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Mittwoch, 4. April 2007
  "Carmen" ganz ohne Zigeunerromantik

Sozialdrama und Karl-May-Festspiel


Von Stefan Schmöe

Irgendwo am sozialen Rand des modemen Europa ist eine Frau getötet worden. Der Roma-Clan, aus dessen Mitte sie stammt, spielt ihre Geschichte wie in einer improvisierten Gerichtsverhandlung nach. Die tote Carmen ist hier nicht die blendende Schönheit - diesen Effekt hebt sich Kostümbildnerin Karine van Hercke für das Schlussbild auf -, sondern eine Fabrikarbeiterin mit strähnigem Haar, die ihren Erfolg bei den Männern nicht durch perfekten Teint, sondern durch ihr souveränes Auftreten erzielt.

Regisseur Francois De Carpentries verzichtet ih seiner Neuinszenierung von "Carmen" auf den üblichen Folklorismus zwischen Zigeunerromantik und spanischem Stierkampfkolorit. Ein nüchternes, oft auf weiße Stellwände und einige Stühle reduziertes Bühnenbild (Siegfried E. Mayer) trägt zur Konzentration auf die innere Handlung bei. In den ersten beiden Akten geht das Konzept ausgezeichnet auf. Die nuancierte Personenregie macht aus der großen Oper ein spannendes psychologisches Kammerspiel bei dem die Emotionen unter der Oberfläche brodeln. Carmens legendäre Schönheit bleibt ein Traumbild, und manchmal sieht man hinter einer der Wände einen Schatten tanzen - eine Vision, die angedeutet, aber nicht eingelöst wird.

Szene und Musik sind bestens aufeinander abgestimmt. So erzählt das ausgezeichnete Orchester von dem, was auf der Bühne nicht darstellbar ist. Für das erwartungsvolle Staunen der Soldaten bei Carmens erstem Auftritt etwa findet Dirigent Evan Christ am Pult des Sinfonieorchesters geradezu impressionistische Töne. Carmens große Auftritte, voran die Habanera und Seguidilla des ersten Aktes, bersten fast vor innerer musikalischer Spannung. Christ versteht es auch, die Sänger sicher zu führen - eine famose Leistung des jungen Kapellmeisters.

Leider verwässert das Regiekonzept nach der Pause mehr und mehr. Die Schmuggler sind allzu komödiantisch gezeichnet. Vor allem aber entdeckt der Regisseur eine Vorliebe dafür, Chor und Solisten unentwegt durch den Zuschauerraum auf- und abtreten zu lassen, und das mit allerlei Brimborium wie Taschenlampen und viel Türenknallen. Das hat einen Hauch von Karl-May-Festspielen, und aus dem Kammerspiel mutiert unfreiwillig doch noch das Massen- und Ausstattungsspektakel mit Auto auf der Bühne und actionreicher Messerstecherei. Das Schlussbild, in dem der Roma-Clan wie Zuschauer in einer Arena um Carmen und Jose herum sitzt (eine sinnfällige Spiegelung der Stierkampf-Metaphorik), kann die ausfransende Erzählweise nicht mehr bündeln. Ein schlüssiger Zielpunkt aber fehlt, und dadurch wirkt das Ende ziemlich hilflos.

Stefanie Schaefer, die nach dieser Spielzeit die Wuppertaler Bühnen verlassen wird, singt die Carmen makellos und mit großer Leichtigkeit. Ihr Mezzosopran ist warm und tragfähig. Sie gestaltet die Partie mit außerordentlicher musikalischer Intelligenz, kann mit kleinen Nuancen die Stimmung verändern - da sitzt jede Note. Was ihrer Klangfarbe für diese Rolle ein wenig fehlt, ist eine Beimischung des Verruchten, in gewisser Hinsicht Vulgären, das gerade in dieser Inszenierung zu der Figur gehört.

Markus Petsch ist ein ein- eindrucksvoller Don Jose mit strahlendem und standfestem Tenor, der ebenso heldentenoral glänzen wie lyrisch schmachten kann. Mitunter allerdings hört man dem Sänger in den leisen Passagen an, wie schwer diese Partie ist; da müsste die Stimme leichter ansprechen.

Kay Stiefermann, imposant an Statur und Stimme, gibt den Stierkämpfer Escamillo strotzend vor Charme und Vitalität und trumpft mit großem Ton auf.

Ein wenig neutral ist die Micaela von Evgenia Grekova. Von kleinen Intonationsproblemen in der hohen Lage abgesehen, singt sie tadellos. Als Kontrast zur Carmen wäre für diese Partie aber eine klarere, mädchenhaftere Stimme angebracht.

Durchweg ausgezeichnet sind die kleineren Rollen besetzt; hervorzuheben ist Christoph Stegemann als kerniger Leutnant Zuniga. Klangprächtig und differenziert, dabei auch im Forte kultiviert, singen Chor und Extrachor sowie die Kinderchöre (die Knaben der Wuppertaler Kurrende sowie dje Elberfelder Mädchen Kurrende).


4.4.07



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Jörg Lange
Carmen

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