Der Barbier von Bagdad

Komische Oper in zwei Akten
Libretto vom Komponisten nach einer Erzählung aus Tausendundeiner Nacht
Musik von Peter Cornelius

In deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere der konzertanten Aufführung im Opernhaus Wuppertal am 10. Juni 2017
(rezensierte Aufführung: 17.06.2017)

 

 
Wagner als Barbier


Von Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / Fotos: © Jens Grossmann

Peter Cornelius gilt als wichtiges Bindeglied zwischen der traditionellen deutschen Spieloper eines Albert Lortzing und den Musikdramen Richard Wagners, und obwohl sein Barbier von Bagdad bei der Uraufführung am 15. Dezember 1856 in Weimar ein Misserfolg wurde, der sogar zur Entlassung von Franz Liszt, dem damaligen Operndirektor und Hofkapellmeister, führte, entwickelte sich das Werk nach Cornelius' Tod unter anderem durch Umarbeitungen von Felix Mottl und Hermann Levi zu einer der bedeutendsten komischen Opern des 19. Jahrhunderts. Für namhafte Tenöre wie Rudolf Schock und Fritz Wunderlich gehörte die Tenorpartie des Nureddin zu den absoluten Paraderollen, und so zählte das Werk bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts eigentlich zum Standardrepertoire der deutschen Opernhäuser. Danach wurde es allmählich still um den Barbier, und das Stück verschwand von den Spielplänen. Heute verbindet man mit dem "Barbier" in der Regel nur noch Rossinis Namensvetter aus Sevilla. Die Wuppertaler Bühnen, die in der ersten Spielzeit unter der Intendanz von Berthold Schneider ein breites Spektrum aus bekannten und unbekannten Werken präsentiert haben, setzen zum Abschluss der Saison nun Cornelius' "Meisterwerk" auf den Spielplan. Allerdings gibt es nur zwei konzertante Aufführungen, angeblich weil wegen Belegung der Spielstätte durch das Tanztheater Pina Bausch nicht genügend Probezeiten für eine szenische Erarbeitung zur Verfügung gestanden hätten. Leider gelingt es nicht, mit dieser Aktion großes Publikumsinteresse zu wecken, denn schon bei der zweiten Aufführung bleiben im Saal zahlreiche Plätze leer.

Bild zum Vergrößern

Bostana (Stefanie Schaefer) will dem liebeskranken Nureddin (Sangmin Jeon) zu einem Treffen mit Margiana verhelfen.

Die Handlung basiert auf der "Geschichte des Schneiders", der 34. Erzählung aus Tausendundeiner Nacht. Nureddin, ein junger Mann, ist an schwerem Liebeskummer erkrankt. Er hat nämlich Margiana, die schöne Tochter des Kadis Baba Mustapha, beim Blumengießen am Fenster gesehen und verzehrt sich seitdem in Liebe zu ihr. Sein Zustand bessert sich sofort, als Margianas Vertraute Bostana erscheint und ihm ein Rendezvous mit der Angebeteten in Aussicht stellt. Allerdings rät sie ihm, sich vorher rasieren zu lassen, um bei der jungen Frau auch einen guten Eindruck zu hinterlassen. Der herbeigerufene Barbier Abdul Hassan Ali Ebn Bekar ist jedoch nicht nur ein einfacher Barbier, sondern auch als Wahrsager tätig und rät Nureddin dringend davon ab, das Haus zu verlassen. Da Nureddin dem Gerede des Barbiers keinen Glauben schenkt, folgt Abdul Hassan dem jungen Mann, um ihn vor seinem Unglück zu bewahren. Im Hause des Kadis herrscht derweil große Freude. Mustapha wartet auf seinen Jugendfreund Selim, der Margiana heiraten möchte und bereits eine große Schatzkiste für seine zukünftige Braut geschickt hat. Margiana fiebert dem Treffen mit Nureddin entgegen, der zu ihr kommen soll, wenn sich der Kadi in die Moschee begeben hat. Es kommt zu einem Liebestreffen, das aber von der frühzeitigen und unerwarteten Rückkehr Mustaphas jäh unterbrochen wird. Nureddin versteckt sich in der Schatzkiste. Da der Barbier jedoch glaubt, dass Mustapha den jungen Mann getötet und den Leichnam in der Schatzkiste versteckt habe, dringt er mit allerlei Volk in das Haus des Kadis ein, um die Schatzkiste mitzunehmen. Die Aufregung ruft schließlich auch den Kalifen auf den Plan, der eine Aufklärung verlangt. Als Margiana die Kiste öffnet, findet man dort einen scheinbar leblosen Nureddin, dessen Lebensgeister erst durch Margianas Stimme wieder geweckt werden. Der Kalif ordnet an, dass die beiden vermählt werden sollen, und nimmt den Barbier als Geschichtenerzähler in seine Dienste.

