbilder aus der Schwebebahn-Stadt, ihrem Opernhaus, der Notfallambulanz nebst OP als Szene.

Eurydike stirbt nicht mehr am Schlangenbiss, sondern geht durch vorsätzlichen Autounfall „über die Wupper“. Ansonsten dumm rumstehen, verordnet der Theatermann Michael Simon und verspielt auf völlig leerer Bühne vor halbleerem Saal seinen Ruf. Seine Ölgötzenregie trägt nicht einmal den andert-halbstündigen Kern, der bei Rossi eine Dreiecksgeschichte ist: Der noch aus dem Totenreich von Eurydike abgewiesene Nebenbuhler Aristäos (glutvoll: Stefanie Schaefer) leidet fast mehr als Gatte Orpheus (gefühlvoll: Tina Hörhold) und endet in Wahnsinn und Selbstmord.

Das kann sich in der barockmusikalisch gelungenen Umsetzung durch ein gut geschultes Ensemble und die Alte-Musik-Experten Christoph Spering und „Das Neue Orchester“ ansprechend hören lassen. Und szenisch hat die „Ikone der verwirkten Chance“ in Fomins „Orpheus“ eine zweite Chance.

 



 
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Süddeutsche Zeitung

Donnerstag, 9. Oktober 2003
Der Tod sitzt auf der Rückbank

Die Wuppertaler Oper eröffnet die Spielzeit mit der lyrischen Barock-Oper „Orfeo“ von Luigi Rossi

Von SVENJA KLAUCKE

Aus Verlusten Gewinne machen – wie das geht, zeigt zum Saisonauftakt das Wuppertaler Opernhaus. Diesem fehlen nicht nur bereits die Tapeten, da die Oper demnächst wegen Renovierung in ein Notquartier umzieht, es schwindet auch das Publikum seit der gescheiterten Fusion mit Gelsenkirchen. Nicht ohne Ironie widmet man jetzt dem berühmtesten Verlierer, dem mythischen Sänger Orpheus, dem oft vertonten Sinnbild für die Macht der Kunst und die Ohnmacht des Künstlers, einen ,,Orpheus-Zyklus“. Den Beginn machte die selten aufgeführte Barockoper „Orfeo“ von Luigi Rossi, folgen wird ihr eine noch größere Rarität, der ,,Orfej“ des unbekannten russischen Komponisten Jewstignej Fomin von 1791.

Luigi Rossis Komponisten-Ruhm gründet sich auf seine Kantaten. Geboren 1598 in Apulien, vorzüglich ausgebildet in Neapel, wirkte er zunächst an Fürstenhöfen als Cembalist, Harfinist und Organist. Seine erste Oper, „Il palazzo incantato“, entstand 1641 in Rom in Diensten des Musiktheater-Förderers Kardinal Barberini. Dessen Freund Kardinal Mazarin wollte die italienische Oper am französischen Hof einführen. Darum holte er Rossi nach Paris, wo er seinen ,,Orfeo“ schrieb; 1647 wurde er dort uraufgeführt – mit ungeheurem Erfolg, auch wegen einer exorbitant verschwenderischen Ausstattung

Ganz im Gegensatz dazu präsentierte man das Werk in Wuppertal reduziert. Die dreieinhalb Stunden dauernde Tragicomedia – 1991 von William Christie auf CD eingespielt – wurde um die Hälfte gekürzt; nicht unüblich bei den wenigen Inszenierungen seit der Wiederaufführung 1982 in Mailand. Gestrichen sind die komischen Szenen mit den allzu bekannten Götter-Raufereien; man konzentriert sich auf die Dreiecksgeschichte um Orpheus, Eurydike und den von ihr verschmähten, im Wahnsinn endenden Aristäos, den Librettist Francesco Buti dazuerfand. Diese Striche nehmen der ohnehin weniger dramatischen als lyrischen Komposition einiges an Lebhaftigkeit, an Kontrasten und spezifischer Farbigkeit. Dafür bietet der Kölner Dirigent Christoph Spering, ein Spezialist für Alte Musik, der zuletzt grandios Monteverdis ,,Orfeo“ in Düsseldorf dirigierte, eine lebendige Besetzung seines Orchesters. Er gibt dem Ganzen exotische Töne mit und Balkan-Färbung, indem er etwa eine Zymbal mit ins Generalbass-Fundament holt – eine Reminiszenz an Orpheus’ Thrakien.

