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1. Sinfoniekonzert

"Auferstehung"

Sonntag, 24. September 2006, 11 Uhr
(Wiederholung: Montag, 25. September 2006, 20 Uhr)

Historische Stadthalle Wuppertal, Großer Saal


Wunder im Pianissimo

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Die 2. Symphonie ist eine der wenigen Kompositionen Gustav Mahlers, die sich schnell und anhaltend beim Publikum durchgesetzt haben. Der monumentale Schlusssatz (mit zwei Solistinnen, Chor und Fernorchester neben dem ohnehin schon üppig besetzten normalen Orchester) und seiner affirmativen Geste mag dazu beitragen ökonomisch wird man das Kompositionsprinzip nicht nennen wollen. Hätte der reifere Mahler diesen Satz später noch einmal komponieren müssen, er hätte die Mittel wohl drastisch reduziert, denn was hier zu sagen ist, ließe sich auch mit rein instrumentalen Mitteln ausdrücken (ohnehin plappert das Orchester im ersten Teil des Finales viel von dem aus, was Chor und Solisten später zu singen haben).

Man kann muss - diesen Finalsatz auch anders betrachten, nicht von einer zielgerichteten satztechnischen Logik her, sondern vom Text: „Mit Flügeln, die ich mir errungen, werde ich entschweben.“ Die auseinander driftende Form wird im Gesang überwunden, der sich über den Trümmern der klassischen Symphonie aufschwingt. Wie viel opernhafte Musik der am Budapester Theater angestellte Kapellmeister Mahler da hineinkomponiert hat, wird in der plastischen Interpretation deutlich, mit der Wuppertals Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka das Werk im 1. Sinfoniekonzert der laufenden Saison vorstellt. Kamioka lässt die Musik atmen, gibt ihr Zeit zur Entwicklung aus dem Moment heraus, wie eine spontane Gefühlsregung. Er baut riesige Spannungsbögen, aber weniger aus analytischem Formsinn als mehr aus der unmittelbaren emotionalen Entwicklung.

Der große Saal der Wuppertaler Stadthalle, einem wilhelminischen Ungetüm aus dem Jahr 1900, hat vergleichsweise lange Nachhallzeiten, was im Vergleich zu den üblichen „trockenen“ Konzertsälen einen „romantischeren“, in mancher Hinsicht natürlicheren und unmittelbareren Klang mit sich bringt (allerdings auf Kosten der Transparenz gerade bei den tiefen Frequenzen). Kamioka versteht es ausgezeichnet, seine Interpretationen auf diese Akustik auszurichten und den spezifischen Raumklang zum Bestandteil der Interpretation zu machen. Er hört dem Hall nach, entwickelt das Tempo aus dem verlöschenden Klang. Das macht ein Konzert wie dieses zum besonderen Erlebnis, das durch kein Tondokument nachvollziehbar ist. Objektiv ließe sich im Details manches kritisieren: Etwa der ungenaue Beginn der Celli; die zu harten Einsätze der Blechbläser im 4. Satz nach dem Altsolo-Passagen; das mitunter zu laute Holz. In der Summe sind das Kleinigkeiten, die nicht oder kaum ins Gewicht fallen, weil das nächste Pianissimo atemberaubend schön ist. Der Gesamteindruck der Aufführung jedenfalls ist überwältigend.

Das Sinfonieorchester Wuppertal präsentiert sich, sieht man von den genannten Mängeln ab (daran zeigt sich der Abstand zu den absoluten Spitzenorchestern), auf insgesamt sehr hohem Niveau. Auch der Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal meistert seinen Part bravourös: Der berühmte Pianissimo-Einsatz hat die von Mahler intendierte (und auch von Gegnern des Werks immer zugestandene) überwältigende Wirkung – noch verstärkt, weil der Chor im Sitzen singt und seinen Einsatz nicht einmal optisch ankündigt. Wie ein Raunen aus dem Nichts entsteht dieser Klang, der sich allmählich verfestigt. Die harmonisch vertrackten Wendungen gelingen mit ordentlicher Intonation. Chorleiterin Marieddy Rossetto hat die rund 100 Sängerinnen und Sänger vorzüglich vorbereitet. Für den pompösen Fortissimo-Schluss hätte man sich klanglich auch die dreifache Besetzung vorstellen können (was schon am nicht vorhandenen Platz für weitere Sänger scheitert) – da stößt eine Aufführung mit Laienchor naturgemäß an seine Grenzen.

Stefanie Schaefer singt das „Urlicht“ mit schönem, schlichten Ton; ihr geheimnisvoll eingedunkelter Mezzosopran ist tragfähig und ausdrucksstark, bewahrt sich dazu auch etwas von der Naivität auf, die den „Wunderhorn“-Gedichten (aus denen auch „Urlicht“ entnommen ist) ihren Grundton verleiht. ...

Der Reiz der Wuppertaler Sinfoniekonzerte erklärt sich auch aus der ungeheuren Ausstrahlung von Chefdirigent Kamioka, die sich auf das Publikum überträgt. Die Mischung aus Nonchalance und höchster Energie, die sich schlagartig entladen kann, machen Konzerte wie dieses zum Erlebnis. Das während der sonntagmorgendlichen Aufführung sehr konzentrierte Publikum dankte mit viel Applaus.