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  Carmen

Oper in vier Akten
Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach der gleichnamigen Erzählung von Prosper Merimée
Musik von Georges Bizet

in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln,
Dialoge in deutscher Sprache (Übersetzung: Karin Bohnert)


Premiere an den Wuppertaler Bühnen
im Schauspielhaus Wuppertal am 31. März 2007

Carmen ohne Folklore


Von Stefan Schmöe / Fotos von Jörg Lange

Die Geschichte wird von ihrem Ende her erzählt: Carmen ist tot, die Zigeuner rekonstruieren ihre Geschichte in einer Art improvisierter Gerichtsverhandlung. Ein psychologischer Opern-Krimi aus der Gegenwart, deren Handelnde ein Clan von Roma irgendwo im heutigen Europa sein könnte. Regisseur Francois de Carpentries schafft damit einen Rahmen, in dem er die Oper vom erdrückenden Folklorismus zwischen Zigeunerromatik und spanischer Stierkampfexotik, der sich oft lähmend über die Handlung legt, befreien kann. Ein nüchternes, auf weiße Stellwände und einige Stühle reduziertes Bühnenbild (Siegfried E. Mayer), trägt zur Konzentration auf die innere Handlung bei.

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Improvisierte Gerichtsverhandlung: Ein Roma-Clan untersucht den Mord an Carmen. Haupttatverdächtiger ist Don José (Markus Petsch).

In den ersten beiden Akten geht das Konzept auf. Die detaillierte Personenregie macht aus der großen Oper ein spannendes Kammerspiel, bei dem die Emotionen unter der Oberfläche brodeln. Carmen ist hier nicht die gewohnte blendende Schönheit – diesen Effekt hebt sich Kostümbildnerin Karine van Hercke für das Schlussbild auf – sondern eine Fabrikarbeiterin mit ungekämmtem Haar, die ihren Erfolg bei den Männern nicht durch perfekten Teint, sondern durch ihr souveränes Auftreten und ihre Ausstrahlung erzielt. Die Regie bemüht sich um psychologische Glaubwürdigkeit, und dazu gehört auch, dass Carmen eben nicht permanent tanzt. Aber nur scheinbar bürstet der Regisseur die Rolle gegen den Strich, denn dahinter wird eine facettenreiche Figur erkennbar. Manchmal sieht man hinter einer der Wände einen Schatten tanzen – eine Vision, die angedeutet, aber nicht eingelöst wird.

Liebe ohne Perspektive - Carmen (Stefanie Schaefer) und Don José (Markus Petsch)

Eine wesentliche Rolle übernimmt dabei das ausgezeichnete Wuppertaler Orchester. Die Reduktion des Bühnenbilds verschiebt das Drama ein Stück weit in Richtung der Musik. Besonders deutlich wird dies etwa beim ersten Erscheinen der Fabrikarbeiterinnen. Für das erwartungsvolle Staunen der Soldaten findet Wuppertals junger Erster Kapellmeister Evan Christ impressionistische Töne, die Debussy vorweg zu nehmen scheinen. Christ riskiert immer wieder extrem leise Pianissimo-Töne, wodurch der Klang transparent und sehr vielschichtig aufgefächert wird. So erzählt das Orchester von dem, was auf der Bühne nicht darstellbar ist, und Musik und Szene ergänzen sich hervorragend. So wird Carmen mit einer schwer zu beschreibenden musikalischen Aura umgeben. Nicht ganz so gut gelingt das mit Carmens Gegenpol, der braven Micaela – da könnte man sich mitunter trotz des gegensätzlichen Charakters fließendere, schwärmerischere Tempi vorstellen.

