Darmstädter Echo, 14.11.2015

Triumph schöner Stimmen

Von Susanne Döring

ORATORIUM Langer Beifall für „Elias“ in der Darmstädter Stadtkirche

DARMSTADT - Alttestamentarischer Stoff mit Bezug zur Gegenwart: In einer umjubelten Aufführung widmete sich die Darmstädter Kantorei am Sonntag in der Stadtkirche dem Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und verdeutlichte, warum diese Musik auch heute noch etwas zu sagen hat.

Als Felix Mendelssohn Bartholdy 1846 sein Oratorium „Elias“ vollendete, war die Diskussion um Sinn und Zweck dieser Gattung in vollem Gange. War das Oratorium nur der Abklatsch der Oper, wie sehr war es auf religiöse Inhalte festgeschrieben, sollte es eher episch-erzählend sein oder eher dramatisch?

Dramatische Vertonung des biblischen Textes

Mendelssohn Bartholdy entschied sich in einer Zeit, in der Oratorien schon hin zu nationalistischen Inhalten tendierten, für einen alttestamentarischen Stoff, den er höchst dramatisch vertonte. Das heißt, er verzichtete weitestgehend auf erzählende Rezitative und ließ die Protagonisten, den Propheten Elias, das Volk oder auch König Ahab und andere als handelnde Personen auftreten, was diesem Werk immense Spannung verleiht.

Dazu passt, dass Mendelssohn Bartholdy kaum Choräle einsetzte, die in vielen Oratorien den Sinn der inneren Einkehr haben. Der Kantor der Darmstädter Stadtkirche, Christian Roß, hob im Konzert am Sonntag mit der Darmstädter Kantorei, der Philharmonie Merck und Solisten diese dramatischen Aspekte des Geschehens denn auch deutlich heraus.

Eingebettet hatte er die Aufführung, wie aus dem ausführlichen Programmheft hervorgeht, in aktuelle Bezüge, indem er zur Rolle religiöser Fundamentalisten in heutiger Zeit Stellung bezieht: Elias „ist auch ein Eiferer, ein Gotteskrieger, der alles Maß verliert, ähnlich wie Fundamentalisten heute (egal welcher Religion sie angehören)“, ist zu lesen.

    

Die Hauptrolle im Oratorium kommt dem Chor zu, der mit etwa 120 Sängerinnen und Sängern gut aufgestellt war. Furios erklangen die Massenchöre, in denen der Chor mal das Volk, mal die Baalspriester darstellt. Dabei wahrten Chor und Orchester auch in den aufgewühltesten Szenen klanglich die Balance. Auch wenn es laut wurde, behielten die Sänger ihre stimmlichen Qualitäten, in keinem Moment übertönten sich Chor oder Orchester gegenseitig. Die Stärken der Kantorei machten sich vor allem auch in den lyrischeren Passagen bemerkbar, in denen der Chor die Engels-Schar verkörpert.

Hier setzte Roß zum Teil auch den Kammerchor ein, um die Intensität des Ausdrucks zu erhöhen. Ob großer oder kleiner Chor: Wunderbar einstimmig erklangen die Stimmen von Sopran, Alt, Tenor und Bass. Bemerkenswert aufmerksam wurden die Tempo- und Stimmungswechsel gestaltet.

Unter den Solisten des Abends sind vor allem die beiden Frauenstimmen hervorzuheben. Susanna Martin (Sopran) und Stefanie Schaefer (Mezzosopran) vermochten ihren Partien große Farbvielfalt abzugewinnen. Besonders Schaefer sorgte mit empathischem Einsatz für innige Momente.

Markus Lemke springt kurzfristig ein

Für den erkrankten Bariton Peter Anton Ling war kurzfristig Markus Lemke eingesprungen, der aber auch mit einem Infekt zu kämpfen hatte. Bewundernswert tapfer interpretierte er die Rolle des Elias und vermittelte glaubwürdig den zerrissenen Charakter des Propheten. Weitere Solisten waren Simon Bode (Tenor) sowie der Knabensopran Cornelius Elsäßer, der mit glockenreiner Stimme den Boten intonierte, der nach langer Trockenheit Ausschau nach dem kommenden Regen zu halten hat.

Die Philharmonie Merck erwies sich als zuverlässiger Partner und glänzte mit sauberen Blechbläsereinsätzen und filigranen Streicherpartien. Mit minutenlangem Beifall feierten die Zuhörer in der Stadtkirche diese gelungene Aufführung.

Von Susanne Döring