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Neue Westfälische


Freitag, 10. Oktober 2003


Die Wuppertaler Oper feiert ein Orpheus-Festival


Den mythischen Sänger im Fokus

Von MICHAEL BEUGHOLD

Wuppertal. Kein Stoff wurde in der 400-jährigen Gattungsgeschichte so oft und vielfältig, von Caccini bis derzeit Wolfgang Rihm, veropert wie die Orpheus-Sage. Der Mythos vom Sänger, der durch seine Kunst sogar den Tod überwindet, aber dennoch an den Bedingungen scheitert, ist das A und O, die Grundlage, Essenz und Vision von Oper schlechthin.

Die Wuppertaler Bühnen machen sich daraus ein „Orpheus-Fest“, spielen bis Ende November exklusiv vier verschiedene Vertonungen. Das ist in schwieriger Zeit, wo das Haus an den Folgen einer wieder geschiedenen Theaterehe laboriert und dem Barmer Musentempel eine vierjährige Sanierung bevorsteht, wahrlich ein Coup auch der künstlerischen Selbstvergewisserung.

Jenseits der Repertoire-Hits von Monteverdi und Gluck stehen neben der Offenbachschen Operetten-Parodie und Haydns Version in der bildmagischen Schwetzinger Festspielproduktion Achim Freyers zwei Raritäten zur Ausgrabung an. Sowohl das 1792 entstandene Melodram des Russen J. I. Fomin (an 31. Oktober im Schauspielhaus) als auch der Auftakt mit Luigi Rossis „Orfeo“ von 1647 sind musikhistorisch hochinteressant.

Was kann uns dies vielstündige Frühbarock-Spektakel über Macht und Ohnmacht des Künstlers, Verlust und Versagen heute sagen? Erst mal gehörig auslichten, gibt die Dramaturgie vor und schneidet alle Zeitgeschmack-Ranken aus Götterhändeln, Komik und Tanzeinlagen weg. Heranzoomen, meint der namhafte Videokünstler Christian Ziegler und liefert morphing-verfließende Standbilder aus der Schwebebahn-Stadt, ihrem Opernhaus, der Notfallambulanz nebst OP als Szene.

Eurydike stirbt nicht mehr am Schlangenbiss, sondern geht durch vorsätzlichen Autounfall „über die Wupper“. Ansonsten dumm rumstehen, verordnet der Theatermann Michael Simon und verspielt auf völlig leerer Bühne vor halbleerem Saal seinen Ruf. Seine Ölgötzenregie trägt nicht einmal den andert-halbstündigen Kern, der bei Rossi eine Dreiecksgeschichte ist: Der noch aus dem Totenreich von Eurydike abgewiesene Nebenbuhler Aristäos (glutvoll: Stefanie Schaefer) leidet fast mehr als Gatte Orpheus (gefühlvoll: Tina Hörhold) und endet in Wahnsinn und Selbstmord.

Das kann sich in der barockmusikalisch gelungenen Umsetzung durch ein gut geschultes Ensemble und die Alte-Musik-Experten Christoph Spering und „Das Neue Orchester“ ansprechend hören lassen. Und szenisch hat die „Ikone der verwirkten Chance“ in Fomins „Orpheus“ eine zweite Chance.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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