Orfeo
Fassung für die
Wuppertaler Bühnen von Christian Baier
In italienischer
Sprache mit deutschen Übertiteln
Premiere im Operhaus
Wuppertal am 4. Oktober 2003
Sterben in vollendeter Schönheit
Von Gerhard Menzel und Stefan Schmöe / Fotos von Milena Holler
Vielleicht soll es Symbolcharakter
haben: Mit einem „Orpheus-Fest“ verabschiedet sich die Stadt Wuppertal
fürs Erste von ihrem Opernhaus, das wegen einer anstehenden Komplettsanierung
für einige Jahre geschlossen werden muss - als wolle man mit der Figur
des antiken Sängers, der die Wächter der Unterwelt mit seinem
Gesang erweichen konnte, die Geister der Lokalpolitik gnädig stimmen.
Mancher Wuppertaler Ratsherr nämlich liebäugelt mehr oder weniger
offen mit einer Konzentration des Wuppertaler 3-Sparten-Theaters auf eine
Spielstätte (ein Gutachten, das die Effizienz dieses Plans belegen
sollte, hat sich aber pikanterweise für eine Beibehaltung von Opern-
und Schauspielhaus ausgesprochen); unvorhergesehene Kostensteigerungen,
wie es sie eigentlich immer und überall gibt, könnten da eine
unliebsame Dynamik hervorrufen. In dieser Phase der Ungewissheit und angesichts
eines ohnehin schon spärlichen Opernpublikums, dass dem Opernensemble
in ein paar Wochen einige Kilometer wupperabwärts in das Schauspielhaus
folgen soll, gehört schon einiger Mut dazu, als letzte Premiere im
Opernhaus eine völlig unbekannte Barockoper auf das Programm zu setzen:
Orfeo von Luigi Rossi, komponiert 1647. Operndirektor Klaus-Peter
Kehr bleibt mit feinem Gespür für die Möglichkeiten des
hauseigenen Ensembles seiner Linie treu und setzt auf „Ausgrabungen“ –
mit Erfolg. In dieser Nische weit jenseits von Wagner und Verdi gelingt
den Wuppertaler Bühnen einmal mehr eine bemerkenswerte Produktion.
Hochzeitsparty
vor Videowand: Im Hintergrund erahnt man hier die Wuppertaler Schwebebahn
...
Rossis Oper stellt den
Konflikt zwischen Orpheus, dem Gatten Eurydikes, und seinem Nebenbuhler
Aristeus in das Zentrum seiner Oper. In Wuppertal sind diese beiden Partien
exzellent besetzt: Tina Hörhold singt mit warmer, tragfähiger
Stimme einen ungemein intensiven Orpheus von bestechendem Wohlklang. Kaum
minder überzeugend Stefanie Schaefer als Aristeus, auch sie mit glasklarer,
dem Charakter der Musik ideal entsprechender Stimme. Sungmi Kim als
Eurydike verharrt da mehr im Soubrettenton, nicht ganz auf der Höhe
der beiden anderen Sängerinnen, aber immerhin gut passend zur Anlage
der Rolle. Das restliche Ensemble, dramaturgisch in der drastisch gekürzten
Fassung, die hier gespielt wird, nicht mehr als Beiwerk, rundet mit ordentlichen
Leistungen den blendenden musikalischen Eindruck ab: Passend zum Orpheus-Thema
darf der Gesang ganz im Mittelpunkt stehen.
Regisseur Michael Simon
verzichtet auf fast jede Bühnenaktion; im schwarz ausgeschlagenen
Raum reduziert er das Spiel auf wenige Gesten. Wortlandschaften wie das
Wörtchen ICH in überdimensionalen Buchstaben sind fast so etwas
wie sein Markenzeichen (etwa in Beat Furrers
Narcissus
in Bonn) – in dieser Inszenierung allerdings ziemlich überflüssig.
