Westdeutsche Zeitung
Montag, 02. April 2007
Bizets Oper "Carmen" in Wuppertal:
Der Tod ist immer dabei
von Veronika Panthel
Jenseits von Klischees: Bizets Oper feiert an den Wuppertaler Bühnen Premiere. Francois De Carpentries
rollt die Geschichte von ihrem Ende her auf. Eine rundum gelungene Aufführung, ein Muss für
Opernliebhaber und solche, die es werden wollen.
Wuppertal. Kann man Georges Bizets Oper "Carmen" heute noch ohne die Reduktion auf das Klischee von der
verführenden Zigeunerin inszenieren? Die Premiere der Wuppertaler Bühnen zeigte: Man kann. Francois
De Carpentries rollt die Geschichte von ihrem Ende her auf: Carmens Tod ist von Anfang an mitbedacht.
Schon die Habanera im ersten Akt singt Stefanie Schaefer in ihrer Abschieds-Titelrolle weniger feurig
und glutvoll als gleichförmig und introvertiert. Diese Carmen lebt die Umgarnungskünste der "femme
fatale" zwar spielerisch aus, lässt sich aber nicht allein von ihrer erotischen Triebhaftigkeit her
definieren. Daher ist sie auch in trauerndes Schwarz gekleidet, und die plumpen roten Pumps (Kostüme:
Karine van Hercke) strafen den aufreizenden Habitus Lügen.
Dass Schaefers Mezzosopran seine Stärken in der zurückhaltenden tiefen Mittellage entfaltet und
volumenreiche Sinnlichkeit weitgehend meidet, passt zu ihrer Definition der Rolle. Mehr gestalterische
Feinheiten wünschte man sich von ihrem Liebhaber Don José, den Markus Petsch mit energisch gefärbtem
Tenor gibt. Hart und bestimmt will er wirken, angestachelt von Carmens Spott wird er sie später töten.
Markus Petsch lotet die Zerrissenheit des Sergeanten zwischen Pflichterfüllung und verzehrender Liebe
zur schönen Carmen nicht durchgängig überzeugend aus. Besonders der zauberhaften "Blumenarie", in der
sie sich seiner Liebe versichern will, fehlt der lyrische Schmelz.
Überzeugend versucht ihn Evgenia Grekova als Micaela (mit fein timbriertem, leichten Sopran), an seine
Pflichten als Sohn zu erinnern. Der Stierkämpfer Escamillo, von Kay Stiefermann mit raumfüllendem
Bariton gesungen und imposant ausgestattet, ist Carmens neue Liebe. Die "femme révoltée" ist Carmen,
die Frau, die mit tradiertem Rollenverhalten bricht: Sie bestimmt, wen sie wann und mit welcher
Intensität liebt.
Neben den bewegten Chorszenen bleibt genug Ruhe für die Arien
Die Inszenierung gibt der Entfaltung der Figuren Raum, die Bühnenausstattung (Siegfried E. Mayer)
unterstreicht dies, ohne dominieren zu wollen. In kargen, variablen Stellwänden entspinnt sich die
Handlung. Der alte Pick Up, auf dem das Schmuggelgut lagert, ist einziges Zugeständnis an Realismus
auf der Bühne. Und doch geizt die Inszenierung nicht mit aufgewühlter Bewegtheit in den Chorszenen.
Den bestens disponierten Opernchor bereichern die sauber singenden und flink agierenden kleinen
Sängerinnen und Sänger der Wuppertaler Kurrende.
Daneben aber bleibt genügend Ruhe für das Aussingen der Arien und Duette, und das Karten-Terzett, in
dem sich Carmens Todesahnung manifestiert, wird zum spannungsreichen musikalischen Höhepunkt. Evan
Christ, Dirigent des Wuppertaler Sinfonieorchesters, lotet es zwischen geträllertem Liedchen von
Frasquita und Mercedes (überzeugend: Dorothea Brandt und Joslyn Rechter) und raffiniertem Tiefgang
des Carmen-Parts packend aus.
Überhaupt scheint Christ das Opernfach zu liegen. Er schafft Ruhe für die leisen Solostellen der
Instrumente, er pointiert die hispanisierenden Melodien genussvoll und schafft es sogar, dem
Gassenhauer "Auf in den Kampf, Torero" neue Facetten abzugewinnen. Fazit: Eine rundum gelungene
Aufführung, ein Muss für Opernliebhaber und solche, die es werden wollen.