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Montag, 30. Januar 2006
  Premiere von "Hänsel und Gretel":

Ob diese Engel noch beschützen?

Gelungene Premiere im Wuppertaler Schauspielhaus:
Johannes Weigand setzt für Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" ganz auf die Macht starker Bilder.


Von Tanja Heil

Wuppertal. Ob diese Engel noch beschützen können? Im Arbeitsanzug watscheln sie über die Bühne und montieren Sternengirlanden. Das Sandmännchen mit der Grubenlampe auf dem Kopf kommt mit dem Tretboot, das Taumännchen versprüht den Tau per Knopfdruck aus dem Kanister. Regisseur Johannes Weigand misstraut in seiner Wuppertaler Inszenierung von Humperdincks "Hänsel und Gretel" den überirdischen Mächten.

Stattdessen setzt er auf starke Bilder, überraschende Details und die Ausarbeitung psychologischer Beweggründe. Zusammen mit Bühnenbildner Markus Pysall und Licht-Designer Sebastian Ahrens schafft Weigand einen wunderbar wandelbaren Märchenwald.

Mächtig strecken sich die weißen, auf mehrere Prospekte gemalten Baumstämme empor, bekommen je nach Lichtgestaltung einen heiteren oder unheimlichen Charakter. Auch Hänsel und Gretel wohnen im Wald: Ihr Schäferkarren, der sehr an Mutter Courage erinnert, steht auf einer Lichtung. Stefanie Schaefer und Elena Fink spielen die beiden Kinder voller natürlich wirkender Albernheit.

Glockenklar und gut verständlich singen sie, selbst wenn sie liegen, hocken oder springen.
Mit harschen Gesten spielt sich Gretel als Gouvernante auf, weist Hänsel zurecht, um im nächsten Moment selber von der Milch zu naschen.

Hänsel jedoch lässt sich von seiner Schwester nicht viel sagen. Tanzt sie "einmal hin, einmal her", setzt er die Bewegung in einen Rap um. Als beide die frisch gewaschene Wäsche zu Boden werfen, hat die Mutter allen Grund, die Kinder wütend in den Wald zu schicken. Die ganze Verzweiflung dieser armen Frau spricht aus Joslyn Rechters Körperhaltung, die sich erst ändert, als der strahlende Mann (Thomas Laske) die Leckereien aus dem Rucksack auspackt.

Im Wald leuchtet am Morgen das Hexenhaus lockend hinter den Beeren hervor, die Hänsel und Gretel sammeln sollen. Seine bunten Süßigkeiten bestechen auch ohne Hunger. Die Hexe erscheint gepflegt wie die Queen: hellblaues Kostüm, Hütchen, goldene Handtasche.

Mit süßer Stimme umgarnt Cornel Frey die Kinder, sperrt Hänsel in einen engen Vogelkäfig. Als er sich dann in eine wirklich gruselige Hexe verwandelt und zum Hexentanz die Beine in alle Richtungen schleudert, ist der Überraschungscoup gelungen.

Toshiyuki Kamioka gestaltet mit dem Sinfonieorchester Wuppertal die Musik sehr lyrisch und transparent, teils verträumt mit samtenem Ton, teils zupackend. Sehr feinfühlig unterstützt er die Sänger, lässt sie besonders im Abendsegen ganz in den Vordergrund treten.

Die hervorragenden Instrumentalsolisten tragen ihren Teil dazu bei. Sehr harmonisch singt der große Kinderchor von Bergischer Musikschule, Kinderchor Katernberg und der Elberfelder Mädchen Kurrende. Am Ende viel Beifall.



30.01.06



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Hänsel

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