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Der Opernfreund


ohne Datumsangabe, von Ludwig Steinbach
  Les Troyens (Die Trojaner)

Stefanie Schaefer gab einen herrlich verhaltensgestörten, stark pubertierenden Ascagne


DIE TROJANER zum 3.)
Von Geistern umgeben

Ein in jeder Beziehung fulminanter Einstand ist der neuen Leitung des Badischen Staatstheaters Karlsruhe um Peter Spuhler (Intendant), Joscha Schaback (Operndirektor) und Bernd Feuchtner (Chefdramaturg) mit der Neuproduktion von Hector Berlioz’ Oper „Les Troyens“ gelungen. Wir scheinen derzeit eine regelrechte Berlioz-Renaissance zu erleben. Allein in den letzten Jahren wurden allein von den „Troyens“ zahlreiche bedeutsame Produktionen herausgebracht, darunter in Mannheim und in Stuttgart. Nun also auch in der badischen Metropole, wo das Riesenwerk seit 121 Jahren nicht mehr zu hören war. Damals -1890 - leitete der langjährige Karlsruher Hofkapellmeister und Wagner-Assistent Felix Mottl die auf zwei Abende verteilte und erheblich gekürzte Aufführung. Der erste Teil des Opus Magnum „La prise de Troye“, den Berlioz selbst nie auf der Bühne erlebte, wurde damals sogar aus der Taufe gehoben. Mit Blick auf Mottls Vorgehensweise präsentiert jetzt auch das Badische Staatstheater die gewaltige Oper in zwei Fassungen: In den ersten Vorstellungen werden der erste und der zweite Teil - Titel des letzteren: „Les Troyens a Carthage“ - zusammenhängend aufgeführt, spätere Vorstellungen werden auf zwei Tage verteilt. Über den Grund dieser Aufspaltung kann man nur spekulieren. Wollte man in Karlsruhe Mottls historischer Aufführung eine Reverenz erweisen oder beabsichtigte man die Zuschauer zu schonen? Das erste Argument wird wohl eher zutreffen, denn dem Opernpublikum dieser Stadt kann man schon was zumuten. Jedenfalls verfügt es über genügend Sitzfleisch, um die manchmal noch längeren Wagnerschen Musikdramen problemlos durchzustehen, die ja auch nicht auf zwei Tage verteilt werden. Striche gab es Gott sei Dank nur wenige. Bis auf die nicht so essentiellen Balletteinlagen, mit denen der Komponist damals wohl nur den Ansprüchen seiner Zeit an eine französische Grande Opera genügen wollte, wurde das Werk am Badischen Staatstheater nahezu vollständig gegeben, was sicher kein Fehler ist, denn diese Oper birgt enorme musikalische Schätze. Es ist Intendant Spuhler sehr zu danken, dass er dieses enorme und überaus reizvolle Werk auf den Spielplan setzte. Auf weitere Ausgrabungen aus dem Bereich der der großen französischen Oper, die in Karlsruhe für die nächsten Jahre anvisiert werden, kann man schon gespannt sein.

Regisseur David Hermann hat aus dem Werk weder ein Historienstück gemacht noch es vordergründig aktualisiert. Er und sein Bühnen- und Kostümbildner Christof Hetzer setzen vielmehr auf eine zwar manchmal etwas bedächtig anmutende, aber stets genaue und logische Erzählweise in einem eher konventionellen, zeitweilig abstrakten Ambiente. Dabei lassen sie geschickt auch romantische und moderne sowie suggestive und psychologische Zitate einfließen. Im ersten Akt wird der Raum von einer nach hinten aufsteigenden schiefen Ebene dominiert. Zahlreiche halb aufgerichtete und von Speeren durchstoßene Schilde assoziieren das Schlachtfeld vor den Mauern Trojas, auf dem nicht nur Hector den Tod fand. Mit Hilfe der Drehbühne ist ein rascher Schauplatzwechsel zu einem marode und heruntergekommenen wirkenden Schutzbunker möglich, in dem die letzten, in altmodische weiße Kostüme gekleideten Trojaner Unterschlupf finden und in dem ihre Frauen, von Cassandre motiviert, den kollektiven Freitod wählen. Einen gewaltigen Eindruck hinterließ die Deutung des Trojanischen Pferdes: Ein riesiger Heliumballon, der, von der Intendantenloge herabschwebend, sich seinen Weg durch den gesamten Zuschauerraum bis zur Bühne hin bahnt, in deren hinterem Teil er schließlich zu Boden geht. Ein ausgezeichneter Regieeinfall war es auch, den von Ulrich Wagner hervorragend einstudierten und äußerst präzise singenden Chor über lange Strecken über das Parkett verteilt singen zu lassen, was einen wunderbaren Höreindruck ganz eigener Art ergab. Durch diese Durchbrechung der vierten Wand wurde der Zuschauer geschickt in das Geschehen integriert.

