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Süddeutsche Zeitung

Donnerstag, 9. Oktober 2003
Der Tod sitzt auf der Rückbank

Die Wuppertaler Oper eröffnet die Spielzeit mit der lyrischen Barock-Oper „Orfeo“ von Luigi Rossi

Von SVENJA KLAUCKE

Aus Verlusten Gewinne machen – wie das geht, zeigt zum Saisonauftakt das Wuppertaler Opernhaus. Diesem fehlen nicht nur bereits die Tapeten, da die Oper demnächst wegen Renovierung in ein Notquartier umzieht, es schwindet auch das Publikum seit der gescheiterten Fusion mit Gelsenkirchen. Nicht ohne Ironie widmet man jetzt dem berühmtesten Verlierer, dem mythischen Sänger Orpheus, dem oft vertonten Sinnbild für die Macht der Kunst und die Ohnmacht des Künstlers, einen ,,Orpheus-Zyklus“. Den Beginn machte die selten aufgeführte Barockoper „Orfeo“ von Luigi Rossi, folgen wird ihr eine noch größere Rarität, der ,,Orfej“ des unbekannten russischen Komponisten Jewstignej Fomin von 1791.

Luigi Rossis Komponisten-Ruhm gründet sich auf seine Kantaten. Geboren 1598 in Apulien, vorzüglich ausgebildet in Neapel, wirkte er zunächst an Fürstenhöfen als Cembalist, Harfinist und Organist. Seine erste Oper, „Il palazzo incantato“, entstand 1641 in Rom in Diensten des Musiktheater-Förderers Kardinal Barberini. Dessen Freund Kardinal Mazarin wollte die italienische Oper am französischen Hof einführen. Darum holte er Rossi nach Paris, wo er seinen ,,Orfeo“ schrieb; 1647 wurde er dort uraufgeführt – mit ungeheurem Erfolg, auch wegen einer exorbitant verschwenderischen Ausstattung

Ganz im Gegensatz dazu präsentierte man das Werk in Wuppertal reduziert. Die dreieinhalb Stunden dauernde Tragicomedia – 1991 von William Christie auf CD eingespielt – wurde um die Hälfte gekürzt; nicht unüblich bei den wenigen Inszenierungen seit der Wiederaufführung 1982 in Mailand. Gestrichen sind die komischen Szenen mit den allzu bekannten Götter-Raufereien; man konzentriert sich auf die Dreiecksgeschichte um Orpheus, Eurydike und den von ihr verschmähten, im Wahnsinn endenden Aristäos, den Librettist Francesco Buti dazuerfand. Diese Striche nehmen der ohnehin weniger dramatischen als lyrischen Komposition einiges an Lebhaftigkeit, an Kontrasten und spezifischer Farbigkeit. Dafür bietet der Kölner Dirigent Christoph Spering, ein Spezialist für Alte Musik, der zuletzt grandios Monteverdis ,,Orfeo“ in Düsseldorf dirigierte, eine lebendige Besetzung seines Orchesters. Er gibt dem Ganzen exotische Töne mit und Balkan-Färbung, indem er etwa eine Zymbal mit ins Generalbass-Fundament holt – eine Reminiszenz an Orpheus’ Thrakien.

Zunächst lässt Spering mit reichlicher Dezenz und würdevollem Gestus musizieren, lässt die Partitur wie eine behutsam im Licht hin- und her gewendete, filigrane Preziose zart funkeln, woran sich dann, jenseits von rhetorischem Purismus, zunehmend Spielleidenschaft entzündet, die eine unmittelbare Wirkung und einen erstaunlichen Zauber freilegt. Im Wuppertaler Sänger-Ensemble gelingt es durchgehend nur Tina Hörhold als Orfeo, die Emotionsräume der Partitur auszufüllen. Ansonsten fehlen der versierten, aber verhaltenen Gestaltung des typischen Deklamationstils expressive Schärfungen und Bitternis. Die Neigung zur Einheits-Tristesse verstärkt Regisseur Michel Simon, der die Darsteller stocksteif in einem schwarzen Leerraum abstellt, in biederer Konfirmations-Kluft und in Familienalbum-Posen.

Mehr erzählen die Bildprojektionen des Videokünstlers Christian Ziegler. Auf den Fotos, mittels Morphing wunderlich bewegt, wird der Fluss Styx zur Wupper unter der Schwebebahn, die Hochzeitsgäste sind Wuppertaler Bürger im Opernfoyer, und Venus, die intrigante Helferin des Aristäos, sitzt als Society-Lady ausgerechnet im Dienstwagen des Intendanten. Eurydike rafft hier kein Schlangenbiss hinweg, sondern es überrollt sie der Opel „Blitz“ der Niederträchtigen. Diese Ästhetik aus Foto-Roman und Hyperrealismus paart sich delikat mit der Barockmusik. Da darf der Gang in die Totenwelt ruhig in die Notaufnahme der Zentral-Klinik führen – solange eine Oper, die solch reizvolle Werk-Erprobungen unternimmt, nicht selbst dort endet.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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