Die Welt

Dienstag, 21.10.2003

Ohne modische Götterszenen


Oper

von Stefan Keim

Wuppertal -  Eurydike verreckt auf der Straße, der Hades ist ein Krankenhaus und Pluto der Chefarzt. Was wie eine der zur Masche gewordenen ironischen Inszenierungen einer Barockoper klingt, hat tragisches Format. Mit Videobildern aus Wuppertal gibt der Filmemacher Christian Ziegler dem "Orfeo"-Stoff eine alltägliche, direkte Dimension. Die Geschichte des Mannes, der nach ihrem Tod seine geliebte Frau nicht aufgeben will, hat nichts Abgehobenes, obwohl mit ihr das Genre Oper durch Claudio Monteverdi vor 400 Jahren begründet wurde.

Luigi Rossi - ein Star des 17. Jahrhunderts, heute vergessen - schrieb seinen "Orfeo" 1647. Die damals modischen Götterszenen haben die Wuppertaler gestrichen, sie konzentrieren sich auf die menschliche Tragödie. Zum Liebespaar (lyrisch und prägnant: Sungmi Kim und Tina Hörhold) gesellt sich noch ein Nebenbuhler (authentisch intensiv: Stefanie Schaefer), der von schaurigen Erscheinungen in den Wahnsinn getrieben wird. Hier durchbricht Regisseur Michael Simon die vorherrschende klare Kargheit und lässt Eurydikes Geisterstimme als Toneinspielung um das Publikum herum erklingen. Die subtil komponierte Arie macht großen Effekt. Die Bühne bleibt leer, bis auf Buchstabenskulpturen, die mit den Worten "Ich" oder "Mein" Assoziationsfelder schaffen, sich mit der Musik verzahnen. Oft verschwimmen die Einstellungen, als wäre der Film aus Wasser.

Der Morphing-Effekt verhindert, dass die Bilder zu real wirken. Gleichzeitig spiegelt er den Andeutungsreichtum von Rossis betörend melodischer Musik, die genau den Emotionen der Charaktere nachspürt. Christoph Spering bringt das mit dem Spezialistenensemble "Das Neue Orchester" auf alten Instrumenten großartig zum Klingen. Bevor das Opernhaus für vier Jahre wegen Sanierung geschlossen und das Musiktheater im Schauspiel zu Gast sein wird, bestärken die Wuppertaler noch einmal eindrucksvoll ihren Anspruch, über das Bergische Land hinaus zu wirken. Termine: 13., 15., 16. November; Karten: (0202) 569 44 44

Artikel erschienen am 21. Okt 2003



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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