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Der Neue Merker
von: Dirk Altnaer
Textgleich erschinen in: Der Opernfreund
LA TRAVIATA in Wuppertal
Violetta hinter den Spiegeln oder das schöne Sterben
Wuppertaler Bühnen - Premiere 29. September 2005
Die blutjunge Lebedame ist gestorben, wir wohnen Ihrem Begräbnis, eher dem Ritual eines solchen
bei. Mit den Klängen des "Valse triste" im Vorspiel beginnt die Frau sich wieder zu beleben, so
als würden sich die Spiegel drehen erleben wir noch einmal das lange schöne Sterben der Violetta
Valery. Alexander Hermanns Regie für die Wuppertaler Bühnen besticht durch die Kraft ihrer
Poesie, die ihre starken Bilder durch das kongeniale Farbenspiel des Bühnenbilds und der Kostüme
des Freyer-Schülers Moritz Nitsche zieht. Mal knallig bunt, wie die Bälle im ersten und dritten
Akt, die dem Pinsel eines James Ensor entsprungen scheinen, dann in sanften Pastelltönen eines
Watteau oder Monet für den zweiten Akt bis hin zum surrealistischen Grau und Anthrazit des
vierten Aktes. Hermann inszeniert diesen surrealen Jenseits/Diesseits-Spagat als ein stilles
fragiles Traumspiel im Stile eines Maeterlinck und umhüllt den Zuschauer mit einem Schleier der
Trauer, der ihn magisch fesselt und mitreißt in den Sog dieses Endspiels als Totentanz. Zu
diesem spielte Toshiyuki Kamioka mit dem Sinfonieorchester Wuppertal als eine surreale
Äolsharfe auf: So zart, so unirdisch, jenseitig schön ist Verdis Partitur wohl selten
erklungen. Was schon an seinem Rigoletto-Dirigat zu Beginn der vergangenen Spielzeit
faszinierte, bringt Kamioka hier zur Perfektion, stupende Piani, nervenzerreißende Spannung in
den ausgekosteten Fermaten, die Musik gewordene Fieberkurve der Sterbenden, vom rasenden
Pulsschlag in Agonie bis zum letalen Aushauchen.
In Annette Luig haben Regisseur und Dirigent eine Idealbesetzung gefunden, zwar sind die
Höhenflüge der Koloratur nicht unbedingt ihre Sache, da wirkt die zarte, sehr filigran
geführte Stimme angerauht brüchig, aber wie sie ihre Piani formt und auskostet, wie sie
das Leiden der vom Wege gekommenen gestaltet, das im "Amami Alfredo" als Aufschrei der
gemarterten Seele gipfelt, reiht sie in die Phalanx der großen Violetta-Darstellerinnen
ein. Grandios gelingt ihr der vierte Akt vom zart getupften "addio del passato" bis zu
ihrem atemberaubend gestalteten Tod. Hector Sandoval (Alfredo) war ihr darin ein kongenialer
Partner, ein schier überbordender Tenor mit belcantistischer Italianità . Stefanie Schaefer,
zum Ende der letzten Spielzeit noch die gefeierte Charlotte im Werther, war für die kleine
Rolle der Flora Bervoix eine wahre Luxusbesetzung, wie auch, die hier als eine Art Todesengel
fungierende Annina der großen Danielle Grima. Von der Gastverpflichtung des an der Rheinoper
verpflichteten Ks. Stefan Heidemann als Giorgio Germont hatte man sich in Wuppertal wohl Großes
versprochen. Der verdiente Bariton, ein grandioser Beckmesser und Mozart-Sänger, hatte an diesem
Abend immense Schwierigkeiten, mag es an der ungünstigen Tessitura oder an der zugegeben recht
heiklen Akustik im Schauspielhaus Wuppertal gelegen haben? Ich konnte mich des gesamten Abends
des Eindrucks nicht erwähren, der Sänger suche seine rechte Stimme, seltsam dunkel eingefärbt
mit bauschiger Diktion mochte er stimmlich nur selten überzeugen, machte dies Manko aber durch
ein überzeugendes Spiel wett, Heidemann war von Anfang an ein Grandseigneur.
Großer Jubel für alle Beteiligten war der Dank für einen großartigen Abend, der durch Poesie
und Stille überzeugte, was in der inzwischen recht marktschreierischen Opernwelt recht selten
geworden ist.
Dirk Altenaer