Wuppertaler Rundschau
Mittwoch, 01. Februar 2006
Vorsicht vor den alten Damen
Triumphale Premiere von Humperdincks "Hänsel und Gretel"
Von Stefan Schmöe
Woran erkennt man eine Hexe? In der Wuppertaler Neuinszenierung von "Hänsel und Gretel" daran,
dass sie, äußerlich eine nette alte Dame, mit Taschentuch und Spucke die klebrigen Münder der
am Knusperhäuschen knabbernden Kinder säubert. Mit dieser Geste dürfte Regisseur Johannes
Weigand ein Kindheitstrauma vieler Premierenbesucher (den Verfasser dieser Zeilen
eingeschlossen) berührt haben. Temporeich und sehr witzig holt er die Märchenhandlung in die
Gegenwart und beschert dem Publikum einen fulminanten Opernabend für die ganze Familie.
Viel Romantik hat Weigand dabei nicht übrig gelassen. Zwar künden geheimnisvoll aufleuchtende
überdimensionale Himbeeren vom deutschen (Märchen)Wald, aber der ist ansonsten im Comic-Stil
auf ein paar angedeutete Bäume zurechtgestutzt. Dabei gelingt es Weigand und Ausstatter Markus
Pysall überzeugend, die traditionelle Märchenwelt anzudeuten, aber gleichzeitig mit gehöriger
Ironie auf zeitgemäßen Stand zu bringen. Hänsel und Gretel haben zwar noch einiges von dem
gewohnt biederen Geschwisterpaar, aber auch Pippi Langstrumpf ist nicht weit, und wenn Gretel
traditionelles Liedgut pflegt - "Brüderchen, komm' tanz mit mir" - hat Hänsel tänzerisch einen
Hang zum Hip-Hop. Elena Fink (Gretel, mit jugendlich-leichtem Sopran) und Stephanie Schaefer
(mit vollerem, tragfähigerem Mezzo) singen und spielen das glänzend, zumal sie sich durch ihre
unterschiedlichen Stimmfarben ideal ergänzen.
Vergleichsweise traditionell sind Mutter (Joselyn Rechter, auch zu dramatischen Akzenten fähig)
und Vater (Thomas Laske, mit klarem, tragfähigem Bariton) gezeichnet. Den berühmten
"Abendsegen" mit den 14 Engeln nutzt die Regie zur Attacke auf die Sehgewohnheiten: Statt der
üblichen blondgelockten ätherischen Wesen erscheinen dickbauchige Oliver-Hardy-Verschnitte
aller Größen mit viel zu kleinen Flügelchen, die ebenso drollig wie umständlich das
Geschwisterpaar behüten.
Bei so viel Aktionismus auf der Bühne hilft es auch nichts, das Dirigent Toshiyuki Kamioka
alle Pathos-Register zieht, um musikalisch dagegen zu halten - die Musik wird zur Nebensache.
Wenn es einen Einwand gegen die Regie gibt, dann den, dass sie mit einem Übermaß an
Bühnengeschehen die Musik zu sehr überlagert. Das ist schade, weil Kamioka und das glänzend
aufgelegte Orchester alle Facetten der Partitur vom naiven Singspiel bis zum komplexen
Musikdrama der Wagner-Nachfolge ausloten; aber es ist vertretbar, weil Weigand höchst
unterhaltsames Theater für alle Sinne und Altersstufen bietet.
Mit zunehmender Spieldauer beschleunigt die Regie auch das Tempo, und auf dem Höhepunkt des
Geschehens wirbelt Tenor Cornel Frey mit bravourösen Slapstick-Einlagen - und das auf
spielerisch wie sängerisch höchstem Niveau - als Hexe herum. Und wie endet das Stück? Mit der
symbolischen Rache der Kinder (der große, aus vier Wuppertaler Chören rekrutierte Kinderchor
singt couragiert) an ihren Müttern: Denn der -im Lakritz festgeklebten Hexe- dürfen Hänsel
und Gretel triumphierend das Mündchen abwischen - natürlich mit Taschentuch und Spucke. Jubel.
01.02.06