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Montag, 06.10.2003
Eurydike muss ins Krankenhaus
 

OPER / Wuppertal hat vor der langen Renovierungspause noch einmal Grund zum Jubel: Michael Simon inszeniert Luigi Rossis "Orfeo" großartig.

WUPPERTAL. Einsam und verlassen steht Orpheus am Ende in einem Kubus und wartet auf den eigenen Tod. Seine Frau Eurydike hat er nun endgültig verloren. Sie war zuvor vor dem Wuppertaler Opernhaus von einem Auto tödlich verletzt und im Rettungswagen in eine Klinik transportiert worden. Obwohl der Tod diagnostiziert wird, geben die Götter in Weiß den Liebenden eine letzte Chance. Doch wie der Mythos besagt: Der verbotene Blick zurück besiegelt ihr Schicksal. - Zeitlos, doch im Heute wiederzufinden, so deutet Michael Simon den "Orfeo" von Luigi Rossi. Eine sensible, hochmusikalische Inszenierung wurde bei der Premiere in Wuppertal gefeiert. Sie bildet den Auftakt eines von der Kunststiftung NRW geförderten Orpheus-Festivals.

Martina Ramin, Stefanie SchaeferBis Ende November stehen selten gespielte Werke zu diesem Mythos von Haydn, Offenbach und vom Russen Jwestigenei Fomin auf dem Programm. Erst nach diesem erweiterten Blick in die Unterwelt wird das Haus wegen Renovierung geschlossen, für vier Jahre.

Simon, der seit "Black Rider" (Dortmund), "Shockheaded Peter" und "Stadt aus Glas" (Düsseldorf) zur Regie-Bundesliga zählt, findet auch für diese bislang unbekannte Oper eine tragikomische Lösung. Schwebend, dann in eingefrorenen Posen bewegen sich die Figuren, die zwar in Röcken, Chanel-Kostümen, Hosenanzügen und Zweireihern stecken, häufig aber an antike Statuen erinnern.

Schwebebahn inklusive

In den Raum geschoben werden sie von Geisterhand, hinter Texttafeln (in großen Lettern: Schein, Sein, Ich ...). Nur selten bricht die Zeitlosigkeit auf: Auf einer Riesenleinwand erscheinen Eurydike und Orpheus in Wuppertaler Umgebung, Schwebebahn inklusive. Nach dem Schlangenbiss wird Eurydike in ein örtliches Hospital gebracht. Doch zuvor feiert man Hochzeit mit Gästen im Opernfoyer, und Nebenbuhler Aristeo erscheint im Olymp des 50er Jahre-Treppenhauses. Ganz nebenbei also eine Hymne an die farbige Ästhetik des Musentempels.

Das Erstaunliche: Simons High-Tech-Ausstattung drängt sich nicht, sondern illustriert, gibt Ideen, wo wir die ewigen Liebes-Sucher heute finden könnten. Magisch hintergründig vereinen sich digitale Bilder mit den Gestalten auf der spartanisch ausgestatteten Bühne und der emotional aufgeladenen Musik der Spät-Renaissance. Luigi Rossi (1598-1653) stand in Rom und Florenz in Diensten der Medici-Fürsten, bevor er nach Paris berufen wurde. Dort wurde sein "Orfeo" im Palais Royal umjubelt. In Wuppertal sorgt Christoph Spering, Experte für Alte Musik, mit einem zusammengesuchten Spezial-Orchester für einen filigranen, aber auch warmen Klang. Nicht die heute modische "barocke Schlankheit" beschwört Spering, in den Solo-Nummern blühen Liebe, Leidenschaft, das Verlieren und das Leiden am Verlust in prächtigen Farben. Eine neuromantische Sichtweise, die sich mit Simons Regie deckt.

Edel intoniert ist nicht nur das "Neue Orchester" mit alten langhalsigen Gamben und nachgebauten Instrumenten, sondern ebenfalls ein handverlesenes Ensemble, das ebenfalls die Dialoge vital und lebendig über die Rampe bringt. Neben Eurydike (Sungmi Kim) und Orfeo (Tina Hörhold) sticht in Luigi Rossis erdiger Orpheus-Version besonders Aristeo (Stefanie Schäfer mit auftrumpfendem Mezzosopran) hervor. Dieser ist Sohn von Gott Bacchus, verliebt sich unsterblich in Eurydike, wird aber verschmäht, obwohl sich Venus alle Mühe gibt, die brave Ehefrau zur Untreue zu verführen. Selbst in der Unterwelt bleibt Eurydike standhaft und lässt sich auch nicht durch Aristeos Freitod (Sprung vom obersten Absatz des Treppengeländers) erweichen. (NRZ)

05.10.2003    MICHAEL-GEORG MÜLLER



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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