wr Logo Westfälische Rundschau
Sonntag, 29. Juni 2003
 Umjubelte "Madame Butterfly"



Wuppertal. Der Dolch blitzt im Futteral des Kimonos. Cio-Cio-San lässt schon im ersten Akt der Puccini-Oper "Madame Butterfly" keinen Zweifel daran, dass sie sich nie wieder als Geisha verdingen will.

Alles tut sie für ihre Liebe zu Pinkerton. Doch während er in Nagasaki stationiert ist, will der amerikanische Marine-Offizier sich vor allem amüsieren. Für ihn ist die kleine Frau mit Blüten in den Haaren ein Schmetterling. Selbst die Heirat mit "Butterfly" ist für den Lebemann nur Zeitvertreib, für die Japanerin indes eine endgültige Entscheidung. Vehement lässt Anouk Nicklisch in ihrer stilechten Inszenierung des Puccini-Klassikers West und Fernost aufeinanderprallen und beschert Wuppertal seit Jahren wieder einen großen Opernabend.

Das Unglaubliche: Nur sechs Mal steht diese "Butterfly", die das Zeug zum Kassenschlager hat, auf dem Programm und verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen. Warum? Das Opernhaus Barmen wird wegen Renovierung fünf Jahre geschlossen. Und das Bühnenbild sprengt angeblich die Dimensionen des Elberfelder Schauspielhauses, in dem die Oper übergangsweise spielen wird.

Die junge Regisseurin, die nach der Premiere ebenso stürmisch gefeiert wurde wie die Sänger inklusive Titelheldin Tatjana Zaharchuk als Gast, hat sich für Teile der Urfassung von 1904 entschieden. Puccini selbst hat wegen lautstarker Ablehnung und Tumults nach der Uraufführung einige Arien und Szenen korrigiert und geglättet. Zurecht setzt Nicklisch auf die dramatische Spannung eben dieser Urfassung, in der Musikstile, Harmonien, Tonarten und Lebensrituale ungefiltert in ständigem Kampf stehen.

Wie unüberwindbar Kulturmauern waren und sind, führt Nicklischs strenge Personenführung und Ritual-Choreographie vor, in stilisierter, atmosphärisch dichter Ausstattung von Nannette Zimmermann. Ein schmuckloses Raum-Dreieck in Schräglage nimmt den Handelnden jede freie Entscheidung.

Tatjana Zaharchuk - eine hervorragende Puccini-Primadonna

Ganz schmal ist das Sprungbrett, das in den Raum hineinragt: Hier balanciert die vom Priester als Verräterin beschimpfte Butterfly ihr Leben zwischen Tradition und Liebe zum Amerikaner aus. Ihren leuchtend gelben Kimono tauscht sie gegen ein dunkles Gewand, färbt sich ihre pechschwarzen Haare rotblond, um sich nicht von ihrem Kind zu unterscheiden.

Gedrehte und verschraubte Armbewegungen von Cio-Cio-San sind japanischem Kabuki-Theater entlehnt, ebenso wie Trippelschritte und Scherenschnitt-Posen. Das alles fügt sich mit der Musik (GMD George Hanson sei Dank) zu einer Einheit, stilsicher und dramatisch bezwingend. Ein vielversprechendes NRW-Debüt war das nicht nur für Anouk Nicklisch, sondern auch für die russische Sängerin Tatjana Zaharchuk. Mit echtem Pathos und ausladendem Spinto-Sopran erfüllt sie alle Erwartungen an eine Puccini-Primadonna. Ebenfalls eine Entdeckung: Pieter Roux als Pinkerton. Der südafrikanische Sänger verfügt über strahlendes Tenor-Metall vom Feinsten, aber auch über lyrische Bögen und gehört zu den Hoffnungsträgern des Wuppertaler Hauses, das endlich wieder eine Reise lohnt.

Termine: 2., 4., 6.,12. Juli. Karten: Tel. 0202/569 4444

Von Michael-Georg Müller
 



Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Suzuki

Zurück
Startseite