Leider verwässert das Regiekonzept nach und nach. Schon die Schmuggler sind überwiegend komödiantisch gezeichnet, was als Kontrast sinnvoll sein könnte, aber hier überzogen wird. Vor allem aber lässt der Regisseur unentwegt Chor und Solisten durch den Zuschauerraum auf- und abtreten, gerne mit Taschenlampen, viel Türenknallen und ähnlichem Brimborium. Da legt sich ein Hauch von Karl-May-Festspielen über die Bühne, und aus dem Kammerspiel wird unfreiwillig doch noch das Massen- und Ausstattungsspektakel mit Auto auf der Bühne und actionreicher Messerstecherei. Auch die Grundidee, die Geschichte im Rückblick zu erzählen, funktioniert zunehmend weniger gut. Das Schlussbild, in dem der Roma-Clan wie Zuschauer in einer Arena um Carmen und José herum sitzen (eine sinnfällige Spiegelung der Stierkampf-Metaphorik), kann die ausfransende Erzählweise nicht mehr bündeln. Ein schlüssiger Zielpunkt aber fehlt, und dadurch wirkt das Ende ziemlich abrupt und recht hilflos.

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Wie bei den Karl-May-Festspielen: Schmuggleridyll

Stefanie Schaefer singt die Carmen technisch tadellos und mit großer Leichtigkeit. Ihr Mezzosopran ist warm und tragfähig und spricht in der Höhe wie in der Tiefe gleichermaßen gut an. Sie gestaltet die Partie mit außerordentlicher musikalischer Intelligenz, kann mit kleinen Nuancen die Stimmung verändern – da sitzt jede Note. Was ihrer Klangfarbe für diese Rolle ein wenig fehlt, ist eine Beimischung des Verruchten, in gewisser Hinsicht Vulgären, das gerade in dieser Inszenierung zu der Figur gehört. Schauspielerisch besitzt sie hohe Präsenz; allein in den (im Gegensatz zu den originalen französischen Gesangstexten in deutscher Übersetzung gesprochenen) Dialogen wirkt sie ein wenig brav.

Markus Petsch ist ein eindrucksvoller Don José mit strahlendem und standfesten, dennoch beweglichem Tenor, der ebenso heldentenoral glänzen wie lyrisch schmachten kann. Mitunter allerdings hört man dem Sänger in den leisen Passagen an, wie schwer diese Partie ist. So recht weiß auch hier die Regie nichts mit ihm anzufangen – ein pflichtbewusster Soldat eben, akkurat gekleidet und gekämmt. Letzteres kann man von Escamillo nicht sagen (gleicher Friseur wie Guildo Horn?), der wie Carmen erst im Schlussbild optisch glänzen darf. Kay Stiefermann, imposant an Statur und Stimme, trumpft mit großem Ton und jugendlichem Elan auf. Ein wenig neutral ist die Micaela von Evgenia Grekova, mit relativ starkem Vibrato gesungen und dadurch weniger mädchenhaft als in anderen Aufführungen, ohne aber – obwohl, von kleinen Intonationsproblemen in der hohen Lage abgesehen, sehr ordentlich gesungen – der Figur musikalisch besonderes Profil zu verleihen.

Finale in der Arena: Carmen (Stefanie Schaefer)

Sehr beachtlich sind die kleineren Rollen besetzt. Christoph Stegemann singt einen kernigen und volltönenden Hauptmann Zuniga, Dorothea Brandt und Joslyn Rechter sind als Frasquita und Mercedes mit leuchtend klaren Stimmen mädchenhaft charmant. Cornel Frey (Remendado) und Stephan Boving (Dancairo) sind ein Schmugglerduo aus dem Geist der opera buffa, spritzig und beweglich (worüber man, siehe oben, streiten kann; gesungen sind die Partien dabei tadellos). Reinhold Schreyer-Morlock als solider Moralés rundet ein rundum gutes Ensemble ab. Sehr differenziert und klangprächtig, aber auch im Forte kultiviert, singen Chor und Extrachor sowie die Kinderchöre (die Knaben der Wuppertaler Kurrende sowie die Elberfelder Mädchen Kurrende).


FAZIT

Irgendwann geht der Regie die Luft aus – aber vorher gibt es eine Reihe starker Momente. Musikalisch sehr überzeugend.




Fotos zu dieser Aufführung:

Foto: Jörg Lange
Carmen

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