Solisten ließen sich zu mutigem Vortrag ermuntern
Vocalensemble Wehrheim überzeugte in der Osterkirche mit einer Messe von Rossini

Von Volker Schmidt
 SACHSENHAUSEN. Die "Petite Messe Solennelle" (kleine feierliche Messe) von Gioacchino Rossini ist gar nicht  besonders "feierlich" - jedenfalls nicht im Sinne requiemhafter Schwere oder fastenzeitlicher Bußfertigkeit. Sie ist auch nicht ungewöhnglich "klein" - zumindest nicht kurz mit etwa eineinhalb Stunden Dauer. Allerdings ist sie klein besetzt: Chor, Vokalsoli, Klavier und Harmonium. Das Vocalensemble Wehrheim sang die Messe jetzt in der Osterkirche der evangelischen Maria-Magdalena-Gemeinde an der Mörfelder Landstraße.
 Chorleiterin Monika Gößwein-Wobbe war mit einem ihrer anderen Ensembles, dem Collegium Musicum Vocale  Darmstadt, schon häufig in der Osterkirche zu Gast. Das Vocalensemble Wehrheim hält die Mitte zwischen Laien- und  Profichor: Die knapp 30 Sängerinnen und Sänger sind musikalisch ausgebildete Amateure, ein Teil nimmt  Stimmunterricht. Entsprechend kammerchoral sang das Vocalensemble die Messe Solennelle: Transparent, klangvoll,  aber nie wuchtig, und mit einem Unterton spielerischer Leichtigkeit.

Dieser Ton bekam dem Werk und er setzte sich ähnlich im Vortrag der Solisten fort. Im Zusammenklang des "Gloria"  (alle vier Solostimmen und Chor" war es vor allem Bass Wolfgang Weiß, der einen opernhaften Tonfall anstimmte zu einem sehr rund, weich, rein gestimmten Chor. Auch im Trio "Gratias" agierte Weiß emotional, fast fröhlich gefärbt, als sänge er Volkstümliches oder stünde auf der Opernbühne. Aber wer sagt denn, dass Zeilen wie der "Dank für Deine große Herrlichkeit" mit nüchterner Frömmigkeit gesungen werden müssten? Das "Du allein bist heilig" des "Quonaiam" nahm Züge einer Bravourarie an.

Auch die anderen Solisten ließen sich von der an die Oper erinnernden Stimmung des Werkes zu ungewohnt mutigem Vortrag ermuntern. Ralf Petrausch etwa, der in kaum einer Oratorien-Aufführung Frankfurter Gemeinden fehlt, gab seinem Tenor einen selten so von diesem Solisten gehörten Schmelz und verwandelte das "Domine Deus" in einen Triumphgesang.

Damit setzten er und seine Kollegen kongenial um, was der Komponist des "Barbier von Sevilla" und des "Wilhelm Tell" in seiner Messe angelegt hat: Nicht unterwürfig-kriescherich lässt Rossini den Menschen um Erbarmen flehen, sondern gestaltet das liturgische "misere nobis" wunderbar melodisch und lyrisch. Selbstbewußt spielt er mit Formalismen, etwa in den Chorfugen "Cum Sancto Spirito" und "Et Vitam Venturie" oder dem kontrapunktischen "Christe Eleison".

Im Duett der Damen "Qui Tollis" milderte das Miteinander von Stefanie Schäfer (Alt) und Renate Bruggaier die Spitzen der Sopranistin, die später in deren Soli "Crucifixus" und dem von Rossini dem Messetext hinzugefügten "O Salutaris" allzu deutlich wurde. Stefanie Schäfers ausgereifter Alt formte das "Agnus Dei" zusammen mit dem Chor zu einem wunderbaren Abschluss der Messe. Zuvor hatte das Vocalensemble mit einem druckvollen "Amen" am Ende des "Cum Sancto Spirito" eine an diese Stelle passende Zäsur gesetzt und eine zehnminütige Pause eingelegt.

