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La Traviata 


Melodramma in drei Akten
Text von Francesco Maria Piave
nach dem Drama La Dame aux camélias von Alexandre Dumas d. J.
Musik von Giuseppe Verdi


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)


Premiere an den Wuppertaler Bühnen im Schauspielhaus Wuppertal am 29. September 2005

Kein Entrinnen für Violetta

Von Thomas Tillmann / Fotos von Milena Holler

Ganz neu ist es vielleicht nicht, Verdis La Traviata als Rückschau der sterbenden Violetta auf ihr eigenes Leben zu inszenieren, aber ein schlechter Einfall ist es deswegen ja auch nicht. Schon während des Preludio defilieren die Männer, denen Violetta sich hingegeben hat, an ihrem toten Körper vorbei, werfen ihr Blumen nach - und rauchen die Zigarette danach, bevor Violetta erwacht. Die Scheibe, auf der die großherzige Kurtisane sich die meiste Zeit aufhalten wird, ist jetzt noch schwarz ausgeschlagen, vorn sind Neonleuchten angebracht, dahinter tun sich Stufen wie bei einer Arena auf, auf der bald der Chor, bald Mitwirkende der nächsten Szenen auf ihren Aufritt wachen und ihre Augen fast nie abwenden von der Traviata. Ein Balkengerüst (das mitunter gefährlich wackelt) deutet einen Raum über dem Rund an, das Moritz Nitsche als Einheitsbühnenbild ebenso hat bauen lassen wie er die wirklich bildschönen Kostüme für die Protagonistin entworfen hat. Regisseur Alexander Herrmann lässt bereits während des Balls im ersten Akt fünf Todesengel auftreten, die Violetta mit ihren Spiegeln umstellen und ihr unmissverständlich klar machen, dass ihre Zeit begrenzt ist.

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Violetta (Annette Luig) kann ihrem Schicksal nicht entrinnen, die Todesengel (Statisterie der Wuppertaler Bühnen) erinnern sie daran.

Die Episode mit Alfredo erscheint ihr als Ausweg aus dem sicheren Tod, aber die Hoffnung ist von kurzer Dauer: Es sind erneut die Todesengel, die ihr das Papier für den verhängnisvollen Brief bringen, und sie weiß, dass ihre Rückkehr in die elegante Welt ihren schnellen Tod bedeutet. Das Fieberdelirium lässt Violetta ein glückliches Ende gemeinsam mit dem Geliebten erleben, aber es ist ein imaginierter Alfredo, mit dem sie ihre Vision von Freude, der Freude der echten Liebe teilen will, er folgt ihr nicht auf das Bühnenrund, sondern bleibt am Rand stehen während des letzten Duetts.

Annette Luig ist nicht nur eine junge, attraktive, schlanke Frau, der man schon rein optisch die Violetta abnimmt. Ihrem schlanken, hellen Sopran mag es noch an den kräftigeren Farben etwa für den zweiten und dritten Akt fehlen, den verzierten Passagen an letzter Leichtigkeit und ihrem Vortrag an dem letzten Raffinement, einige Spitzentöne flackern auch ein bisschen und man hat souveräner attackierte Es in alto gehört, aber insgesamt zieht man doch den Hut vor ihrem erfüllten Gesang, den fragilen Momenten, die gut zur Figur passen, dem fast ganz in mezza voce vorgetragenen, zweistrophigen "Addio del passato", nach dem es sekundenlang absolut still war im Zuschauerraum.

Hector Sandoval ist eine gute Wahl für den Alfredo: Sein Tenor ist zwar eindeutig lyrisch fundiert, aber nicht zu hell, er spricht auch in der Höhe sehr leicht an, was den Sänger an der einen oder anderen Stelle zum Interpolieren von Spitzentönen animiert und als Zeichen seines jugendlichen Ungestüms durchaus Wirkung erzielt; in seiner Arie zu Beginn des zweiten Aktes etwa scheut er kein Risiko und singt die Cabaletta mit beeindruckender Verve. Daneben steht aber auch das Bemühen um feinere Nuancen, um Piani und Ausdruck, was den Umstand aufwiegt, dass das Timbre nicht das edelste und dass der Klang der Stimme nicht der strahlendste ist.

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Alfredos Vater (Ks. Stefan Heidemann) macht Violetta (Annette Luig) unmissverständlich klar, was er von ihr erwartet.

Stefan Heidemann ist ein erfahrener, reifer Interpret des Germont père, der szenisch freilich kein Greis ist, sondern ein Mann in den besten Jahren, der sich unter anderen Umständen vielleicht auch in Violetta verguckt hätte. Sein ehemals lyrischer Bariton klingt viel dunkler als erinnert und viel besser, wenn der Sänger nicht drückt und forciert, sondern sich ganz auf seine Legatofähigkeiten und seine differenzierten Gestaltungsmöglichkeiten verlässt - der lange Applaus nach dem Duett mit Violetta belegte es, aber auch das sehr sensible, mit geschmackvoll eingesetzter messa di voce gestaltete "Di Provenza".

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Nachdem der alte Germont verschwunden ist, gibt sich Violetta (Annette Luig) ganz ihrem Kummer hin.

Stefanie Schaefer ist eine vitale Flora mit interessant timbriertem, frischen Mezzo, Danielle Grima eine Autorität und Säule der Wuppertaler Bühnen seit Jahrzehnten und nun eine wenig nette, kühle Annina mit kaum reduzierten Mitteln, Christoph Stegemann ein einprägsamer Grenvil, Reinhold Schreyer-Morlock ein fieser Baron, und auch bei den übrigen Mitwirkenden gibt es keine wirklichen Ausfälle. Nicht immer wie aus meinem Mund sangen dagegen die Damen und Herren des Chores, die einfach auch damit überfordert waren, nicht eben unkomplizierte und dabei doch auch reichlich überflüssige Tanzschritte auszuführen. Gerade beim berühmten Brindisi - und da wird in Wuppertal auch gern einmal mitgesungen im Parkett - waren Chor und Orchester hörbar auseinander.

Toshiyuki Kamioka akzeptiert den Vorrang der Bühne in dieser Produktion und konzentriert sich im Wesentlichen auf eine diskrete Begleitung der ja nicht unerheblich geforderten Solisten, deren Stimmen im Schauspielhaus ungeschönt ausgestellt werden. An manchen Stellen allerdings hätte man sich doch etwas zupackendere Töne und ein klareres Konzept gewünscht, nicht nur bei den federnd-energisch ausgeführten Begleitfiguren. Das Orchester selbst klang mitunter arg dumpf, was natürlich daran liegen mag, dass der Graben im Interimsquartier wohl nicht wirklich für Opernaufführungen konzipiert war.

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"Parigi, o cara" - dass Violetta (Annette Luig) am Ende ihres Lebens noch einmal auf den geliebten Alfredo (Hector Sandoval) trifft, ist nichts als eine Fieberfantasie.


FAZIT
Ein Abend der leisen, verinnerlichten und vielleicht gerade deshalb so berührenden Töne, der bemerkenswerten Einzelleistungen und eines insgesamt überzeugenden Gesamtkonzepts!

© 2005 - Online Musik Magazin
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E-Mail: oper@omm.de


Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Milena Holler
Flora

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