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Freitag, 10. Oktober 2003
 Verstrickt
OPER In Wuppertal kommt Luigi Rossis Barockoper "Orfeo" ohne Götter aus

Von Elisabeth Elling

WUPPERTAL · Wie wohlig reibt sich Euridices Sopran an der Blockflötenstimme. Wie wonnig bebt die Dissonanz, intensiviert sie ihren Treueschwur für den Gatten: Nein, sie wird Orfeo nicht verlassen; sie will nichts wissen von Aristeo. Dieser Nebenbuhler - er wirbt so hartnäckig um Euridice wie ein verwöhntes Kleinkind, das sich ein Stück Schokolade ertrotzt - macht den "Orfeo" des Luigi Rossi (um 1598-1653) zu einer Dreiecksgeschichte. Ein Beziehungsdrama, das nicht Partei nimmt, sondern dreifaches Unglück auskostet. Rossi lud dazu seine Rezitative melodisch auf und schrieb schlichte, ergreifende Linien, mit denen sich das Trio der Unglücklichen und Liebenden ineinander verstrickt.

Euridice verschwindet

im Krankenhausflur

Das Drama - der antike Mythos ist ein Urstoff der Oper - verlangte 1646 noch nicht nach stimmlicher Artistik, sondern die Bloßstellung der Emotion: Liebe, Eifersucht, Trauer. Das gelingt im Wuppertaler Opernhaus, wo die Sopranistinnen Tina Hörhold (Orfeo), Stefanie Schaefer (Aristeo) und Sungmi Kim (Euridice) zwar keine Spezialistinnen für barocke Arienkunst sind, aber jede anachronistische Pose umgehen. Ganz unmittelbar berührt Orfeos Trauer, wenn Tina Hörhold mit weicher Intonation und schlanker Artikulation die Tränen anklagt. Auch Aristeo formuliert glühendes Gefühl: Stumm kostet er Eudirices Schwärmen aus, das ihm gar nicht gilt, und fordert dann auf Knien Zuwendung. Ihr Tod raubt ihm den Verstand.

Das Neue Orchester unter Christoph Spering befeuert diese Verwerfungen mit historischem Instrumentarium. Da werden Flöten, Zinken und Dulzian geblasen, die Lirone gestrichen, das Psalterium geschlagen. Solch außerordentliche Klangräume lassen sich in einem Stadttheater nur selten erkunden. Die historische Aufführungspraxis ist für Spering jedoch kein Dogma. In Wuppertal wird der Orchesterpart kombiniert mit scheppernden Band-Einspielungen (zum Beispiel, wenn Euridice sich aus dem Totenreich meldet) - und die Partitur auf eine etwa zweistündige Fassung halbiert.

Rossis "Orfeo" wurde beim Kürzen auch gleich säkularisiert, so dass vom Intrigenspiel der Götter, das die Schicksale motiviert, nur eine menschliche Schwundstufe übrig bleibt. Venus (Martina Ramin) nimmt sich Aristeos Sache an. Sie will Euridice mit ihm verkuppeln, und als das nicht gelingt, sorgt sie als alte Frau verkleidet (Edgardo Zayas) für deren Tod.

Dafür bemüht Regisseur Michael Simon weder einen Schlangenbiss noch die Schattenwelt des Hades. Er beschränkt seine Personenführung darauf, die Figuren zu gruppieren und voneinander abzusondern, während die in den Alltag transponierte Handlung in den großartigen Videosequenzen Christian Zieglers abläuft. Wir beobachten vom Beifahrersitz aus, wie Venus die arglose Euridice überfährt, ihr Gesicht kommt ganz nah heran. Sanitäter schieben sie in den Krankenhauskeller, sie verschwindet im gefliesten Flur - im Hades, den Dr. Pluto (Andreas Heichlinger) als Herrgott in Weiß regiert. Ein trefflicher ironischer Moment.

Der zähe Fluss der im Morphingverfahren aneinander montierten Bilder bietet keinen Halt in einer Zentralperspektive. Die bodenlose Trauer Orfeos überblendet alles, lässt keine Distanz zu. Diese Überwältigung leisten Simon, Ziegler, das junge Ensemble und Christophs Sperings Neues Orchester gemeinsam.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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