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Mittwoch, 6. Oktober 2004
  Ein Qualitätssprung des Orchesters

Toshiyuki Kamioka feiert mit "Rigoletto"

einen glänzenden Einstand

als Operndirigent


Stefan Schmöe

Eine Leiche im Sack, die noch einen ausgiebigen Abschiedsgruß zu singen hat, das ist selbst für eingefleischte Opernliebhaber nicht ganz leicht verdaulich. Verdis "Rigoletto" hat an solch drastischen Momenten einiges zu bieten, aber die oft abstruse Handlung ist die Voraussetzung für radikale musikalische Kontraste, mit denen Verdi in eine neue Opern-Dimension vorstößt.

Wie groß die Bandbreite der unterschiedlichsten Stimmungen in dieser Oper ist, das kann man in der Wuppertaler Neuinszenierung erleben, mit der Toshiyuki Kamioka seinen Einstand als Operndirigent gibt. Der japanische Dirigent übertraf bei der Premiere alle Erwartungen: So gut ist im Tal wohl lange keine Opernpartitur mehr erklungen. Vom lichten Glanz, der Rigolettos Tochter Gilda umgibt, bis zu ihrem gewitterumtosten Tod zeichnet Kamioka alle Schattierungen bis ins Detail sorgfältig nach. Mit jedem noch so kleinen Zwischenspiel reißt er die Initiative an sich und setzt die notwendigen Impulse; gleichzeitig nimmt er das Orchester bis zum Pianissimo zurück, wenn die Sänger den Vortritt haben.
Sein Dirigat ist ungemein beweglich und passt sich flexibel allen Temposchwankungen an, die das Geschehen auf der Bühne mit sich bringt.
Das alles wäre nicht möglich, säße nicht ein blendend disponiertes Orchester im Graben, das ein furioses Gewitter ebenso plastisch zeichnet wie die naive "Um-ta-ta-Begleitung" der herzoglichen Kanzonetten, und das auch bei den leisesten Passagen noch "Biss" zeigt.

In der kurzen Zeit, die Kamioka mit den Musikern gearbeitet hat, ist ein hörbarer Qualitätssprung gelungen, der in der Oper noch deutlicher auffällt als im Konzert.

Bei so viel orchestraler Wucht ist es nicht einmal unpassend, dass die Regie sich vornehm zurückhält. Philippe Arlaud überträgt die bei Verdi plakativ überzeichneten Handlungsszenen in die Ästhetik früher Stummfilme, was durchaus Sinn macht. (...)

Ganz im Gegensatz zu solcher Askese stehen die aufwändigen Kostüme von Esther Geremus und Toni Wiesinger, die aus dem Herzogtum Mantua und seinem Personal kurzerhand einen Operettenstaat à la Offenbach machen. Arlaud erzählt mit einem gehörigen Schuss Ironie die Geschichte nach. (...)

Karoly Szilagyi, als Gast vom Aalto-Theater Essen für die Titelrolle verpflichtet, singt und spielt seine ganze Bühnenerfahrung aus und ist ein stimmgewaltiger Rigoletto, der souverän die Szene beherrscht. Elena Fink muss in die Rolle der Gilda noch hineinwachsen. Mit den leisen Tönen kann sie zaubern und zieht das Publikum insbesondere in ersten Akt mit mädchenhafter Erscheinung, zu der die junge, relativ kleine Stimme bestens passt, in ihren Bann. In den dramatischeren Abschnitten aber klingt die Stimme recht angestrengt (...) Ausgezeichnet besetzt sind die gar nicht so kleinen Nebenrollen mit Christoph Stegemann als jugendlich-frischem Auftragsmörder Sparafucile, Stefanie Schaefer als dessen dunkelklangvolle Schwester Maddalena und Martin Snell als elegant wütendem Grafen Monterone. Sie alle profitieren davon, dass sie exzellent begleitet werden.

Die Stars des Abends sind jedoch Toshiyuki Kamioka und seine Orchestermusiker.



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Katharina Greiß-Müskens
Maddalena

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