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Orfeo 


Tragicomedia per musica
Text von Francesco Buti
Musik von Luigi Rossi (1598 - 1653)

Fassung für die Wuppertaler Bühnen von Christian Baier 
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln


Premiere im Operhaus Wuppertal am 4. Oktober 2003

Sterben in vollendeter Schönheit 

Von Gerhard Menzel und Stefan Schmöe / Fotos von Milena Holler 


Vielleicht soll es Symbolcharakter haben: Mit einem „Orpheus-Fest“ verabschiedet sich die Stadt Wuppertal fürs Erste von ihrem Opernhaus, das wegen einer anstehenden Komplettsanierung für einige Jahre geschlossen werden muss - als wolle man mit der Figur des antiken Sängers, der die Wächter der Unterwelt mit seinem Gesang erweichen konnte, die Geister der Lokalpolitik gnädig stimmen. Mancher Wuppertaler Ratsherr nämlich liebäugelt mehr oder weniger offen mit einer Konzentration des Wuppertaler 3-Sparten-Theaters auf eine Spielstätte (ein Gutachten, das die Effizienz dieses Plans belegen sollte, hat sich aber pikanterweise für eine Beibehaltung von Opern- und Schauspielhaus ausgesprochen); unvorhergesehene Kostensteigerungen, wie es sie eigentlich immer und überall gibt, könnten da eine unliebsame Dynamik hervorrufen. In dieser Phase der Ungewissheit und angesichts eines ohnehin schon spärlichen Opernpublikums, dass dem Opernensemble in ein paar Wochen einige Kilometer wupperabwärts in das Schauspielhaus folgen soll, gehört schon einiger Mut dazu, als letzte Premiere im Opernhaus eine völlig unbekannte Barockoper auf das Programm zu setzen: Orfeo von Luigi Rossi, komponiert 1647. Operndirektor Klaus-Peter Kehr bleibt mit feinem Gespür für die Möglichkeiten des hauseigenen Ensembles seiner Linie treu und setzt auf „Ausgrabungen“ – mit Erfolg. In dieser Nische weit jenseits von Wagner und Verdi gelingt den Wuppertaler Bühnen einmal mehr eine bemerkenswerte Produktion.
Hochzeitsparty vor Videowand: Im Hintergrund erahnt man hier die Wuppertaler Schwebebahn ... 

Rossis Oper stellt den Konflikt zwischen Orpheus, dem Gatten Eurydikes, und seinem Nebenbuhler Aristeus in das Zentrum seiner Oper. In Wuppertal sind diese beiden Partien exzellent besetzt: Tina Hörhold singt mit warmer, tragfähiger Stimme einen ungemein intensiven Orpheus von bestechendem Wohlklang. Kaum minder überzeugend Stefanie Schaefer als Aristeus, auch sie mit glasklarer, dem Charakter der Musik ideal entsprechender Stimme. Sungmi Kim als Eurydike verharrt da mehr im Soubrettenton, nicht ganz auf der Höhe der beiden anderen Sängerinnen, aber immerhin gut passend zur Anlage der Rolle. Das restliche Ensemble, dramaturgisch in der drastisch gekürzten Fassung, die hier gespielt wird, nicht mehr als Beiwerk, rundet mit ordentlichen Leistungen den blendenden musikalischen Eindruck ab: Passend zum Orpheus-Thema darf der Gesang ganz im Mittelpunkt stehen.

... und hier viel Lokalprominenz, gefilmt im Foyer des Wuppertaler Opernhauses. 