Bild zum Vergrößern

Der Barbier Abdul Hassan Ali Ebn Bekar (Randall Jakobsh) als Richard Wagner

Auch wenn das Sinfonieorchester Wuppertal für diese konzertante Aufführung auf der Bühne platziert ist und die Solisten die Partien vom Blatt absingen, werden einzelne szenische Elemente eingebaut, um die Komik des Stückes hervorzuheben. So tritt Nureddin zu Beginn leicht verlottert mit Dreitagebart auf, was Bostanas Rat, vor dem Rendezvous einen Barbier aufzusuchen, gut nachvollziehbar macht. Während Margiana und Bostana in orientalisch angehauchten Kostümen erscheinen, ist der Barbier eine Kopie von Richard Wagner höchstpersönlich. Begründet wird dieser Einfall damit, dass Cornelius' Barbier als Persiflage auf das "Universalgenie" Wagner betrachtet wird. Gerade in seiner vor Eigenlob strotzenden Arie im ersten Akt, "Bin Akademiker, Doktor und Chemiker", sollen zahlreiche Parallelen erkennbar sein, wenn er seine vielen Talente im Bereich der Philosophie und Literatur herausstellt und sich dabei als "tief theoretisches, musterhaft praktisches, audodidaktisches Gesamtgenie" beschreibt. Da ist es natürlich konsequent, den Kalifen als König Ludwig II. von Bayern auftreten zu lassen, der am Ende des Stückes den Barbier in seine Dienste nimmt. Für den Opernchor, der um den Extrachor und den Herrenchor der Wuppertaler Kurrende ergänzt wird, ist es ein bisschen zu eng auf der Bühne, so dass die Frauen auf den linken Seitenrängen und einige Herren beim Schlussbild auf den rechten Seitenrängen auftreten.

Bild zum Vergrößern

Margiana (Ralitsa Ralinova, rechts) erwartet mit Bostana (Stefanie Schaefer, links) ungeduldig auf Nureddins Ankunft.

Auch die Schatzkiste, in der sich Nureddin im zweiten Akt vor dem zu früh heimkehrenden Kadi verstecken muss, darf natürlich nicht fehlen. Sie ist auch so groß gestaltet, dass Nureddin problemlos hineinsteigen kann. Allerdings beschließt Sangmin Jeon, nicht bis zu seinem nächsten Auftritt in der Kiste zu verweilen, sondern schleicht sich durch eine Öffnung auf der Rückseite von der Bühne, was im Publikum für leichtes Schmunzeln sorgt. Durch diese Entscheidung geht nur die Illusion bei der Öffnung der Schatzkiste verloren, wenn alle entsetzt auf den leblosen Nureddin starren und dieser kurz vor seiner "Erweckung" erst wieder in die Kiste krabbelt. Gut gelöst ist hingegen der Einfall, die rufenden Muezzine an unterschiedlichen Stellen im Parkett und hinter der Bühne zu platzieren, so dass ihr Ruf zum Gebet wie aus weiter Ferne klingt. Auch der Barbier wacht hinter dem Orchester, wenn Nureddin und Margiana sich ihren romantischen Liebesbekundungen hingeben. Der vom Kadi misshandelte Sklave lässt seine Schreie vom rechten Seitenrang ertönen, so dass es für den im Hintergrund platzierten Barbier durchaus glaubhaft ist, dass die Schreie aus dem Haus kommen könnten, und er deshalb um Nureddins Wohlergehen fürchtet.

Bild zum Vergrößern

Der Kalif (Simon Stricker, links) stellt den Barbier (Randall Jakobsh, Mitte) als Geschichtenerzähler ein (im Hintergrund: Herrenchor der Wuppertaler Kurrende).

Musikalisch klingt Cornelius' Stil einerseits schlicht und volksliedhaft mit unterhaltsamen, jedoch nicht direkt eingängigen Melodien und nähert sich andererseits bereits Wagners hehrer Musiksprache an. Johannes Pell changiert mit dem Sinfonieorchester Wuppertal geschickt zwischen diesen beiden Polen. Mit Sangmin Jeon hat man einen vielversprechenden jungen Tenor im Ensemble, der nach seinem großartigen Erfolg als Herzog von Mantua in Verdis Rigoletto auch als Nureddin mit tenoralem Schmelz glänzt. Die Höhen singt Jeon sauber aus und überzeugt als liebeskranker junger Mann im ersten Akt auf ganzer Linie. Im Zusammenspiel mit Ralitsa Ralinova als Margiana präsentiert er sich im zweiten Akt wunderbar schüchtern, wobei die Stimmen der beiden in ihrem großen Duett im zweiten Akt sehr gut miteinander harmonieren. Ralinova begeistert mit mädchenhaftem Sopran, der in den Höhen eine enorme Leichtigkeit versprüht. Große Komik entfaltet Stefanie Schaefer, die vielen sicherlich noch als ehemaliges Ensemble-Mitglied in guter Erinnerung ist. Als Margianas Vertraute Bostana überzeugt Schaefer mit großartiger Mimik und pfiffigem Spiel und legt die Partie mit einem warmen Mezzo an. Etwas blass hingegen bleibt Mark Bowman-Hester als Kadi Baba Mustapha. Sein leichter Spieltenor ist stellenweise ein bisschen zu dünn und schneidend für die Partie. Randall Jakobsh glänzt in der Titelpartie mit großem Spielwitz und einem beweglichen Buffo-Bass. Hervorzuheben ist seine überzeugend angelegte Auftrittsarie im ersten Akt, auch wenn der Bezug zu Richard Wagner sich nicht wirklich erschließt. Simon Stricker rundet als Kalif das Solisten-Ensemble mit kräftigem Bariton ab, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Peter Cornelius Barbier von Bagdad hat musikalisch schöne Momente und verdient es, wieder einen festen Platz im Repertoire zu erhalten. Es ist schade, dass es in Wuppertal nicht gelungen ist, mit diesen zwei konzertanten Aufführungen mehr Publikum anzulocken.