Frankfurter Allgemeine Zeitung


Mittwoch, 23.03.2005
Wer diskutiert, verliert den Lebenssinn

Vom Dudel-Dur zum Dauer-Moll: "The Death of Klinghoffer" von John Adams in Wuppertal

Von : ULRICH SCHREIBER Der amerikanische Soziologe Robert King Merton nahm im Februar 2003 eine frische Bestätigung der von ihm eingeführten Kategorie der selffulfilling prophecy mit ins Grab. In der Oper "The Death of Klinghoffer" von John Adams, der die Entführung des italienischen Kreuzfahrtdampfers "Achille Lauro" Anfang Oktober 1985 durch vier palästinensische Terroristen zugrunde liegt, singt einer der Kidnapper, ehe sie den gelähmten jüdischen Amerikaner Leon Klinghoffer umbringen, den anklägerischen Satz "America is one big Jew". Wenige Wochen nach dem Terrorangriff auf die Türme des World Trade Center veröffentlichte der Musikologe Richard Taruskin in der "New York Times" einen polemischen Artikel gegen die Oper und warf Adams Antiamerikanismus wie Antisemitismus vor. Damit wurde zum zweitenmal in den Vereinigten Staaten ein Bann über das Bühnenwerk gesprochen.

Dem Versuch von Adams und seiner Librettistin Alice Goodman, den Terrorismus der Palästinenser im historischen Kontext bis zurück auf die Hagar-Episode um die Halbbrüder Ismael und Isaak aus der Genesis zu stellen, war schon 1991 Antisemitismus unterstellt worden. Blieb die Brüsseler Urproduktion wie ihre Übernahme in Lyon weitgehend unbeanstandet, so wurde sie in New York in der Brooklyn Academy of Music von Protesten begleitet: Teile der amerikanischen Öffentlichkeit verhielten sich so, wie es der Vorurteilshaltung des Rambo genannten Kidnappers in der Oper entspricht. Prompt sagte die Oper von Los Angeles als Mitauftraggeber die Aufführung ab.

Nicht mit ins Grab nehmen konnte Robert King Merton eine aktuelle Anverwandlung seines Begriffs von der selfdestroying prophecy. In "The Death of Klinghoffer" behauptet ein anderer Kidnapper, wenn er sich vorstelle, mit dem Feind zu diskutieren, habe er seinen Lebenssinn verloren. Damit sahen Goodman und Adams die Abtötung jeder Bereitschaft zu rationaler Konfliktbewältigung bei heutigen arabischen Selbstmordattentätern voraus. Doch ihrer Prophezeiung ist in der Oper die Selbstauslöschung als Appellstruktur eingraviert. Nach der Opernabteilung der Curtis-Musikschule in Philadelphia, die vor einem Monat mit einer halbszenischen Einstudierung den seit 1991 praktizierten Boykott des Werks in Amerika brach, haben das nun auch die Wuppertaler Bühnen begriffen. Sie präsentierten "The Death of Klinghoffer" nach Nürnberg 1997 als zweites deutsches Theater.

Die Aufführung im Elberfelder Schauspielhaus - die sanierungsbedürftige Oper der Stadt bleibt bis 2008 geschlossen - imponiert nicht nur mit dem Einfall, die sieben kommentierenden Chöre, die in der Urproduktion vom Choreographen Mark Morris pantomimisch gestützt wurden, filmisch zu illustrieren. Das auf die Entwicklung einer Jugendästhetik bedachte "Medienprojekt Wuppertal" ließ junge Menschen verschiedener Nationalität - Israelis wie Palästinenser und Amerikaner - Videos herstellen, die in Dauer und Stil zu den Chören passen. Das ist ein sinnvoller Versuch, in der ästhetischen Arbeit Vorurteile zu überwinden.

Die Projektionen werden auf einen leicht transparenten Vorhang geworfen, hinter dem man umrißhaft den Chor (Thomas Dorsch) auf zwei schiffsbugartig spitz nach hinten zulaufenden Galerien sieht (Bühnenbild: Moritz Nitsche). Der einleitende Chor der heimatlosen Palästinenser zeigt eine blühende Frühlingslandschaft im Nahen Osten, ehe sich bei der Erwähnung israelischer Landnahme ein junges Mädchen das Kopftuch umbindet. Im anschließenden Chor der heimatlosen Juden sieht man einen ausgestreckten Arm, aus dem neun Kerzen ragen, die wie in Michelangelos Schöpfungsfresko von einer geheimnisvollen Hand entzündet werden und bis ins solcherweise stigmatisierte Fleisch abbrennen.

Einige der Videos überzeugen weniger, so die abstrakten Farbstriche im Hagar-Chor, der den musikdramatisch etwas wirren zweiten Akt der Oper nicht genügend klärt. Regisseur Johannes Wiegand gibt die von Adams vorgesehenen Mehrfachrollen ebenso wie die Verdoppelung einzelner Figuren durch Tänzer auf und verlangsamt die wenigen aktionistischen Bewegungsabläufe, wobei er die Überlagerung von Gegenwart und Erinnerung durch Lichtwechsel und pantomimische Einlagen bis hin zum Comic plausibel macht. Der erschossene Klinghoffer wird nicht von seinem Tanzdouble ins Meer versenkt, der Vorgang findet vielmehr als Absenkung des um fast neunzig Grad angehobenen Schiffsbugs statt, auf dem der Mann wie ein Gekreuzigter hängt - was Mißverständnisse hervorrufen kann.

Die finale Ablegung von Kleidungsteilen, unter denen Schwarz als Grundfarbe hervorkommt (Kostüme: Judith Fischer), vermittelt den durch genaue Übertitelung der übersetzten Gesangstexte betonten Lehrstückcharakter. Hoch achtbar die musikalische Qualität der Aufführung, da Toshiyuki Kamioka am Pult das vom Dudel-Dur der frühen Minimal music in ein Dauer-Moll umgeschlagene Idiom differenziert: als Trauer um den Zustand der Welt. Aus dem auch in Randrollen profilierten Ensemble ragen Christian Miedl als Kapitän, Roderick Earle als Klinghoffer und Stefanie Schaefer als junger Entführer Omar heraus. Der ovationsartige Beifall suggerierte offene Ohren für den grenzversetzenden Verständigungswillen von John Adams. In den Vereinigten Staaten steht am 1.Oktober in San Francisco mit der Uraufführung der Oppenheimer-Oper "Dr.Atomic" eine weitere Nagelprobe auf seine politische Korrektheit an. ULRICH SCHREIBER


Text: F.A.Z., 23.03.2005, Nr. 69 / Seite 41



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Omar

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