Regisseur Michael Simon verzichtet auf fast jede Bühnenaktion; im schwarz ausgeschlagenen Raum reduziert er das Spiel auf wenige Gesten. Wortlandschaften wie das Wörtchen ICH in überdimensionalen Buchstaben sind fast so etwas wie sein Markenzeichen (etwa in Beat Furrers Narcissus in Bonn) – in dieser Inszenierung allerdings ziemlich überflüssig. Der eigentliche Clou, neben dem alles weitere Bühnengeschehen verblasst, ist eine riesige Videoprojektion auf die Bühnenrückwand, die eine Art bewegliches Bühnenbild liefert. In diesem Video (Christian Ziegler) sieht man als Parallelhandlung die Sänger in einer Wuppertaler Gegenwartsgeschichte: Die Hochzeitsfeier (mit Lokalprominenz im Foyer des Opernhauses verfilmt), einen Autounfall Eurydikes, unterirdische Gänge im Krankenhaus. Dabei laufen die Bilder in unendlicher Langsamkeit und irrealen Überblendungen ab, was ihnen jeden dokumentarischen Charakter nimmt. Verknüpft sind Film- und Bühnenhandlung auch dadurch, dass das Opernhaus in den Videosequenzen immer wieder zu sehen ist und auch Ort des tragischen Finales wird. Nur in ganz wenigen Momenten entsteht der Eindruck von Banalität; ganz überwiegend erzielen Simon und Ziegler trotz des vermeintlichen Realitätsbezugs eine schwebende, mythische Atmosphäre.
Verdoppelte Präsenz: Euridice. 

Durch die Kürzungen wird die Handlung auf die Dreiecksbeziehung Orpheus – Eurydike –Aristeus reduziert: Eine universal gültige Geschichte von erwiderter und unerwiderter Liebe, Schmerz und Verlust (der zweite Handlungsstrang, der Streit der Götter, die zwischen Erde und Unterwelt einen Stellvertreterkrieg führen, ist weitgehend eliminiert). Gerade hierdurch wird der Musik die zentrale Rolle eingeräumt, denn zu den Bildern, die ihre ganz eigene Zeit zu haben scheinen (ein reales Zeitmaß ist nicht mehr vorhanden), wird der Gesang zum zeitlosen Träger des Gefühls, das Bild des verunglückenden Mädchens zur universellen Chiffre für Tod als visueller Kontrapunkt zu den betörenden Klageliedern der Sänger. Konsequent ist unter diesem Aspekt der weitgehende Verzicht auf Rezitative – an einer musikwissenschaftlich „korrekten“ Aufführung ist dem Produktionsteam nichts gelegen. Vielmehr wird die Oper, die durch ihre typenhaften, wenig individualisierten Charaktere eben diese Vergrößerung auf typisierte, archetypische Gefühlswelten zulässt, mit Blick auf ihre „schönen Stellen“ geplündert. Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen durch das beeindruckende künstlerische Ergebnis.

Klagegesänge in vollendeter Schönheit: Orfeo und Euridice 

Aufführungspraktische Sorgfalt waltet immerhin im instrumentalen Part, der nicht dem Wuppertaler Sinfonieorchester, sondern dem als Gastdirigenten verpflichteten Barock-Spezialisten Christoph Spering und seinem Ensemble „Das Neue Orchester“ anvertraut ist. Mit großem Farbreichtum, vor allem in den abgedunkelten, fein schattierten Trauermusiken, warten die Musiker auf, können aber auch furios zur Attacke blasen. Lebendigkeit und Ausdrucksfähigkeit sind Spering letztendlich wichtiger als museale Dogmatik. Musikalisch wie szenisch ist dieser Orfeo die bislang stärkste Produktion des Wuppertaler „Orpheus“-Festes, in dessen Rahmen Offenbachs Orpheus in der Unterwelt und Haydns L'anima del filosofo, beide nur halb geglückt, wiederaufgenomen werden (eine weitere Orpheus-Oper von … wird noch folgen). Das größte Manko ist hausgemacht: Gerade neben dieser Aufführung sähe man gerne Pina Bauschs geniale Tanz-Fassung von Glucks Orpheus – doch ihr Tanztheater in das Orpheus-Fest einzubinden ist den Wuppertaler Bühnen nicht gelungen.

 

FAZIT

Grandiose Bilder zu einer musikalisch hervorragenden Produktion.

© 2003 - Online Musik Magazin
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E-Mail: oper@omm.de


Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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