Nicht immer funktionierte der Zusammenklang von Klavier und Harmonium so gut wie beim "Qui Tollis". Zu Beginn der Messe vereinten sich Saiten und Metallzungen der ungewöhnlichen Instrumentierung zu einem seltsam polternden, wenig gegliederten Mischmasch. Am Klavier saß Susanne Pentek, das Harmonium bediente die Kirchenmusikerin der gastgebenden Gemeinde, Heike Liening.

Dem Klavier und dem Harmonium, dieser klanglichen wie intrumentenbaulichen Kreuzung aus Orgel und Akkordeon, steht in der Originalfassung der Messe stellenweise ein zweites Klavier zur Seite, das als Verstärker die Stimme des ersten Klavieres mitspielt. Dass es in der Osterkirche fehlte, passte sehr gut zum klein besetzten Chor und zum eher intimen Rahmen des Abends. Dass Rossini es einst vorgesehen hatte, mag ein Indiz dafür sein, dass Rossini sich seine Messe als opernhaft-kraftvolles Werk dachte. Dafür spricht auch die Tatsache, dass er in späten Jahren eine Fassung für großes Orchester erarbeitete: Feierlicher, aber auch nicht gerade klein.
 


Opernhaft-weltliche Messe ausdrucksstark bewältigt
Rossini-Werk mit dem Vocalensemble Wehrheim begeisterte aufmerksames Publikum
 
  NEU-ANSPACH (ek). Einen Ohrenschmaus bot das Vocalensemble Wehrheim in der katholischen Kirche St. Marien in Anspach. Leider fühlten sich nur rund 50 Zuhörer von der ausgefallenen "Petite Messe Solennelle" von Gioacchino Rossini angesprochen. Doch die Besucher des Konzerts wurden mit einer Meisterleistung belohnt.

Das selten aufgeführte Stück zeigte die volle Reife und Meisterschaft eines Alterswerkes am Ende einer großen Komponistenlaufbahn. Kammermusikalisch mit Klavier und Harmonium instrumentiert, ist die Messe weniger feierlich sakral, als opernhaft-weltlich und dadurch ein einzigartiges Werk der Musikgeschichte.

Der 12-teilige Messetext klarer strukturiert als die klassischen Teile der Messe enthält zusätzlich ein instrumentales Preludio und eine Sopran-Arie. Der strenge Palestrina-Kontrapunkt des "Christe eleison" steht zwei breit angelegten Chor-Doppelfugen gegenüber.

Stimmsicher, mit hervorragender Dynamik und sehr ausdrucksstark bewältigten die 30 Laien vom Vocalensemble Wehrheim diese musikalische Herausforderung. Die teilweise stimmlich ausgebildeten Sänger aus Frankfurt und Umgebung setzen unter der Leitung von Monika Gößwein-Wobbe seit 1996 den Schwerpunkt der Chorarbeit auf A-Capella-Kammerchormusik, die häufig hohes sängerisches Können erfordert. In diesem Jahr wurden Stücke für Chor mit Klavier bevorzugt.

Gößwein-Wobbe absolvierte unter anderem Meisterkurse bei Helmut Rilling, Laszlo Heltay (Academi of St. Martin in the Fields) und Eric Ericson und assisitierte Wolfang Schäfer in der Frankfurter Kantorei. Dort und bei Vocalis Frankfurt ist sie selbst als Chorsängerin aktiv.

Mit Susanne Pentek am Klavier, Heike Liening am Harmonium sowie Renate Bruggaier (Sopran), Stefanie Schäfer (Alt), Ralf Petrausch (Tenor) und Wolfgang Weiß (Bass) traten hervorragende Solisten mit dem Vocalensemble Wehrheim in einen abwechslungsreichen musikalischen Dialog.

Chor und Solisten konnten dem Publikum gleichermaßen die dem Werk eigene Verbindung zwischen Formstrenge und operhaft freudigem oder dramatischem Ausdruck vermitteln. Gerade in der strengen Kühle des Kirchenraumes kam dieser Gegensatz besonders zum Tragen. Die aufmerksamen Zuhörer waren begeistert und zollten den Musikern ihre Anerkennung mit anhaltendem Applaus.

Geübte Chorsängerinnen und Chorsänger, die an der Arbeit des Vocalensembles Wehrheim interessiert sind, können sich melden bei Eberhard Wende (Tel.: 06172-44940).
 



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