Im zweiten Teil unternehmen Äneas und seine Getreuen gleichsam eine Reise in die Gegenwart. Sie betreten das Land der in zeitgenössische grüne Kostüme gekleideten Karthager, die sich augenscheinlich gerade auf der Schwelle zu einer neuen Ära befinden und Massenmedien sowie Telekommunikation für sich entdecken. Wieder bezieht der Regisseur gekonnt den Zuschauerraum in das Geschehen mit ein. Zahlreiche Reporter laufen durch die Zuschauerreihen und filmen die zunächst vom Rang ihre große Ansprache haltende Didon. Ihr Bild wird auf den zunächst noch geschlossenen Vorhang projiziert. Das ganze Opernhaus wird auf diese Weise zu einem einzigen großen Karthago. Wenn dann schließlich der Vorhang aufgeht, wird schnell klar, dass dieses neue karthagische Zeitalter auf etwas wackligen Beinen steht. Seine Fundamente sind nicht gesichert. Didons als eher gutbürgerliches Gartenhaus der Jetztzeit gedeuteter Palast wirkt noch ziemlich unfertig und in seiner schrägen Lage recht instabil. jederzeit der Gefahr des Absturzes ausgesetzt; ein treffliches Sinnbild für den nicht gefestigten Karthago-Staat, dessen gesellschaftliche Strukturen nur äußerlich modern sind. Die konzentrischen Kreise der Drehbühne erlauben auch jetzt, den Handlungsort schnell zu variieren. Nacheinander erscheinen das Dormitorium der Trojaner und ein weißer, leerer Seelenraum, in dem Didon am Ende Selbstmord begeht. Aller äußerer Prunk ist von ihr abgefallen. Im Sterben zieht sie sich ganz in ihr Inneres zurück. Diese sehr beeindruckende Szene, in der sich die Königin zunächst ihr Gesicht mit blauem Blut - Zeichen des Adels - beschmiert und mit diesem dann die Wände beschmiert, erinnert an die Hiroschima-Bilder des Malers Yves Klein. Auf sehr beklemmende Art und Weise problematisieren Hermann und Hetzer hier eines der brisantesten Themen der Gegenwart: Die ständig latent vorhandene Gefahr durch die Atombombe. Die diesbezügliche Warnung des Regieteams war nicht zu übersehen.

Die Farbe Blau spielt eine zentrale Rolle in der Inszenierung. Nicht nur Didons Blut und das der Trojanerinnen sind blau. Auch die zahlreichen durch das Stück geisternden Gespenster sind weisen diese Farbe auf. Neben Hectors Schatten sind es v. a. Priamos, Cassandre, Polyxene, Didons toter Gemahl Sychaeus und etliche gefallene Trojaner, die immer wiederkehren und als virtuelle Gebilde aufzufassen sind. Hector und die Soldaten erscheinen als Mahnmale der Pflichterfüllung. Sychaeus’ Erscheinen belegt Didons von ihrer neuen Liebe zu Enee ausgelösten großen inneren Zwiespalt, den sie nicht bewältigen kann. Polyxene ist hier weniger als Schwester Cassandres zu begreifen, sondern als ein Persönlichkeitsteil der Seherin, der sich von ihr abgespalten hat - Freud lässt schön grüßen. Diese an Heiner Müller gemahnende „Ebene der Toten“ ist es, die Hermann besonders interessiert. „Die Schatten der Toten sitzen den Lebenden im Nacken“, so der Regisseur, der damit gekonnt auch die Frage nach dem eigenverantwortlichen Handeln der Menschen aufwirft. In seiner Interpretation sind die Handlungsträger jedenfalls allesamt von der Geisterwelt beeinflusst. Das war alles sehr überzeugend und auch schön anzusehen.