Zunächst lässt Spering mit reichlicher Dezenz und würdevollem Gestus musizieren, lässt die Partitur wie eine behutsam im Licht hin- und her gewendete, filigrane Preziose zart funkeln, woran sich dann, jenseits von rhetorischem Purismus, zunehmend Spielleidenschaft entzündet, die eine unmittelbare Wirkung und einen erstaunlichen Zauber freilegt. Im Wuppertaler Sänger-Ensemble gelingt es durchgehend nur Tina Hörhold als Orfeo, die Emotionsräume der Partitur auszufüllen. Ansonsten fehlen der versierten, aber verhaltenen Gestaltung des typischen Deklamationstils expressive Schärfungen und Bitternis. Die Neigung zur Einheits-Tristesse verstärkt Regisseur Michel Simon, der die Darsteller stocksteif in einem schwarzen Leerraum abstellt, in biederer Konfirmations-Kluft und in Familienalbum-Posen.

Mehr erzählen die Bildprojektionen des Videokünstlers Christian Ziegler. Auf den Fotos, mittels Morphing wunderlich bewegt, wird der Fluss Styx zur Wupper unter der Schwebebahn, die Hochzeitsgäste sind Wuppertaler Bürger im Opernfoyer, und Venus, die intrigante Helferin des Aristäos, sitzt als Society-Lady ausgerechnet im Dienstwagen des Intendanten. Eurydike rafft hier kein Schlangenbiss hinweg, sondern es überrollt sie der Opel „Blitz“ der Niederträchtigen. Diese Ästhetik aus Foto-Roman und Hyperrealismus paart sich delikat mit der Barockmusik. Da darf der Gang in die Totenwelt ruhig in die Notaufnahme der Zentral-Klinik führen – solange eine Oper, die solch reizvolle Werk-Erprobungen unternimmt, nicht selbst dort endet.

 



 
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Montag, 06.10.2003
Eurydike muss ins Krankenhaus
 

OPER / Wuppertal hat vor der langen Renovierungspause noch einmal Grund zum Jubel: Michael Simon inszeniert Luigi Rossis "Orfeo" großartig.

WUPPERTAL. Einsam und verlassen steht Orpheus am Ende in einem Kubus und wartet auf den eigenen Tod. Seine Frau Eurydike hat er nun endgültig verloren. Sie war zuvor vor dem Wuppertaler Opernhaus von einem Auto tödlich verletzt und im Rettungswagen in eine Klinik transportiert worden. Obwohl der Tod diagnostiziert wird, geben die Götter in Weiß den Liebenden eine letzte Chance. Doch wie der Mythos besagt: Der verbotene Blick zurück besiegelt ihr Schicksal. - Zeitlos, doch im Heute wiederzufinden, so deutet Michael Simon den "Orfeo" von Luigi Rossi. Eine sensible, hochmusikalische Inszenierung wurde bei der Premiere in Wuppertal gefeiert. Sie bildet den Auftakt eines von der Kunststiftung NRW geförderten Orpheus-Festivals.

Martina Ramin, Stefanie SchaeferBis Ende November stehen selten gespielte Werke zu diesem Mythos von Haydn, Offenbach und vom Russen Jwestigenei Fomin auf dem Programm. Erst nach diesem erweiterten Blick in die Unterwelt wird das Haus wegen Renovierung geschlossen, für vier Jahre.

Simon, der seit "Black Rider" (Dortmund), "Shockheaded Peter" und "Stadt aus Glas" (Düsseldorf) zur Regie-Bundesliga zählt, findet auch für diese bislang unbekannte Oper eine tragikomische Lösung. Schwebend, dann in eingefrorenen Posen bewegen sich die Figuren, die zwar in Röcken, Chanel-Kostümen, Hosenanzügen und Zweireihern stecken, häufig aber an antike Statuen erinnern.

