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Montag, 06. Oktober 2003
         In diesem Land der Schatten

Von Torsten Enge
 
 
Die Wuppertaler Oper entzündet zum Auftakt der Spielzeit mit dem kostbaren "Orfeo" von Luigi Rossi ein Glanzlicht, delikat auch für Freunde Alter Musik.

Wuppertal. Als letzte Premiere im eigenen Haus, bevor die Wuppertaler Oper renoviert wird und als Gast ins Schauspielhaus einzieht, hat sie eine Kostbarkeit ausgegraben und mit exquisiten Mitteln auf die Bühne gebracht: den "Orfeo" des Luigi Rossi. Als Zeitgenosse Monteverdis schrieb er sein Meisterwerk am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1646 für Paris. Aus dem vierstündigen Original hat Christian Baier etwa die Hälfte des Materials zu einer spielbaren Fassung zusammengestellt, die sich auf den irdischen Teil der Handlung konzentriert. 

Als wesentlichste Neuerung führt Rossi die Figur des Aristeo (Stefanie Schaefer) ein. Er ist ein Sohn des Bacchus, unsterblich in Euridice (Sungmi Kim) verliebt. Er setzt alle nur denkbaren Hebel in Bewegung, um deren Vermählung mit Orfeo (Tina Hörhold) zu verhindern. Sogar die Göttin Venus (Martina Ramin) ruft er zu Hilfe. In Gestalt einer alten Frau (Edgardo Zayas) versucht sie, Euridice zu einer Trennung von ihrem Gatten zu nötigen. Vergeblich. Ein giftiger Schlangenbiss entführt die heiß Umworbene in die Unterwelt. Aristeo verfällt dem Wahnsinn. Orfeo gelingt es zwar, in das Schattenreich Plutos (Andreas Heichlinger) einzudringen, doch die Befreiung Euridices scheitert; er verliert sie ein zweites Mal. 

Kritische Szene: Aristeo, von Stefanie Schäfer dargestellt (Kniend), wirbt flehentlich um Euridice (Sungmi Kim).(Foto: Andreas Fischer) 

Bemerkenswert an diesem Libretto ist die existenzielle Not der Protagonisten. Ein dauerhaftes Glück ist für keinen von ihnen vorstellbar, zu hart sind die Zeiten, zu willkürlich das Intrigenspiel der Mächtigen. Um dem drückenden Schicksal Gestalt zu verleihen, hat Regisseur Michael Simon den Videokünstler Christian Ziegler eingeladen. Er entrückt den Bühnenraum mit einer computergesteuerten Animation in ganz bizarre Welten. Die Technik des Morphing blendet Hunderte von Fotos so übereinander, dass die Helden der Oper in reale Räume entführt werden und sich dort, wie von magischer Hand gesteuert, bewegen.

Da sind Wuppertaler Straßenzüge, die Schwebebahn, das Theaterfoyer, ein Wagen, der Euridice überfährt, und das Krankenhaus, in dem sie stirbt, greifbar präsent. Die brillanten Einblendungen gehen indes völlig auf Kosten der Bühnenhandlung. Eine Personenregie wird da überflüssig; wie in einer konzertanten Aufführung stehen die Sänger im Raum andere, virtuelle Wesen bewegen sich hier. Mobile Wortwände beamen die Handelnden ins Bild oder lassen sie wieder entschwinden. Die psychologisch diffizilen Handlungsabläufe werden spielerisch daher nicht motiviert. Nur die effektvolle Lichtregie Karl Ulrich Fejas bestärkt die Dramatik.

Christian Baier hatte die Götterszenen, Motor der barocken Oper, gestrichen. Ziegler setzt die heutigen Götter an ihre Stelle. Die moderne Technik mit Film, Video und Computer reduziert die Menschen auf konsumierende Statisten. Virtuelle Emotionen werden zu den eigentlichen erklärt. Der medial aufgearbeitete Schein wird zur Falle, dem das Theater, und das heißt hier: wir selber nichts Substanzielles entgegen zu setzen vermögen.

Mit Christian Spering und dem Neuen Orchester gewinnt die Aufführung historisch authentische Dimensionen. Da sind Zinken, Dulzian, Lirone, Theorben, Psalterium und das furchterregende Regal zu hören. Ein Ohrenschmaus für verwöhnte Freunde Alter Musik. Der Orchestergraben war weit nach oben gefahren leider noch nicht weit genug. Der feine Klang dieser Instrumente verträgt keine Brechung. Sie wären besser auf der von Aktion ohnehin freien Bühne platziert.

Die Sänger begeistern das Publikum durch den jugendlichen Klang ihrer unverbrauchten Stimmen. Leider beherrscht keiner von ihnen die speziellen Gesangstechniken für barocke Musik perfekt, was eine andere Dynamik, Verzierungskunst, ein Beben und Tremolieren erzielt. Aber auch so war der Jubel am Premierenabend groß. Zurecht tosender Applaus für ein bemerkenswertes Projekt.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Aristeo

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