GMD Justin Brown am Pult vermochte den ersten und den zweiten Teil klanglich gut voneinander abzugrenzen. Die Troja-Akte untermalte er mit dunklen und bedrohlichen Klangfarben und erzeugte eine düstere Endzeitstimmung. Die Karthago-Akte präsentierte er aufgehellt und mit lyrischer Eleganz, wobei insbesondere das große Liebesduett zwischen Didon und Enee eine berauschende Wirkung entfaltete. Leider schien die Badische Staatskapelle mit den Finessen der französischen Grande-Opera - noch - nicht allzu vertraut zu sein. Die letzten Feinheiten der Riesenpartitur blieben die Musiker leider schuldig. So manche Stelle hätte man sich etwas expressiver und markanter gewünscht.

Von den Sängern ist an erster Stelle Heidi Melton zu nennen, die als Didon eine wahre Glanzleistung erbrachte. Darstellerisch stürzte sie sich mit größter Vehemenz in ihre dankbare Rolle und vermochte auch gesanglich mit ihrem ungemein ansprechenden dunklen Sopran italienischer Schulung, den sie sehr gefühlvoll und ausdrucksintensiv sauber dahinfließen ließ, zu begeistern. Schon jetzt ist dieser begnadeten Sopranistin eine große Karriere vorauszusagen, in der Wagner wohl eine herausragende Rolle spielen wird. Gut gefiel auch Christina Niessen, die mit etwas herber, aber insgesamt solide focussierter und prägnanter Stimme den Warnungen der Cassandre ein glaubhaftes Profil zu verleihen wusste. Das hohe Niveau der beiden Frauen konnte John Treleaven als Enee nicht halten. Aufgrund einer Erkältung, deretwillen er sich zu Beginn entschuldigen ließ, war er manchmal ziemlich schwach auf der Brust und hatte Schwierigkeiten, seinen an sich schönen Heldentenor im Körper zu halten. Einige Höhen hörten sich reichlich gequält an. Mit ordentlich gestütztem Bariton und einfühlsamer Linienführung gab Armin Kolarczyk einen ansprechenden Chorebe. Mit wunderbarem noblem Bassmaterial, das er differenziert und nuancenreich einsetzte, stattete Ks. Konstantin Gorny den Narbal aus. Ein stimmstarker Panthee war Lucas Harbour. Stefanie Schaefer gab einen herrlich verhaltensgestörten, stark pubertierenden Ascagne, dem sie mit rundem, dunklem Mezzosopran auch vokal voll gerecht wurde. Karine Ohanyan war eine tadellose Anna. Indes scheint die Alt-Tessitura der Partie für ihren Mezzosopran etwas zu tief zu liegen. Eleazar Rodriguez konnte als Iopas v. a. in der Mittellage mit kernigem Tenorklang punkten. Er sollte aber daran arbeiten, seine Stimme auch im oberen Bereich in den Körper zu bekommen. Gänzlich bar jeder soliden Körperstütze sang der aus Berlin als Einspringer herbeigeeilte Yosep Kang Helenus und Hylas. Gefällig gab Luiz Molz den Priam und auch Avtandil Kaspeli machte als Schatten Hectors und als Merkur mit mächtigem Bassklang und charismatischem Auftreten auf sich aufmerksam. In den Partien der Polyxene und der Hecube rundete die vokal noch nicht gänzlich ausgereifte junge Veronika Pfaffenzeller das insgesamt beachtliche Ensemble ab.

Fazit zum Schluss: Ein großartiger Opernabend, der der Karlsruher Oper alle Ehre macht. Berlioz scheint sich einer immer größer werdenden Beliebtheit zu erfreuen. Gerade einen Tag nach dieser denkwürdigen Aufführung fand in Stuttgart die Premiere seiner dramatischen Legende „La damnation de Faust“ statt - ein Werk, das auch in den französischen Opernreigen des Badischen Staatstheaters gut passen würde. In Brüssel lief vor einigen Jahren eine von Olivier Py geschaffene überaus interessante Produktion des Berlioz’schen „Faust“. Dieser grandiose Regisseur muss endlich auch mal in Deutschland arbeiten. Wäre es nicht eine gute Idee, seine spektakuläre Inszenierung von „Fausts Verdammnis“ nach Karlsruhe zu holen? Eine Option, die Peter Spuhler und Joscha Schaback vielleicht einmal in Erwägung ziehen sollten.





Fotos zu dieser Aufführung:
Foto: Jochen Klenk
Ascagne

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