Schwebebahn inklusive

In den Raum geschoben werden sie von Geisterhand, hinter Texttafeln (in großen Lettern: Schein, Sein, Ich ...). Nur selten bricht die Zeitlosigkeit auf: Auf einer Riesenleinwand erscheinen Eurydike und Orpheus in Wuppertaler Umgebung, Schwebebahn inklusive. Nach dem Schlangenbiss wird Eurydike in ein örtliches Hospital gebracht. Doch zuvor feiert man Hochzeit mit Gästen im Opernfoyer, und Nebenbuhler Aristeo erscheint im Olymp des 50er Jahre-Treppenhauses. Ganz nebenbei also eine Hymne an die farbige Ästhetik des Musentempels.

Das Erstaunliche: Simons High-Tech-Ausstattung drängt sich nicht, sondern illustriert, gibt Ideen, wo wir die ewigen Liebes-Sucher heute finden könnten. Magisch hintergründig vereinen sich digitale Bilder mit den Gestalten auf der spartanisch ausgestatteten Bühne und der emotional aufgeladenen Musik der Spät-Renaissance. Luigi Rossi (1598-1653) stand in Rom und Florenz in Diensten der Medici-Fürsten, bevor er nach Paris berufen wurde. Dort wurde sein "Orfeo" im Palais Royal umjubelt. In Wuppertal sorgt Christoph Spering, Experte für Alte Musik, mit einem zusammengesuchten Spezial-Orchester für einen filigranen, aber auch warmen Klang. Nicht die heute modische "barocke Schlankheit" beschwört Spering, in den Solo-Nummern blühen Liebe, Leidenschaft, das Verlieren und das Leiden am Verlust in prächtigen Farben. Eine neuromantische Sichtweise, die sich mit Simons Regie deckt.

Edel intoniert ist nicht nur das "Neue Orchester" mit alten langhalsigen Gamben und nachgebauten Instrumenten, sondern ebenfalls ein handverlesenes Ensemble, das ebenfalls die Dialoge vital und lebendig über die Rampe bringt. Neben Eurydike (Sungmi Kim) und Orfeo (Tina Hörhold) sticht in Luigi Rossis erdiger Orpheus-Version besonders Aristeo (Stefanie Schäfer mit auftrumpfendem Mezzosopran) hervor. Dieser ist Sohn von Gott Bacchus, verliebt sich unsterblich in Eurydike, wird aber verschmäht, obwohl sich Venus alle Mühe gibt, die brave Ehefrau zur Untreue zu verführen. Selbst in der Unterwelt bleibt Eurydike standhaft und lässt sich auch nicht durch Aristeos Freitod (Sprung vom obersten Absatz des Treppengeländers) erweichen. (NRZ)

05.10.2003    MICHAEL-GEORG MÜLLER

 



 
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Montag, 06. Oktober 2003
         In diesem Land der Schatten

Von Torsten Enge
 
 

Die Wuppertaler Oper entzündet zum Auftakt der Spielzeit mit dem kostbaren "Orfeo" von Luigi Rossi ein Glanzlicht, delikat auch für Freunde Alter Musik.

Wuppertal. Als letzte Premiere im eigenen Haus, bevor die Wuppertaler Oper renoviert wird und als Gast ins Schauspielhaus einzieht, hat sie eine Kostbarkeit ausgegraben und mit exquisiten Mitteln auf die Bühne gebracht: den "Orfeo" des Luigi Rossi. Als Zeitgenosse Monteverdis schrieb er sein Meisterwerk am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1646 für Paris. Aus dem vierstündigen Original hat Christian Baier etwa die Hälfte des Materials zu einer spielbaren Fassung zusammengestellt, die sich auf den irdischen Teil der Handlung konzentriert. 

