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Gossengöre als Glanzpunkt

Karlsruher Musiacal "My Fair Lady" in neuer Besetzung - nicht immer ganz glücklich

 

Foto: Falk von Traubenberg

IDEALBESETZUNG: Stefanie Schaefer als Eliza Doolittle in "My Fair Lady". Links
neben ihr James Edgar Knight als Freddy Eynsford-Hill.    Foto: Falk von Traubenberg

Was denn nun – Sän­ger oder Schau­spie­ler? Die an­ge­mes­se­ne Be­set­zung von äl­te­ren Mu­si­cals wie „My Fair La­dy“ stellt die Thea­ter vor heik­le Pro­ble­me. Meist sind es dann ge­misch­te En­sem­bles, die zum Ein­satz kom­men: Ei­ne dia­log­fä­hi­ge Sän­ge­rin für die Blu­men­ver­käu­fe­rin Eliza, die sich zur fei­nen La­dy mau­sert, ein Ver­tre­ter der Sprechs­par­te für den kan­ti­gen Ha­ge­stolz Hig­gings, ein Ko­mi­ker für den prol­li­gen Müll­kut­scher Doo­litt­le und al­le­mal ein Ten­or­buf­fo für den über­aus ver­lieb­ten Fred­dy. Auch die Karls­ru­her „La­dy“-Ins­ze­nie­rung von Sam Brown be­müht sich da um ei­nen Kom­pro­miss, der in der B-Pre­miè­re er­neut die Fra­ge auf­kom­men lässt, ob denn für die pro­fi­lier­ten Sän­ger des En­sem­bles kei­ne pas­sen­de­ren Par­ti­en zu fin­den sind als die im Mu­si­cal. Die Ta­len­te der dra­ma­ti­schen So­pra­nis­tin Chris­ti­na Nies­sen et­wa sind an das be­schei­de­ne For­mat der Haus­häl­te­rin Mrs. Pe­ar­ce ziem­lich ver­geu­det, auch wenn sie die­se Rol­le durch­aus lie­bens­wür­dig ge­stal­tet.

Ins­be­son­de­re die be­kann­ten Vor­zü­ge des be­lieb­ten Ba­ri­tons Ar­min Ko­larc­zyk, der sich in den letz­ten Jah­ren so er­freu­lich ent­wi­ckelt hat, dem­nächst gar in Bay­reuth auf­tre­ten wird und erst kürz­lich zum Kam­mer­sän­ger er­nannt wur­de, nüt­zen ihm we­nig in der Hy­bri­drol­le des skur­ri­len Sprach­pro­fes­sors Higg­ins, für die er – was ja kei­nes­wegs ein Ma­kel ist – lei­der nicht aus­rei­chend ge­rüs­tet ist. Zwar kann er die wun­der­voll sar­kas­ti­schen Songs mit ker­nig kon­tu­rier­ter Stim­me und oh­ne auf­dring­li­che Ge­s­angs­un­ar­ten prä­sen­tie­ren, aber selbst die­se Par­ti­en blei­ben, ge­mes­sen an ih­ren scharf­zün­gi­gen Tex­ten, ent­täu­schend blass, und für die geist­rei­chen Dia­log­sze­nen von köst­lich bri­ti­schem Hu­mor fehlt es ihm an Po­in­ten­si­cher­heit, Ti­ming und sprach­li­chem Aplomb.

 

Scha­de um die un­be­streit­ba­re Be­ga­bung des viel­sei­ti­gen Künst­lers, der sich hier wie­der ein­mal auf ein Ter­rain lo­cken ließ, das sei­nes nicht ist.

Sehr viel bes­ser meis­tert die jun­ge Mez­zo­so­pra­nis­tin Ste­fa­nie Schae­fer die Her­aus­for­de­rung der dank­ba­ren ElizaPar­tie. Von der herz­er­fri­schend or­di­nä­ren Rinn­stein­pflan­ze bis zur kul­ti­vier­ten Da­me führt sie die Ent­wick­lung der Fi­gur glaub­wür­dig vor, wo­bei ihr so­gar die Ber­li­ner Kod­der­schnau­ze so über­zeu­gend ge­lingt wie sonst nie­man­dem im En­sem­ble. Auch sän­ge­risch hat ih­re Gestal­tung ge­nau die rich­ti­ge Mi­schung von ak­zen­tu­ier­tem Sprech­ge­sang und mu­si­ka­li­schem Duk­tus. Ih­re Wu­ta­rie „Tu’s doch!“wird da­bei zu ei­nem Hö­he­punkt des Abends, des­sen Qua­li­tät oh­ne­hin weit­ge­hend von ihr be­stimmt wird – ei­ne Ide­al­be­set­zung. Pro­ble­ma­tisch ist da­ge­gen die Be­set­zung des pro­le­ta­ri­schen Ur­viechs Doo­litt­le mit dem lang­jäh­rig be­währ­ten und ver­dienst­vol­len Te­nor (und Kam­mer­sän­ger) Hans-Jörg Wein­schenk, dem das Thea­ter mit die­ser Rol­le ge­wiss kei­nen Ge­fal­len ge­tan hat. Wein­schenk ver­legt sich ganz aufs prall Ko­mö­di­an­ti­sche, aber die De­fi­zi­te sei­ner sehr ge­reif­ten Stim­me las­sen sich da­durch nicht aus­glei­chen. Mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Schmalz ver­sieht der Te­nor Ja­mes Ed­gar Knight den ver­knall­ten Schwär­mer Fred­dy, und Kath­rin Be­cker ist ei­ne Mrs. Hig­gings von sou­ve­rä­ner No­bles­se.

Ei­ne al­te Thea­ter­weis­heit be­sagt, dass zwei­te Vor­stel­lun­gen ei­ner Auf­füh­rung von Span­nungs­ab­fall und Ner­vo­si­tät be­son­ders ge­fähr­det sind. Tat­säch­lich schien die­se B-Pre­miè­re ge­gen­über dem ers­ten Abend un­ter Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che und Pan­nen­häu­fig­keit zu lei­den, die lei­der auch das Orches­ter un­ter Ste­ven Moo­re er­grif­fen.   rkr.