John Adams' "The Death of Klinghoffer" in der Wuppertaler Oper
VON BERNHARD USKE
Aus den Polaritäten herauszukommen, die Trennung in Festes und Flüssiges aufzuheben, das ist ein altes
Märchen bis herauf zu den Männerphantasien alter 68er-Zeiten: Zurück in den Ozean, in die
Ungeschiedenheit, wo die elende Dualität noch nicht existierte. Für den Diskurs zwischen Matriarchat
und Entfremdung macht sich solche immerwährende Spätestromantik gut, aber für die Kaperung der Achille
Lauro durch vier Palästinenser 1985? Damals wurde der an den Rollstuhl gefesselte US-amerikanische
Jude Leon Klinghoffer erschossen und ins Mittelmeer geworfen.
"Der Ozean, in den Leon Klinghoffer zurückkehrt, ist derselbe Ozean, der die Quelle der ersten Regungen
biologischen Lebens ist. Dieser Ozean erweckt einen Sinn von Perspektive und Tiefe in diesem sonst so
schrillen, zeitgenössischen Ereignis." Solches Tiefseephilosophieren über ein politisch motiviertes
Kidnapping - das macht den eigentümlichen Hautgoût der fast dreistündigen Oper The Death of Klinghoffer
aus, die von der Wuppertaler Oper neu inszeniert wurde. 1990 hat John Adams, Minimal-Music-Exponent der
Zweiten Generation, mit der Librettistin Alice Goodman das Werk über den Vorfall vollendet.
Diesseits der Neuen Musik
Ein Oratorium ist das über weite Strecken, denn sieben große Chorsätze ohne Handlung verpassen dem
Ganzen ein Format zwischen antiker Tragödie und christlicher Passion. Weihevoll ist der Ton dieser
Exklamationen in altvertrautem Dur-und-Moll, in dem die Musik eines "durch den Minimalismus
gelangweilten Minimalisten" (Adams über sich selbst) angekommen ist. Das Ergebnis ist Langeweile auf
erweiterter Stufenleiter, denn die behäbig in allen klangdramaturgischen Standards der Oper diesseits
der Neuen Musik sich ergehende Partitur lässt Adams Oper alt aussehen. Dazu kommt das geschwollene
Libretto, in dem eine Natur- und Betroffenheitssentenz nach der anderen aus abgestandenem
Metaphernschlick hervorblubbert. An der Wupper hat man diesem Text-Klanggemisch diverse
Videoeinspielungen zugeordnet. In Verbindung mit dem Medienprojekt Wuppertal wurden von Jugendlichen
jüdischer, palästinensischer und amerikanischer Herkunft Filme zu den jeweiligen Chören (Chor der
Nacht, Hagar und der Engel u. a.) produziert. Dürres Land, Wasseroberflächen, in Blut Ertrinkendes,
sprießendes Grün und ähnliche Bildzeichen allgemeinbedeutender Qualität wurden verarbeitet. Nur der
Film zum Chor der exilierten Palästinenser machte da eine Ausnahme, indem er eine Art Imagefilm mit
allen Bildwerten hollywoodgemäßer Empathieerweckung bot. Fesselnd der Film zum Chor der exilierten
Juden, wo man brennende Kerzen sah, die auf einem ausgestreckten nackten Unterarm aufgestellt waren
und die sich alle, bis auf die eine in der offenen Handinnenfläche, in die Haut einbrannten.
Die Inszenierung (Regie: Johannes Weigand, Bühenbild: Moritz Nitsche) fand hinter einem Portalschleier
statt, der zusammen mit Reihen von Neonröhren an den Kulissenteilen, die einen Schiffbug ergaben, eine
fahl-kühle Lichtbildung ermöglichte (Licht: Fredy Deisenroth). Bis auf das bekannte Palästinenserkopftuch
verzichtete Kostümbildnerin Judith Fischer auf jede erkennungsdienstlich relevante Äußerlichkeit. Von
der steifen Personenführung abgesehen war die Sprödigkeit des Bühenambientes eine Wohltat gegenüber den
akustischen Polstern aus dem Orchestergraben. Aus der tadellosen Sängerriege stachen Stefanie Schaefer
und Alexander Mayr sowie Christian Miedl hervor. Der Chor zeigte sich seiner Aufgabe gewachsen und
wurde genauso wie das Sinfonieorchester Wuppertal von seinem Chef Toshiyuki Kamioka stark animiert.
Den im Vorfeld der Premiere aufgeregten deutschen Hütern kultureller Korrektheit kann zur Beruhigung
gemeldet werden: An diesem mit langem Applaus bedachten Opernabend wurden keine antisemitischen
Proselyten gemacht.