Als wesentlichste Neuerung führt Rossi die Figur des Aristeo (Stefanie Schaefer) ein. Er ist ein Sohn des Bacchus, unsterblich in Euridice (Sungmi Kim) verliebt. Er setzt alle nur denkbaren Hebel in Bewegung, um deren Vermählung mit Orfeo (Tina Hörhold) zu verhindern. Sogar die Göttin Venus (Martina Ramin) ruft er zu Hilfe. In Gestalt einer alten Frau (Edgardo Zayas) versucht sie, Euridice zu einer Trennung von ihrem Gatten zu nötigen. Vergeblich. Ein giftiger Schlangenbiss entführt die heiß Umworbene in die Unterwelt. Aristeo verfällt dem Wahnsinn. Orfeo gelingt es zwar, in das Schattenreich Plutos (Andreas Heichlinger) einzudringen, doch die Befreiung Euridices scheitert; er verliert sie ein zweites Mal. 

Kritische Szene: Aristeo, von Stefanie Schäfer dargestellt (Kniend), wirbt flehentlich um Euridice (Sungmi Kim).(Foto: Andreas Fischer) 

Bemerkenswert an diesem Libretto ist die existenzielle Not der Protagonisten. Ein dauerhaftes Glück ist für keinen von ihnen vorstellbar, zu hart sind die Zeiten, zu willkürlich das Intrigenspiel der Mächtigen. Um dem drückenden Schicksal Gestalt zu verleihen, hat Regisseur Michael Simon den Videokünstler Christian Ziegler eingeladen. Er entrückt den Bühnenraum mit einer computergesteuerten Animation in ganz bizarre Welten. Die Technik des Morphing blendet Hunderte von Fotos so übereinander, dass die Helden der Oper in reale Räume entführt werden und sich dort, wie von magischer Hand gesteuert, bewegen.

Da sind Wuppertaler Straßenzüge, die Schwebebahn, das Theaterfoyer, ein Wagen, der Euridice überfährt, und das Krankenhaus, in dem sie stirbt, greifbar präsent. Die brillanten Einblendungen gehen indes völlig auf Kosten der Bühnenhandlung. Eine Personenregie wird da überflüssig; wie in einer konzertanten Aufführung stehen die Sänger im Raum andere, virtuelle Wesen bewegen sich hier. Mobile Wortwände beamen die Handelnden ins Bild oder lassen sie wieder entschwinden. Die psychologisch diffizilen Handlungsabläufe werden spielerisch daher nicht motiviert. Nur die effektvolle Lichtregie Karl Ulrich Fejas bestärkt die Dramatik.

Christian Baier hatte die Götterszenen, Motor der barocken Oper, gestrichen. Ziegler setzt die heutigen Götter an ihre Stelle. Die moderne Technik mit Film, Video und Computer reduziert die Menschen auf konsumierende Statisten. Virtuelle Emotionen werden zu den eigentlichen erklärt. Der medial aufgearbeitete Schein wird zur Falle, dem das Theater, und das heißt hier: wir selber nichts Substanzielles entgegen zu setzen vermögen.

Mit Christian Spering und dem Neuen Orchester gewinnt die Aufführung historisch authentische Dimensionen. Da sind Zinken, Dulzian, Lirone, Theorben, Psalterium und das furchterregende Regal zu hören. Ein Ohrenschmaus für verwöhnte Freunde Alter Musik. Der Orchestergraben war weit nach oben gefahren leider noch nicht weit genug. Der feine Klang dieser Instrumente verträgt keine Brechung. Sie wären besser auf der von Aktion ohnehin freien Bühne platziert.

Die Sänger begeistern das Publikum durch den jugendlichen Klang ihrer unverbrauchten Stimmen. Leider beherrscht keiner von ihnen die speziellen Gesangstechniken für barocke Musik perfekt, was eine andere Dynamik, Verzierungskunst, ein Beben und Tremolieren erzielt. Aber auch so war der Jubel am Premierenabend groß. Zurecht tosender Applaus für ein bemerkenswertes Projekt.