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Zollern-Alb-Kurrier
Montag, 24. November 2008
von: Daniel Seeburger
Chor in Ketten als Symbol der Knechtschaft
Große Oper in Balingen!
Große Oper in Balingen! Das Stadthallen-Team um Ulrich Klingler hat einmal mehr bewiesen, dass hohe Kultur nicht nur in den
Metropolen zu Hause sein muss. Verdis Nabucco, die nunmehr 13. Balinger Eigenproduktion, muss Vergleiche nicht scheuen.
Balingen
Als sich der Vorhang bei der Premiere am Freitagabend hebt, ist die Stadthalle ausverkauft. Mit Nabucco haben sich die
Verantwortlichen ein ideales Werk für Balingen ausgesucht. Die dritte Oper Verdis lebt von ihren Chören und bietet damit
vor allem dem Balinger Opernchor die Möglichkeit, sein ganzes Können zu zeigen. Dazu kommen, wie der Wiener Musikwissenschaftler
Hans Gal im Jahr 1975 die ersten Aufführungen im März 1842 beschrieb, 'der beispiellose Schwung, die rasante Energie von Melodien,
die das Publikum wie ein Sturmwind fortgerissen zu haben scheinen. Weder bei Donizetti noch bei Bellini gibt es Ähnliches. Eine
so derbe Ungeniertheit, eine so hemmungslose Draufgängerei wäre für beide undenkbar gewesen'. Eine Oper also, die aus der Melodie,
aus dem Rhythmus und aus der Leidenschaft lebt.
Regisseur Gordon McKechnies nunmehr neunte Inszenierung spielt mit dem Gegensatz von Modernität und Konventionalität. Die Hebräer
und Assyrer in historischen Gewändern versetzt er in ein modernes, von Stefan Türke gestaltetes Bühnenbild. Zwei breite Treppen,
mehrere Rundsäulen und Bildprojektionen bilden einen kühl-abstrakten Raum für die biblische Handlung. Besonders eindringlich wird
die Inszenierung, wenn McKechnie mit starken Bildern arbeitet. Beim Gefangenenchor beispielsweise tritt der Chor in Ketten auf und
wird so zum Symbol von Knechtschaft, zur Mahnung gegen Unterdrückung.
Ein solches Werk steht und fällt mit einer adäquaten Besetzung. Mit Rose-Marie Farkas hat man in Balingen eine Abigail engagiert,
die man in den großen europäischen Opernhäusern nicht besser hören kann. Ihr dramatischer Sopran erreicht internationalen Standard.
Farkas' Stimmumfang ist gigantisch und, durchaus nicht üblich, sowohl in der Tiefe, als auch in der Höhe äußerst ausdrucksstark.
In ihrer zentralen Arie 'Schlecht hat der König dich mir verborgen!' zu Beginn des zweiten Teils wird das besonders deutlich.
Schon im Rezitativ hat Rose-Marie Farkas in wenigen Takten mehrere Oktaven zu durchschreiten. Ihr tiefes Register ist kräftig und
sonor, die Spitzentöne attackiert sie fast ansatzlos.
Michael Glücksmanns agiert als Nabucco grundsolide. Sein dramatischer und doch warmer Bariton kommt vor allem in der Gefängnis-Szene
im dritten Teil bestens zur Geltung. Der Tenor Gerard Le Roux als Ismael und der Bass Axel Wagner als Zacharias, beide in Balingen
keine Unbekannten, singen klangschön und ohne die geringsten Probleme. Genau so der in Balingen geborene Bariton Steffen Lachenmann,
der sich in der Nebenrolle als Oberpriester bestens für größere Rollen empfiehlt.
Die Überraschung des Abends allerdings ist die Mezzosopranistin Stefanie Schaefer, die ihre Fenena derart überzeugend spielt, dass
einem fast der Atem wegbleibt. Die kleine und eigentlich unbedeutende Schlussarie 'Schon geöffnet seh' ich das Himmelszelt' singt
sie so schön und ergreifend, dass sich eine Gänsehaut kaum vermeiden lässt.
Großartig disponiert zeigt sich der Balinger Opernchor. Man kann angesichts der oftmals diffizilen Chöre im Nabucco kaum glauben,
dass ausschließlich Laiensänger auf der Bühne stehen. Dirigent Dietrich Schöller-Manno zeichnet für den Chor genau so verantwortlich
wie für die arcademia sinfonica, die den Verve der Partitur bestens umzusetzen weiß. Die Tänzerinnen des Balletts des Jazzstudio
Attitude' vervollkommnen mit ihrem ausdrucksstarken Tanz die Aufführung.
Mit stehenden Ovationen und frenetischem Beifall belohnt das Balinger Publikum die 13. Eigenproduktion. Logisch, dass Dietrich
Schöller-Manno den berühmten Gefangenenchor als Zugabe anstimmen lässt. Als Dankeschön für ein begeistertes Publikum und als
Schlusspunkt einer äußerst gelungen Aufführung. Da capo!!
Daniel Seeburger