Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mittwoch, 15.10.2003
Unterweltton
Schlangenbiß auf Video: Luigi Rossis "Orpheus"-Ausgrabung

Von : ELLEN KOHLHAAS

Mit dem tödlichen Rückblick des thrakischen Sängers Orpheus, des mythischen Urbilds von Macht und Ohnmacht der Musik, beginnt die Geschichte der Oper. Die "Euridice"Opern von Giulio Caccini und Jacopo Peri (beide 1600) und Claudio Monteverdis "Orfeo" (1607) sind die ersten veröffentlichten Musiktheaterwerke überhaupt. Die Geschichte pflanzt sich seitdem hundertfältig fort bis zu den Balletten Strawinskys (1947) und Henzes (1979). Mit einem "Orpheus"Zyklus von Anfang Oktober bis zum 22. November setzt das Barmer Opernhaus in Wuppertal einen besonderen Akzent, ehe es wegen Renovierung schließt und die Opern produktion zeitweise ins Elberfelder Schauspielhaus übersiedelt. Neben Wiederaufnahmen von Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" und Achim Freyers grandioser Inszenierung von Haydns "L'Anima deI Filosofo ossia Orfeo e Euridice" als Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen (F.A.Z. vom 3. Mai 2001) sind Neuproduktionen im Programm: Luigi Rossis Oper "Orfeo" von 1647 und das ebenso rare Melodram "Orpheus und Eurydike" des originellen Petersburger Glinka Vorläufers Jewstignei Ipatowitsch Fomin. Ergänzend gibt es Vorträge und Konzerte.

Anders als die noch renaissancehaft an tikisierenden Opern Caccinis, Peris und Monteverdis ist Rossis "Orfeo" typisch barock: Um die Tragödie des jungen Paares ranken sich überquellend Nebenhandlungen und -figuren, zanken Götter um Einfluß, lästern Eurydikes Amme und der freche Satyr Momo über Liebe und Ehe. Die Wuppertaler Fassung schält die zentrale Dreiecksgeschichte um das Paar und Eurydikes ungeliebten Anbeter Aristeo, Sohn des Bacchus, aus dem Gewirr der Intrigen. Von den siebenundzwanzig Rollen bleiben für zehn Sänger elf übrig, von den dreieinhalb Stunden reiner Spielzeit zwei. Der martialische Prolog fällt ebenso weg wie der endlose Götterzank am Schluß der Oper. Sie endet jetzt mit der bewegen den Totenklage "Lasciate Averno" (Verlaßt den Avernus, o Klagen) des verzweifelt einsamen Sängers einer suggestiv verinnerlichten Glanznummer der jungen Sopranistin Tina Hörhold. Daß der heutige Opernbesucher so massive Eingriffe nicht als Substanzverlust empfindet, hat weniger mit der Qualität von Rossis Musik zu tun als mit der Rücksicht des Komponisten auf das hemmungslose Amüsierbedürfnis des Pariser Publikums zu seiner Zeit.

Freilich protestierten nach der erfolgreichen Uraufführung am 2. März 1647 Im Pariser Palais Royal Klerus und Politiker gegen derlei verschwenderische Lustbarkeiten. Der Wuppertaler Version ist eher eine Sparsamkeit nachzurühmen, die reichlich Phantasie freisetzt. Im schwarzen Bühnenkasten läßt der Regisseur und Raumgestalter Michael Simon die ohnehin streng stilisierten und konzentrierten Bewegungen immer wieder fast rituell erstarren wie in einem antiken Mysterienspiel. Farbe bringen die modernen Kostüme von Sabine Blickensdorfer hinein, vor allem aber Christian Zieglers Video-Projektionen als zeitgenössischer Bühnenbildersatz und Kommentar zum inneren Geschehen. Im MorphingVerfahren, der raffinierten Überblend- und Verwandlungstechnik, ist die Hochzeitsgesellschaft zu sehen, wie in Zeitlupe Eurydikes Zusammenbruch, die Unterwelt als Klinikflur mit den Doktoren Pluto und Charon als weißen Halbgöttern über Leben und Tod. Erstaunlich ist die Unaufdringlichkeit dieser Bebilderung: Verdichtete Gestik, optische Metamorphosen und fast fragile, viel gestaltige Musik ergänzen und bedingen einander.

Weniger glücklich sind Tonbänder eingeblendet, Zwar läßt sich so etwa der leibhaftige Chor einsparen, doch der elektronische Ersatz klingt allzu künstlich im Vergleich zum Orchester im halb hochgefahrenen Graben. Sinnvoll ist freilich die Rundumbeschallung mit Eurydikes nun wütender Stimme (sehr wandlungsfähig Sungmi Kim) bei Aristeos Wahnsinnsausbruch kurz vor seinem Selbstmord: Der verschmähte Liebhaber (inständig Stefanie Schaefer) kämpft mit dem eigenen Schatten, den er für Eurydikes Unterweltgestalt hält, und fühlt sich von den Vorwürfen der Verblichenen umzingelt.

In Wuppertal bestätigte sich die Erfahrung, daß sich auch Allzweck Sänger in den letzten zehn Jahren immer überzeugender den Barock Gesang einverleibt haben. Dies gilt auch für Martina Ramins leuchtende, klar artikulierende Venus, die einzige handlungstragende und deshalb übriggebliebene Gottheit, und für ihr ironisch transvestitisches Alter ego Edgardo Zayas als alte Kupplerin zwischen Eurydike und Aristeo. Den Sängern haben die Barock Instrumentalisten die weit längere Erfahrung voraus. So verstand sich auch das Neue Orchester Köln mit Christoph Spering am Pult auf originalen oder nach gebauten Barock Instrumenten ganz selbstverständlich auf das figurativ und klanglich perspektivenreiche, improvisatorische Auszieren des lediglich bezifferten Continuos.

Dadurch entband das eher lyrische als dramatische Filigran von Rossis Musik ungeahnte innere Fülle und Geschmeidigkeit als Basis für die Vokalparts, die zwischen Rezitativ, Ariosi und Arien oszillieren. In dieser Feinarbeit wirkten Akzente, Dissonanzen, Wechsel von Taktart und Tempo um so signalhafter. Wieder einmal ist eine Barockoper entdeckt, die eine dauerhafte Wiederbelebung verdiente anders als das ewige Schattenwesen, Eurydike, dem nicht einmal der geliebte Sänger Orpheus endgültig ans Licht helfen kann.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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