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  Werther

Drame lyrique in vier Akten
Text von Édouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann
nach dem Roman von Johann Wolfgang von Goethe
Musik von Jules Massenet


in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere an den Wuppertaler Bühnen im Schauspielhaus Wuppertal am 20. Mai 2005


Am Tropf der Poesie

Von Silvia Adler / Fotos von Milena Holler

Der weiblichen Verführungskunst sind auf der Opernbühne keine Grenzen gesetzt: mal bedient sie sich aufsehenerregender äußerlicher Effekte, setzt auf glanzvolle Roben, raffinierte Frisuren und tiefe Decolletes - mal lockt sie mit dem edlen Charakter der todesmutigen Heroine, kokettiert mit mädchenhaftem Charme oder betört als erotisch unberechenbare Femme fatale.

Foto: Milena Holler

Hausfrau Charlotte (Stefanie Schaefer, sitzend) kümmert sich nur um die kleinen Geschwister, sondern auch um den Besucher Bailli (Christof Stegemann)

Im Gegensatz zu den großen Verführerinnen der Opernliteratur besitzt die Charlotte in Jules Massenets 1892 uraufgeführtem Werther keines dieser Attribute. Als Werther die älteste Tochter eines verwitweten Amtmannes kennen lernt, beeindruckt ihn vor allem ihre Natürlichkeit. Im Kreis ihrer jüngeren Geschwister, denen sie die Mutter ersetzt, erscheint ihm Charlotte als Idealbild weiblicher Unschuld und Tugend.
Die friedliche, als ideal empfundene Szene im Hause des Amtmannes wird für Werther zum Leitbild und persönlichen Lebensentwurf. Sie ist der Schüssel für die unbegreifliche Katastrophe, auf die das Stück von nun an unaufhaltsam zusteuert. Nachdem Werther der Traum vom vollkommenen Glück einen Moment lang real vor Augen gestanden hat, gibt es für ihn kein Zurück. Auch wenn längst feststeht, dass Charlotte ihren Verlobten Albert heiraten wird, ist ein Leben ohne sie für ihn unvorstellbar.

Foto: Milena Holler

In dieses bürgerliche Familienidyll platzt Werther (Edgardo Zayas)

Sowohl Goethes Romanvorlage als auch Massenets an Dramatik kaum zu übertreffende Musik erweisen sich als emotionale Selbstläufer. Bereits beim ersten Zusammentreffen von Charlotte und Werther sind die Weichen gestellt – das im Selbstmord endende Finale erscheint als unabwendbare Konsequenz.
In Gestalt eines schwarzgekleideten Totengräbers ist die bevorstehende Katastrophe in der Inszenierung des Regieteams Susanne Boetius und Jürgen Tamchina von Anfang an präsent. Bereits in den idyllischen Szenen des ersten Aktes herrscht – trotz der bunt ausstaffierten Kinderschar - eine bedrückende Atmosphäre. Wuchtige Balken markieren in Hans Dieter Schaals Bühnenbild eine Dachstube, deren massive, streng geometrische Formen seltsam kalt und unwirtlich erscheinen. Doch auch wenn sich das äußere Bild als stimmig erweist, fehlt es dem Stückauftakt an innerer Glaubwürdigkeit. Teils unbeholfen, teils oberflächlich, versäumt es die Personenregie, den dramatischen Konflikt der entscheidenden ersten Schlüsselszene auf den Punkt zu bringen.

Fast fahrlässig scheinen die Protagonisten sich selbst überlassen; die Charaktere bleiben vage und erstarren häufig in opernhaft-affektierter Pose. Vor allem die Charlotte – technisch versiert und klangschön gesungen von Stefanie Schaefer – lässt im ersten Akt jede anrührende Natürlichkeit vermissen. Im orangeroten Ballkleid wirkt sie nicht unschuldig, sondern vielmehr launenhaft-kapriziös. Gekünstelt und aufgesetzt erscheint nicht nur der Umgang mit den jüngeren Geschwistern, sondern auch die Beziehung zu Werther. Der Figur fehlt es spürbar an innerer Ruhe und Seelentiefe, die ihren Zauber und ihre eigentliche Anziehungskraft ausmacht.

Foto: Milena Holler

Im Zwiespalt der gefühle: Charlotte, erst nach der Pause leidend

Glaubhafter verkörpert dagegen Edgardo Zayas die leidenschaftlich-düstere Emphase des Werther. Allerdings besitzt sein nicht immer ausgeglichen klingender Tenor für die dramatische Partie nicht die nötige Größe. Besonders den Spitzentönen fehlt es an Volumen und Strahlkraft. Stimmlich überzeugend behauptet sich Kay Stiefermann als Albert. Auch darstellerisch gewinnt er seiner Rolle einiges ab - auch wenn Regie und Kostüm die Partie allzu eindimensional in die Nähe einer Spießbürgerkarikatur rücken lassen. Wie ein bunter Fremdkörper wirbelt Michaela Maria Mayer als Sophie durch das abgründige Geschehen. Trotz der soliden Gesangsleistung nimmt ihre aufgekratzt- aktionistische Soubrettenattitüde der Rolle viel von ihrer Wirkung.

Foto: Milena Holler

Von der bürgerlichen Fassade erdrückt: Werther tot am Boden, Charlotte betrübt daneben

Erst im dritten und vierten Akt gelingt es der Inszenierung, den Funken auf das Publikum überspringen zu lassen. Wie in einem Albtraum senkt sich im Schlussbild die Decke herab, als wolle sie die Protagonisten unter sich begraben. Dass die Aufführung plötzlich unter die Haut geht, liegt nicht nur an der hervorragenden sängerischen Leistung von Stefanie Schaefer. Mitgerissen vom dramatischen Handlungsverlauf der Romanvorlage, scheinen die Darsteller alles Starre und Künstliche hinter sich zu lassen und agieren auf einmal ganz nah am Puls der emotionsgeladenen Musik. Angetrieben vom facettenreich und farbig klingenden Orchester unter Enrico Delamboye entfaltet das Bühnengeschehen plötzlich eine emotionale Wucht, die man anfangs vermisst hat.


FAZIT
Ein großartiges Stück, das seine Wirkung auf den Zuschauer trotz der ungeschickten Personenregie nicht verfehlt!




Fotos zu dieser Aufführung:

Foto: Milena Holler
Charlotte


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