Thüringer Allgemeine
Montag, 08. September 2008
Lob der Frauen: Hoffmanns Erzählungen in Erfurt
Die Premiere der Oper "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach gab in der Neuen Oper Erfurt jetzt den Spielzeitauftakt im Großen Haus. Inszeniert von Rupert Lummer, musikalisch geleitet von Walter E. Gugerbauer und ausgestattet von Hank Irwin Kittel.
Von Dr. Ursula MIELKE
ERFURT. Es ist übertrieben zu behaupten, dass die Erfurter Premiere des skurrilen offenbachschen Operntorsos an einem Reinfall
vorbeigeschrammt sei. Doch letztendlich konnte der freundliche Premierenapplaus nicht über musikalische Mängel hinwegtäuschen.
Richard Carlucci in der Titelrolle bemühte sich nach stimmlichen wie darstellerischen Kräften, dem per Selbstmord im Orkus seiner
wahnsinnigen Geschichten endenden Dichter eine glaubwürdige Facette zu geben. Carlucci stand die Partie mit einigen intonatorischen
Mühen und oft zu zaghaftem Auftreten durch.
Rettung brachte der letzte Akt, in dem echte Gefühle über noble Pferdestärken obsiegten. Die Besetzung der Männerpartien, selbst
als Ensemble im Antonia-Akt, strapazierte das kritische Wohlwollen arg. Keine Spur von satirischem Charme des Franz (Jörg Rathmann),
der bedächtig Ton um Ton vortrug. Und der mehrfach besetzte Juri Batukov (Dapertutto, Miracle, Coppélius, Lindorf) präsentierte
sich zwar als Kojak für alle Liebesfälle, aber dies mit seccohaftem Timbre.
Hoffmanns Frauen also mussten die Premiere vor einem Reinfall bewahren, und sie taten dies bravourös. Allen voran La Muse
(Stefanie Schaefer), die ausgeglichen und voluminös, unverbraucht sowie mit viel Gespür fürs Dramatische agierte. Eine wütende
Muse mit E-Gitarre: Das Outfit wurde bei ihrem Auftritt Nebensache. Dass Stefanie Schaefer ihrem Hoffmann gleich der Aida bis
in den Tod folgen würde, nahm man der jungen Künstlerin einfach ab. Passabel besetzt waren auch Stella (Susanne Rath), die
schwarze Domina Giulietta (Stéphanie Müther) und des Grabes Stimme (Helena Zubanovich). Etwas indisponiert hingegen Julia
Neumann. Demgegenüber konnte die liebenswürdige Antonia (Ilia Papandreou) nur punkten. Sie tat es und erhielt den ersten
Szenenapplaus des Abends. "Die Taube flog fort", und dies mit leicht-zartem Timbre und in schlichter So-pranschönheit vor dem
tonangebenden weißen Flügel. Trotzdem dürfte Antonia nicht die Lieblingspartie dieser mit ausdrucksstarkem Sopran gesegneten
Sängerin werden.
In Einheit mit der auf sehr viele Elementarteilchen setzenden Ausstattung (Hank Irwin Kittel) inszenierte Rupert Lummer seine
Erzählungen als aufwendige, den Zusammenhang der Liebesgeschichte stringent wahrende Theaterarbeit. Arbeit an einer ganz
individuellen Realityshow, nicht kuscheliger Geniestreich traf auf den Betrachter. Die Hoffmann-Lummer-Oper als Selbsthilfeprojekt
für gescheiterte Existenzen startet mit morbider Kleinzackigkeit von ganz unten, um sich dann von einer Sero-Annahmestelle zu
einer unterkühlten Poolparty hochzuarbeiten. Zauberhaftes ist unerwünscht bei Hammondorgel-Barkarole und Barbecue. Alles
nachvollziehbar: Oper als Spiegel-Arie einer sich immer mehr in Einzelinteressen aufsplittenden Gesellschaft.
Nur das "arme" unter Walter E. Gugerbauer spielende Philharmonische Orchester war um seine Position bei diesem
Bühnen-Underground-Ball nicht zu beneiden und kämpfte besonders im ersten Akt mit fast unzumutbaren Bühnengeräuschen. Hut ab, vor
so viel Geduld. Nichts konnte Orchester und Dirigent aus der Ruhe bringen. Man zog das durch - ehrlich, gekonnt, aufmerksam und
mit sehr respektablem Gesamtklang, welchen gute Einzelstimmen (Holzbläser, Solovioline, Hörner) anziehend unterfütterten.
Wissend, dass die Orchestersprache in den Lummerschen Erzählungen nicht die Oberhand besitzt, steigerte Gugerbauer dennoch
seinen energischen Einsatz im Finale. Glühende Emphase vor einer sich sensibilisierenden Szene - das war die große Oper in
der Oper!
Der Chor sang, was der Dichter spricht: "Vergiss deinen Schmerz, lebe deinen Traum!" Deshalb ergeht an den Erfurter Intendanten
als frisch gekürten Chevalier des Arts, Guy Montavon, die Bitte, neben jungen Stimmen wieder einmal die Großen ihres Fachs
aufzufahren.
Fotos zu dieser Aufführung:
Muse