Wuppertaler Rundschau
Mittwoch, 22. März 2006
Hoffmann, beam me up
"Hoffmanns Erzählungen" verliert sich in den Weiten des Universums
Von Stefan Schmöe
"Luthers Weinstube" könnte irgendwo in der Luisenstraße liegen oder auch die Theaterkantine sein:
In seiner Neuinszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" verlegt Johannes Weigand die Rahmenhandlung
der Oper in die Gegenwart. Hoffmann, dem romantischen Dichter E.T.A. Hoffmann nachempfunden, ist
hier ein in modisches Schwarz gekleideter Künstler unserer Zeit. Und abgefahren, wie seinerzeit
womöglich den Zeitgenossen des historischen Dichters dessen Geschichten vorgekommen sein mögen,
geht es auch in der ersten der drei Erzählungen zu, die von Hoffmanns Liebe zur Puppe Olympia
berichtet (deren Künstlichkeit der verblendete Schwärmer nicht erkennt) - denn diesen Akt verlegt
Weigand in das Raumschiff Enterprise. Operettenselig schunkeln hier Gestalten aus allen Ecken
und Enden des Star-Trek-Universums.
Nach diesem Überraschungscoup ist Weigand allerdings für die nächsten drei Akte nicht mehr viel
eingefallen. Die Geschichte von der kranken Sängerin Antonia, die sich zu Tode singt, spielt in
einem düsteren Saal, in dem die Geigen vom unsichtbaren Himmel hängen; der Venedig-Akt, in dem
Hoffmann der Kurtisane, Giulietta sein Spiegelbild und damit seine Identität hergibt (ohne den
erhofften Lohn zu erhalten), ist eine schrille Karnevalsparty vor einer spartanischen Kulisse,
die mehr nach Finanznot. als nach künstlerischem Gestaltungswillen aussieht. Es gibt ein paar
hübsche Effekte, aber im Wesentlichen beschränkt sich die Regie auf dekorative Elemente. Das
hat in "Hänsel und Gretel" gut funktioniert, weil dort unterhaltsames Theater für die ganze
Familie geboten wird; dieser "Hoffmann" dagegen bräuchte schon deutlich mehr inszenatorischen
Tiefgang. Weigand aber kratzt bestenfalls an der Oberfläche.
Zum Glück wird gesungen, und das ausgezeichnet. Marcello Bedoni hat zwar einen für die Titelrolle
recht kleinen und mehr lyrischen als jugendlich-heldischen Tenor, aber er singt den Hoffmann
klangschön und sehr kultiviert. Für die drei sehr unterschiedlichen Frauenrollen Olympia,
Antonia und Giulietta (üblicherweise aus gutem Grund an drei verschiedene Sängerinnen vergeben)
ist Melba Ramos nach Wuppertal zurückgekehrt. Sie meistert das waghalsige Unterfangen insgesamt
bravourös, stößt aber auch an ihre Grenzen. So mischten sich in die koloraturselige Olympia-Arie
neben brillanten Spitzentönen auch etliche unsaubere oder falsche, und über den letzten
dramatischen Ausdruck verfügt ihre Stimme auch nicht. Sehr schön gelingen dagegen die
abgedunkelten lyrischen Passagen vor allem der Antonia. Grandios ist Kay Stiefermann in der
Rolle von Hoffmanns Gegenspieler Lindorf, der in verschiedener Gestalt in allen Episoden
auftaucht - stimmlich makellos und schauspielerisch außerordentlich wandlungsfähig. Und in der
Rolle der Muse, die Hoffmann begleitet, glänzt Stefanie Schaefer mit voller und tragfähiger und
trotzdem ausgesprochen beweglicher Stimme.
Durchweg ausgezeichnet besetzt sind die (gar nicht so kleinen) Nebenrollen, und sehr zuverlässig
singen Chor und Extrachor. Das Wuppertaler Opern-Debüt des jungen Kapellmeisters Evan Christ
verläuft durchwachsen. Die Koordination zwischen Bühne und Orchester klappt ordentlich, und ihm
gelingen viele einzelne schöne Stellen. Dazwischen schleichen sich aber manche Ungenauigkeiten
ein, und vieles klingt allzu nebensächlich. Das Niveau der Aufführungen unter der Leitung von
Chefdirigent Kamioka erreicht das Orchester nicht, das zeigt sich schon an der teilweise
eingetrübten Intonation. Da gibt es dann doch noch einiges Entwicklungspotential.
22.03.06