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Der Neue Merker
Montag, 5. Mai 2008
von: LUDWIG STEINBACH
Gesellschaftsdrama im Käfig
DARMSTADT: "RIGOLETTO", 4. 5. 2008
DARMSTADT: "RIGOLETTO", 4. 5. 2008, Gesellschaftsdrama im Käfig -
Das war ein rundum gelungener Opernabend, die Premiere von Verdis "Rigoletto" am Staatstheater Darmstadt. Musikalisch bewegte sich
die Aufführung auf hohem Niveau und auch mit der Inszenierung konnte man sehr zufrieden sein. Es spricht für sich, dass sich
Regisseur PHILIPP KOCHHEIM und Bühnenbildner THOMAS GRUBER beim Schlussapplaus mit keinerlei Missfallenskundgebungen konfrontiert
sahen. Mit einfachen Mitteln ist ihnen großes Theater gelungen. Sie machen aus Verdis Werk kein Ausstattungsstück, sondern
erzählen das tragische Geschehen in einem einfachen, ansprechenden Rahmen unverfremdet mit psychologischem Tiefgang. Das bekommt
dem Stück gut. Kochheim versteht den "Rigoletto" als Gesellschaftsdrama. Ausgangspunkt ist für ihn die Überlegung, dass
sämtliche Protagonisten des Stücks Gefangene ihrer gesellschaftlichen Stellung sind (vgl. Programmheft). Das wird durch den
riesigen Käfig, den ihm Thomas Gruber auf die Bühne gestellt hat, trefflich versinnbildlicht. Mittels der Drehbühne kann dieser
Käfig in die verschiedensten Stellungen gebracht werden: Er stellt mit leichten Variationen den herzoglichen Palais, Rigolettos
und Gildas auf einer erhöhten Spielfläche liegendes Heim sowie das Wirtshaus dar. Die ästhetisch anmutenden, gefälligen Kostüme
von BERNHARD HÜLFENHAUS verweisen in die Entstehungszeit des Werkes. Die Personenregie ist unaufdringlich, indes recht einfühlsam.
Auf die Führung und Charakterisierung von Personen versteht sich der Regisseur gut. Die Titelfigur ist bei ihm kein buckliger,
hässlicher alter Narr, sondern ein gut gestalteter, noch recht junger Höfling. Nicht etwa Missgestaltung macht Rigoletto zum
Außenseiter, sondern seine Komplexbeladenheit. In Gilda will er sich einen Engel erziehen, der indes zu einem verzweifelten
Kaspar Hauser mutiert (vgl. Programmheft) und aus der ihm aufoktroyierten Stellung ausbricht. Auch sonst wartet Kochheim mit
so manchem guten Regieeinfall auf. Beeindruckend war das Ende des ersten Aktes, als während der Entführung des Mädchens der
Hintergrund in blutigem Rot erstrahlt. Damit will der Regisseur sagen, dass in dieser Untat der Grund der späteren Bluttat
liegt. Auf die Darstellung des oft peinlich wirkenden Mordes an Gilda verzichtet er. Während Sparafucile sich anschickt, Gilda
zu erstechen, haben Maddalena und der Herzog miteinander Sex. Das wirkte ziemlich krass. Ansprechend war auch die Einbeziehung
des Zuschauerraumes in die Handlung. So begegnen sich Rigoletto und Sparafucile im ersten Akt auf dem den Zuschauern zugewandten
Rand des Orchestergrabens.
MARTIN LUKAS MEISTER brachte mit dem blendend aufgelegen Orchester sämtliche stückimmanenten Leidenschaften an die Oberfläche,
dirigierte feurig und emotional. Was für ein beeindruckender Rigoletto war doch TITO YOU, der zu Recht den größten Applaus bekam.
Wie er mit seinem wunderbaren, sonor und tiefgründig klingenden, dabei phantastisch gestützten und modulationsreichen Bariton
italienischer Schulung die Partie bewältigte, war schon außergewöhnlich. Die fulminanten Höhen machten ihm nicht die geringsten
Schwierigkeiten. Er hat ein sicheres hohes ,g’. Seine Ausdruckspalette ist enorm. Bereits nach seiner fulminant dargebotenen,
großen Arie "Cortigiani" im zweiten Akt gab es zahlreiche Bravorufe. An ihm hätte Verdi seine helle Freude gehabt. Diesem
hervorragenden Sänger, der in der nächsten Saison nach Stuttgart wechselt, steht die ganz große Karriere bevor. Prächtig
entwickelt hat sich der Tenor von HARRIE VAN DER PLAS, der ein stimmlich und darstellerisch prägnantes Portrait des Herzogs
lieferte. Seit ich ihn das letzte Mal gehört habe, ist seine schöne, höhensichere Stimme, die jetzt vorbildlich im Körper
verankert ist, noch kräftiger, runder und tiefgründiger geworden. Auch für ihn gab es verdientermaßen großen Applaus. Mit
weichem, runden Sopran und gut sitzenden Spitzentönen stattete ELEONORE MARGUERRE die Gilda aus. Profundes, volltönendes
Bassmaterial brachte THOMAS MEHNERT für den Sparafucile mit. Mit seiner Leistung hat sich der Sänger nachdrücklich für
größere Aufgaben empfohlen. Mit einem imposanten, gut gestützten, weich und geschmeidig klingenden Mezzosopran wertete
STEFANIE SCHAEFER die kleine Partie der Maddalena auf. Gut gefiel auch der tiefe Alt von ELISABETH HORNUNG als Giovanna.
Zum Problemfall der Aufführung avancierte ANDREAS DAUM, der dem Grafen von Monterone mit seinem flachen und klanglosen Bass so
gar keine Konturen verleihen konnte. Da war überhaupt keine Kompression der Luft unterhalb des Kehlkopfes, die raue Stimme saß
durchweg im Hals. Der Sänger sollte daran arbeiten, seinen Bass in den Körper zu bekommen und gegen das Brustbein zu stützen.
Auch von dem Borsa von JEFFREY TREGANZA wünschte man sich etwas mehr solide Körperstütze. Solide klang WERNER VOLKER MEYER als
Marullo. Imposantes Stimmmaterial brachte ALLISON OAKES in die winzige Rolle der Gräfin Ceprano ein. Als Graf von Ceprano und
Gerichtsdiener blieben WIKTOR CZERNIAWSKI und HANS-JOACHIM PORCHER unauffällig. Mit mehr Stimme, als man es bei dieser Partie
erwartet hätte, stattete HILDEGARD SCHNITZER den Pagen aus.
LUDWIG STEINBACH