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Mittwoch, 23. März 2005
  Multikulti- Betroffenheitsmix

Kitsch-Kurs: John Adams' Terroristenoper "The Death of Klinghoffer"


von Stefan Schmöe

Eine Oper über die Entführung des italienischen Luxusdampfers "Achille Lauro" durch palästinensische Extremisten im Jahr 1985 - das klingt nach packendem und zeitgemäßem Stoff. Auf politische Themen hat sich der amerikanische Komponist. John Adams, geboren 1947, spezialisiert -allerdings kaum im Sinn der europäischen Avantgarde. Vielmehr versteht es Adams, zeitgemäße Stoffe auf eingängliche und sehr amerikanische Weise einem breiten Publikum zu vermitteln. Schräge Töne braucht da niemand zu fürchten: "The Death of Klinghoffer" arbeitet seinen tragischen Stoff in Wogen von Wohlklang auf.

Eine Action-Oper hat Adams trotz der dramatischen Vorgänge an Bord nicht daraus gemacht, ganz im Gegenteil. Die Ereignisse werden im Rückblick mit den statischen Mitteln des Oratoriums vertont, wie ein großes Requiem für den Amerikaner Leon Klinghoffer, der von den Terroristen ermordet wurde. Große Chorszenen, die nichts mit der konkreten Handlung zu tun haben, sondern diese ins Allgemeingültige erhöhen, strukturieren das Werk. Dazwischen gibt es lange Arien, aber fast keine wirklichen Theaterdialoge.

Adams hat von der Minimal-Music gelernt, dass man eine musikalische Idee auch über schier unendlich lange Zeiträume dehnen kann - und so gibt es fast keine musikalische Entwicklung, sondern jedes Klangmuster bleibt minutenlang stehen. Was zu Beginn einer Szene raffiniert alle Sinne betört, kann da zehn Minuten später durchaus gehörig auf die Nerven gehen.

Musik wie zähe Soße

Das Verfahren hat auch zur Folge, dass der Text nivelliert wird. Gleich, was die Sänger zu sagen haben, die Musik gießt sich wie eine zähfließende Soße darüber. Was nicht immer von Nachteil ist, denn das Libretto von Alice Goodman reiht allerlei hübsch klingende Plattitüden aneinander. Ob der Kapitän über das Dasein seines Dampfers als schwimmendes Gefängnis sinniert (denn ringsum ist - durchaus im Sinne der Reisenden, möchte man glauben - nichts als Wasser) oder der Terrorist von der Unschuld der Vögel, dieser "Boten Gottes", schwärmt. So redet, wer zu lange "Die Möwe Jonathan" oder ähnliche Erbauungsliteratur gelesen hat, aber kein Ernst zu nehmender Kapitän oder Terrorist.

Gefuchtel mit dem Gewehr

An diesem multikulturellen Betroffenheitsmix beißt sich Regisseur Johannes Weigand die Zähne aus. Wie entschuldigend hebt er den oratorischen Charakter hervor und lässt Sänger mehr andeuten als wirklich ausspielen, was szenisch geschehen soll. Das artet allerdings in recht unbeholfenes Fuchteln mit dem Gewehr aus. Die Chorsätze werden mit Video-Sequenzen, gestaltet von Teilnehmern des "Medienprojekts Wuppertal", bebildert: Sicher gut gemeint, aber ein strengeres, bildmächtigeres und stärker zusammen hängendes Konzept, das der musikalischen Struktur eine visuelle entgegen gesetzt hätte, wäre hier sicher sinnvoller.

Der Chor brilliert

So steht der Abend, und das ist immerhin etwas aßergewöhnliches, ganz im Zeichen des von Thomas Dorsch glänzend vorbereiteten Opernchores, dem der Hauptpart (und die interessanteste Musik) zufällt und der sich darin außerordentlich gut bewährt. Auch das Sinfonieorchester unter der wohltuend energischen Leitung von Toshiyuki Kamioka kostet Adams' Farbpalette voll aus.
Aus dem durchweg guten Ensemble ragt Stefanie Schaefer, als Passagier und als Terrorist gleich in doppeltem Einsatz, heraus. Danielle Grima als Frau des ermordeten Klinghoffer gelingt es nicht zuletzt durch ihre Bühnenpräsenz, über das pauschal Allgemeingültige doch noch so etwas wie individuelle Trauer zu vermitteln.

Die schönste Nummer aber hat Katharina Greiß-Müskens, die als attraktiv singendes und anzusehendes "British Dancing Girl" die Terroristen zur flotten Tanzeinlage verleiten kann: Da springt auch die Regie über ihren Schatten und wagt eine kräftige Prise Ironie.

Musikalisch also kann sich die Produktion hören lassen. Kompositorisch darf es demnächst aber ruhig wieder etwas gehaltvoller zugehen. Stefan Schmöe



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Omar

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