Westfälischer Anzeiger
Montag, 20. März 2006
Fabulierlust
MUSIKTHEATER Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" an den Wuppertaler Bühnen
Von Anke Demirsoy
WUPPERTAL · Muss ein wahrer Künstler einsam leben? In der Wuppertaler Neuinszenierung von
Jacques Offenbachs fantastischer Oper "Hoffmanns Erzählungen" stellt Oberspielleiter Johannes
Weigand das Klischee in Frage. Gleichwohl formt er den Fünfakter bei der Premiere im Elberfelder
Schauspielhaus zu einer Liebeserklärung an die Kunst.
Weigands Sicht auf den großen Dionysiker und Fantasten erspart ihm (und uns) eine Wahrheit
nicht: Es liegt auch an seiner inneren Halt- und Kraftlosigkeit, dass Lindorf ihm die geliebte
Stella ohne Schwierigkeit ausspannen kann. Der Held leistet keine Gegenwehr. Stattdessen lässt
er sich so sehr gehen, dass Stellas Abkehr vorprogrammiert ist. Wenn Hoffmann am Ende als ein
Enttäuschter in die Arme seiner Muse sinkt, erscheint dieses Schicksal daher weniger gottgewollt
als zum Teil selbst verschuldet. Indes wird Lindorf ob seines Sieges keineswegs zur Lichtgestalt.
Wenn Hoffmann ihm die letzte Strophe vom Zwerg Kleinzack nachruft, ist die Botschaft klar:
Wer statt Fantasie und Vision nur Geld kennt, bleibt im Geiste ein armer Wicht.
Leise, aber zwingend wirkt dieser Rahmen; drei lange Erzähl-Akte ordnen sich ihm ohne weiteres
unter. In diesen tobt die Regie ihre eigene Fabulierlust aus - wobei die Kostüme von Judith
Fischer wesentlich zur Unterhaltung beitragen. Der Olympia-Akt ist ein schrilles Vergnügen
für Star-Trek-Fans, während Antonias Leiden Traviata-Assoziationen weckt. Venezianisches
Maskenspiel bestimmt den vierten Akt, dessen verträumte Barcarole-Stimmung mit Schlémils
Diamant-Arie einen weiteren Höhepunkt erreicht.
Während das Sinfonieorchester Wuppertal unter der Leitung des jungen Kapellmeisters Evan Christ
viel funkelnden Offenbach-Klang versprüht und dessen klarer Stabführung schmiegsam folgt, wiegt
der dreieinhalbstündige Repertoirebrocken teilweise zu schwer für die Kapazitäten des
Sängerensembles. Der Tenor von Marcello Bedoni, der die Titelpartie als Gast singt, ist zu
klein und zu wenig höhensicher, um den extrem fordernden Part des Hoffmann auszufüllen.
Dankenswerter Weise versucht er nicht, die Partie mit Gewalt zu stemmen, sondern bemüht sich
um differenzierte Ausformung, wo es ihm an Durchschlagskraft fehlt.
Melba Ramos hält der Dreifach-Belastung als Olympia-Antonia-Giulietta über weite Strecken mit
lebendigem Sopran Stand. Dass sie in der verrückt verschraubten Olympia-Arie nicht alle Töne
trifft und sich im letzten Akt Ermüdungserscheinungen zeigen, bleibt daher sekundär. Stefanie
Schaefer ist als Muse/Niklausse eine Begleiterin mit warmer und biegsamer Stimme. Kay
Stiefermann (Lindorf, Coppelius, Mirakel, Dapertutto) gewinnt der Bariton-Partie mehr und
mehr dämonisch-dunkle Farben ab und macht sich damit überzeugend zum mephistophelischen
Gegenspieler. Auch in Wuppertal siegt am Ende die Muse.
20.03.2006