Westfalenpost
Sonntag, 29. Januar 2006
Knusperhexe im Kostüm
Von Kristina Feste
Wuppertal. Farbenfroh und zeitlos märchenhaft ist Johannes Weigands liebevolle
Inszenierung der Engelbert- Humperdinck-Oper "Hänsel und Gretel" geraten. Die Premiere des
fantasievoll ausgestatteten Märchenspiels im Wuppertaler Schauspielhaus brachte am Samstag
nicht nur Kinderaugen zum Strahlen. Stimmlich wie orchestral nuancenreich verzauberte
Humperdincks berühmte Oper auch das erwachsene Publikum.
Die vor Lebenslust sprühende Wuppertaler Inszenierung beeindruckt vor allem durch ihre modernen
lemente. Mit viel Einfallsreichtum ist es Johannes Weigand zweifelsfrei gelungen, das berühmte
Märchen glaubhaft in unsere Zeit zu versetzen, ohne die kindgerechte Bilderwelt zu verlassen.
Der Witz der Inszenierung liegt im Detail. Hänsel und Gretel laufen in Turnschuhen über die
Bühne. Die böse Knusperhexe, zunächst adrett gekleidet in einem taubenblauen Kostüm mit
passender Handtasche und weißen Strumpfhosen, lockt die Kinder nicht mit Brotkrumen, sondern
mit Weingummi in die Falle. Auch das Lebkuchenhaus hat sich den heutigen Erwartungen an
werbewirksame Süßigkeiten angepasst.
Doch nicht nur die Kostüme und das Bühnenbild von Markus Pysall tragen maßgeblich zur
gelungenen Produktion bei. Vor allem der Besetzung gelingt es, das Publikum mit Witz und
Charme in die Märchenwelt zu entführen. Die beiden Titelpartien stehen dank Stefanie Schäfer
(Hänsel) und Elena Fink (Gretel) nicht nur in klangvollem Gewand. Sie überzeugen die Zuschauer
auch durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Doch auch die Eltern Thomas Laske (Vater) und
Joslyn Rechter (Mutter) gestalten ihre Rollen mit der nötigen Eindringlichkeit. Die kleinen
Rollen des Sandmännchens und Taummännchens meistert Michaela Maria Mayer mit viel Charme.
Höhepunkt sind jedoch die Auftritte der Knusperhexe. Reizvoll: Die Rolle wird in Wuppertal
nicht -wie häufig der Fall- von einem Mezzosopran, sondern von einem Buffotenor gesungen.
In einem perfekten Zusammenspiel verleihen Cornel Frey und Stephan Boving der Knusperhexe
Glanz und Dämonie, tanzen ausgelassen über die Bühne und fliegen mit dem Besen durch die Luft.
Die Begeisterung bei den Zuschauern sprang schnell über. So mancher ertappte sich dabei, das
Kinderlied "Ein Männlein steht im Walde" mitzusingen, verfolgte gespannt, wie die Hexe auf
ihrem Besen durch die Luft flog und freute sich diebisch, als Hänsel seine Gegenspielerin
endlich in das lodernde Feuer stieß. Es ist eben schön, noch einmal Kind zu sein. Wenn auch
nur für einen Abend.
29.01.2006