Darmstädter Echo
Montag, 24. September 2007
Familie auf dem Präsentierteller
Musiktheater: John Dew inszeniert Claude Debussys Oper Pelléas et Mélisande im Staatstheater Darmstadt
Von Heinz Zietsch
DARMSTADT. Wenn am Ende Golaud wie vor einem Abgrund am Rand der großen Schale sitzt, die auf der Bühne
als Spielfläche dient, dann findet er wohl nicht mehr zu seiner Familie zurück, auch wenn ihn sein
Großvater Arkel mitleidig auffordert, sich wieder einzugliedern. Durch sein Verhalten, am Tod von
Pelléas und Mélisande schuldig geworden zu sein, hat sich Golaud selbst hinausbefördert. So jedenfalls
sieht es John Dew in seiner Inszenierung von Claude Debussys einzig vollendeter Oper Pelléas et
Mélisande, die am vergangenen Samstag im Staatstheater Darmstadt Premiere hatte. Das Publikum im
Großen Haus reagierte aber eher verhalten-beifällig auf die Regiearbeit des Darmstädter Intendanten,
die vor sechs Jahren bereits in Leipzig und Göteborg zu sehen gewesen war. Dew nahm’s mit bitterer
Miene hin. Während überwiegend die Sänger und der Dirigent der mit Pause dreieinviertel Stunden
dauernden Aufführung, Martin Lukas Meister, mit begeistertem Beifall bedacht wurden.
Zweifellos, Meister hat die meisten Meriten mit seiner Einstudierung verdient. Er geht die Oper eher
langsam und behutsam an, nimmt sich Zeit für die feinen Verästelungen und Verwandlungen der Musik, um
dann um so mehr die dramatischen Zuspitzungen herauszuarbeiten. Das ebnet die enorme Transparenz der
Instrumentation und schafft dem brillant aufspielenden Orchester einen weit gefächerten und spannend
gespannten Klangraum, als sei das Orchester selbst schon eine eigenständige handlungstragende Figur.
Das ist vom Komponisten auch so angelegt, um augenblicklich Atmosphäre zu schaffen, die sich, je nach
Sachlage des Geschehens, ständig verändert. Derart ausgehört und ausbalanciert hat man dieses Werk
wohl selten vernommen. Und es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man Meister andernorts
als Generalmusikdirektor wiederfindet. Jedenfalls hat Darmstadt mit diesem Dirigenten einen
außerordentlich guten Fang gemacht. Vor allem korrespondiert Meisters Dirigat bestens mit Dews Regie,
die auf die Verwandlung der Charaktere der handelnden Personen setzt. So wie die Lichtregie die Bühne
in unterschiedliche Farben taucht, so schillernd sind die Klangfarben des Orchesters. Verblüffend die
Ähnlichkeit der Brunnenszene mit dem Beginn der Oper, wenn Golaud mit Pelléas unter den Tisch kriecht
und ängstlich lauert und kauert. Golaud hat sich nämlich zu Beginn des auf Französisch gesungenen
Dramas, das während der Aufführung mit deutscher Übertitelung versehen wird, im Wald verirrt und
findet dabei die weinende Mélisande, die in dem weißen Schleppen-Kleid, ausstaffiert vom Kostümbildner
José-Manuel Vázquez, wie eine geheimnisvolle Nymphe aussieht. Golaud kehrt mit Mélisande, die er
inzwischen geheiratet hat, nach Hause. Dort knüpft Golauds Bruder Pelléas zarte Bande zu ihr, was
Golauds Eifersucht weckt, der dann in einem Anfall von Wahn seine Gemahlin grob behandelt und seinen
Bruder erwürgt. Mélisande stirbt nach der Geburt ihrer Tochter eher durch die ihr zugefügte seelische
Pein als im Kindbettfieber. Dew zeichnet Szenen einer Familie nach und aktualisiert damit das Stück.
Wenn zu Mélisandes Tod die Dienerinnen wie Schatten in einem hell erleuchteten Hintergrundstreifen
erscheinen, so erinnert das an die Erinnyen des antiken griechischen Theaters. Das Bühnenbild von
Roland Aeschlimann verstärkt die familiäre Sicht, indem eine Art weit geschwungene Schale (oder ist
es ein Schiffsdeck?) als Spielfläche dient und die Personen der Handlung wie auf einem Präsentierteller
agieren lässt, auf dem sich ein Tisch mit Stühlen befindet.
Drumherum ist Wasser. Denn Arkels Schloss Allemonde liegt am Meer, auf das die Musik immer wieder
anspielt, sobald davon die Rede ist. Sie reicht dabei recht nahe an Debussys später komponiertes
Orchesterstück La Mer heran. Da braut sich was im Meer zusammen, das Symbol für die Seele der
Menschen wird. Dew macht solches deutlich, sobald Golaud argwöhnisch Pelléas und Mélisande beobachtet.
So rückt die Inszenierung Golaud fast in den Mittelpunkt des Geschehens. Schließlich besitzt Oliver
Zwarg einen markanten Bariton, tarierte seine Stimme fein aus und machte die Verwandlung Golauds vom
mitfühlenden Menschen zum machohaften dominanten Ehemann deutlich, den die Eifersucht fast wahnsinnig
werden lässt. Während Dimitry Ivashchenko, raffiniert von der Maskenbildnerei ausstaffiert, mit seinem
imponierenden wie fein nuancierenden Bass die Klugheit und Gelassenheit eines weisen alten Mannes
durchscheinen ließ. Dem Drame lyrique, wie Debussy seine Oper nach dem gleichnamigen Stück von
Maurice Maeterlinck genannt hat, erwies Carine Séchehaye mit ihrer glänzend ausbalancierten wie
verlässlichen lyrischen Sopranstimme alle Ehre. Geschickt pendelte sie zwischen den Schattierungen
von Kindfrau zu reifer Frau hin und her. Sven Ehrke gab den Pelléas gewiss engagiert und versah
seinen Part mit jeder nur erdenklichen Mühe, was man seiner angestrengt wirkenden Stimme auch anhörte.
Doch das Publikum buhte seine Leistung aus. Einige mochten ihren Unmut gezielt an ihm ausgelassen
haben, was immer unschön ist, während andere Premierenbesucher seine Leistung eher als bedauerliche
Fehlbesetzung abtaten. Gut in das Ensemble führten sich die beiden neu engagierten Sängerinnen ein:
Stefanie Schaefer mit gefälligem Mezzosopran als Geneviève und die quirlige Aki Hashimoto mit sicherer
und präsenter Stimme als Yniold, Golauds Sohn aus erster Ehe. Etwas undankbar die eher blasse Partie
des Arztes von Hans-Joachim Porcher.
Ein großer Wurf ist John Dew mit dieser Inszenierung gelungen und dürfte zu den wohl faszinierendsten
Regiearbeiten des Darmstädter Intendanten gehören. Schließlich passen die feinen Stilisierungen, die
Dew und seine Ausstatter mitsamt einer ausgeklügelten Lichtregie vollbringen, in die lange Linie bester
Darmstädter Musiktheater-Tradition.
Heinz Zietsch
24.9.2007