Der eigentliche Clou, neben dem alles weitere Bühnengeschehen verblasst,
ist eine riesige Videoprojektion auf die Bühnenrückwand, die
eine Art bewegliches Bühnenbild liefert. In diesem Video (Christian
Ziegler) sieht man als Parallelhandlung die Sänger in einer Wuppertaler
Gegenwartsgeschichte: Die Hochzeitsfeier (mit Lokalprominenz im Foyer des
Opernhauses verfilmt), einen Autounfall Eurydikes, unterirdische Gänge
im Krankenhaus. Dabei laufen die Bilder in unendlicher Langsamkeit und
irrealen Überblendungen ab, was ihnen jeden dokumentarischen Charakter
nimmt. Verknüpft sind Film- und Bühnenhandlung auch dadurch,
dass das Opernhaus in den Videosequenzen immer wieder zu sehen ist und
auch Ort des tragischen Finales wird. Nur in ganz wenigen Momenten entsteht
der Eindruck von Banalität; ganz überwiegend erzielen Simon und
Ziegler trotz des vermeintlichen Realitätsbezugs eine schwebende,
mythische Atmosphäre.
Verdoppelte
Präsenz: Euridice.
Durch die Kürzungen
wird die Handlung auf die Dreiecksbeziehung Orpheus – Eurydike –Aristeus
reduziert: Eine universal gültige Geschichte von erwiderter und unerwiderter
Liebe, Schmerz und Verlust (der zweite Handlungsstrang, der Streit der
Götter, die zwischen Erde und Unterwelt einen Stellvertreterkrieg
führen, ist weitgehend eliminiert). Gerade hierdurch wird der Musik
die zentrale Rolle eingeräumt, denn zu den Bildern, die ihre ganz
eigene Zeit zu haben scheinen (ein reales Zeitmaß ist nicht mehr
vorhanden), wird der Gesang zum zeitlosen Träger des Gefühls,
das Bild des verunglückenden Mädchens zur universellen Chiffre
für Tod als visueller Kontrapunkt zu den betörenden Klageliedern
der Sänger. Konsequent ist unter diesem Aspekt der weitgehende Verzicht
auf Rezitative – an einer musikwissenschaftlich „korrekten“ Aufführung
ist dem Produktionsteam nichts gelegen. Vielmehr wird die Oper, die durch
ihre typenhaften, wenig individualisierten Charaktere eben diese Vergrößerung
auf typisierte, archetypische Gefühlswelten zulässt, mit Blick
auf ihre „schönen Stellen“ geplündert. Gerechtfertigt wird dieses
Vorgehen durch das beeindruckende künstlerische Ergebnis.
Aufführungspraktische
Sorgfalt waltet immerhin im instrumentalen Part, der nicht dem Wuppertaler
Sinfonieorchester, sondern dem als Gastdirigenten verpflichteten Barock-Spezialisten
Christoph Spering und seinem Ensemble „Das Neue Orchester“ anvertraut ist.
Mit großem Farbreichtum, vor allem in den abgedunkelten, fein schattierten
Trauermusiken, warten die Musiker auf, können aber auch furios zur
Attacke blasen. Lebendigkeit und Ausdrucksfähigkeit sind Spering letztendlich
wichtiger als museale Dogmatik. Musikalisch wie szenisch ist dieser Orfeo
die bislang stärkste Produktion des Wuppertaler „Orpheus“-Festes,
in dessen Rahmen Offenbachs Orpheus
in der Unterwelt und Haydns L'anima
del filosofo, beide nur halb geglückt, wiederaufgenomen werden
(eine weitere Orpheus-Oper von … wird noch folgen). Das größte
Manko ist hausgemacht: Gerade neben dieser Aufführung sähe man
gerne Pina Bauschs geniale Tanz-Fassung von Glucks Orpheus – doch ihr Tanztheater
in das Orpheus-Fest einzubinden ist den Wuppertaler Bühnen nicht gelungen.
FAZIT
Grandiose Bilder zu einer
musikalisch hervorragenden Produktion.